Kreis Heidenheim Experte zur Pilz-Saison: „2018 ist ein Totalausfall“

Kreis Heidenheim / Catrin Weykopf 10.09.2018
Pilzsammler könnten heuer leer ausgehen. Der Gerstetter Georg Schabel sieht in den dürftigen Erträgen eine Folge des Klimawandels.

Kein Pilz, nirgends? Die Pilzsaison 2018 dürfte in vielen Bereichen des Landkreises äußerst dürftig ausfallen. Georg Schabel ist Pilzsachverständiger und beobachtet die Entwicklung der vergangenen Jahre mit Sorge, denn die Bedingungen für Pilze sind – mit einer Ausnahme – nun schon mehrere Jahre hintereinander nicht gut.

Herr Schabel, der Sommer 2018 war extrem trocken und heiß. Was bedeutet das für die Pilze?

Georg Schabel: Ganz ehrlich? Der Sommer bisher war ein Totalausfall und zwar nicht nur in Sachen Speisepilze, sondern bei allen Pilzsorten.

Liegt das nur am trockenen Sommer?

Nein. Das begann dieses Jahr schon mit dem Frühjahr. Da hat es ja auch kaum geregnet. Gehen Sie mal in den Wald, heben das Moos und die Blätter hoch und kratzen Sie mit einem Stöckchen. Es ist staubtrocken.

Obwohl es vergangene Woche sogar geregnet hat?

Das bisschen Regen bringt gar nichts. Davon kommt im Wald nichts im Boden an.

Das klingt ziemlich pessimistisch.

Ja, ich muss sagen: Seit ich Pilze sammele, ist dieses Jahr bisher das schlechteste Jahr überhaupt.

Das haben Sie vor zwei Jahren auch schon einmal gesagt.

Ja. Aber daran sieht man, wie drastisch die Situation ist. Von den letzten fünf Jahren waren drei schlecht, eins durchwachsen und eins gut.

Das gute war 2017?

Ja, genau.

Und warum ist das so?

Es ist der Klimawandel, der sich hier bemerkbar macht. Dieses Jahr habe ich beispielsweise schon einen Leuchtenden Weichporenschwamm gefunden. Das ist ein Pilz, der auf totem Fichtenholz lebt. Der mag es sehr warm. Vor 30 bis 40 Jahren haben Sie den auf der Alb quasi nicht finden können. Inzwischen sehe ich ihn immer öfter.

Macht sich der Klimawandel Ihrer Meinung nach noch in anderer Hinsicht bei den Pilzen bemerkbar?

Wenn man sich anschaut, wann früher die Pilzsaison war und wann sie heute ist, fällt der Unterschied deutlich auf: Früher war der September der Pilzmonat schlechthin. Inzwischen gehört er eher zu den Sommermonaten, ist oft trocken und noch sehr warm, sogar heiß. Dafür können Anfang Oktober dann schon die ersten Fröste kommen. Und sobald Frost herrscht, ist es mit der Pilzsaison so gut wie vorbei. Der Zeitraum, in dem die Bedingungen ideal sind, wird immer kürzer.

Ist der Totalausfall, wie Sie es nennen, denn überall im Kreis gleich schlimm oder trifft er nur die Gerstetter Alb?

Es kommt drauf an. Wenn über einen Landstrich zufällig diesen Sommer viele Gewitter mit Regen gezogen sind, kann es schon sein, dass Pilze lokal auf diesen paar Hektar Fläche eine Chance haben. Aber auf die Gesamtheit gesehen ist dies im Landkreis heuer sicher nicht der Fall. Da herrscht tote Hose.

Gäbe es denn eine Chance, dass sich das noch ändert? Wenn es mal richtig regnen würde beispielsweise?

Eine endgültige Prognose kann ich natürlich nicht geben. Es ist schon möglich, dass sich noch was tut. Aber selbst dann ist es völlig unvorhersehbar, wo und welche Pilze dann noch wachsen. Und man muss schon sagen: Es müsste wirklich jetzt eine Woche durchregnen und danach warm werden, damit ein signifikantes Pilzwachstum noch stattfinden könnte. Und man darf nicht vergessen: Maden und Würmer sind auch auf der Suche nach Pilzen. Man muss dann schneller sein als sie.

Wenn ich jetzt im Wald bei mir um die Ecke hier und da einen kleinen Pilz sehe, heißt das, dass die Chancen dort grundsätzlich noch nicht aussichtslos sind?

Ich fürchte nein. Denn das, was man derzeit sieht, sind kleine und kleinste Pilzarten. Die kommen mit wenig Wasser aus – also wirklich mit Tau, Nebel und ein paar Regentropfen. Das sind Pilze, die Biomasse zersetzen, so genannte Folgezersetzer. Die sind viel genügsamer als die stattlichen Speisepilze, die man gerne sammelt.

Was empfehlen Sie Pilzammlern denn dann für dieses Jahr? Gleich zu Hause bleiben?

Nein, wie gesagt, man kann örtlich und in Einzelfällen ja Glück haben. Aber im Zweifel muss man sich heuer eben mit guten Zuchtpilzen aus dem Supermarkt trösten. Da gibt's auch tolle Rezepte.

Ja? Lassen Sie mal hören?

Sie hacken vier bis fünf Koblauchzehen, bräunen diese schön an, nehmen ihn wieder aus der Pfanne und braten im gleichen Öl 300 bis 400 Gramm fein geschnittene Kräuterseitlinge. Dazu geben Sie einen Schuss Bier und lassen alles fünf bis zehn Minuten ziehen, so dass die Flüssigkeit wegköchelt. Dann den Knoblauch wieder dazu, vielleicht noch kleine, gekochte Kartoffelscheiben unterheben und Sahne drauf – aber nur so viel, dass es keine Brühe in der Pfanne gibt. Ein bisschen Salz dran, fertig. Köstlich.

Wer ist Georg Schabel?

Georg Schabel ist Pilzsachverständiger der deutschen Gesellschaft für Mykologie. Er hält Vorträge, gibt Kurse in Pilzfotografie, macht Führungen und ist darüber hinaus Experte für Pilzvergiftungen.

Schabels Interesse an Pilzen entstand von 19 Jahren, nachdem er wegen eines gesundheitlichen Problems den Leistungssport aufgeben musste und - statt zu Laufen - eine neue Passion suchte. Statt während des Marathon-Trainings durch Wälder zu rennen, durchstreift er sie heute langsam und mit Blick zum Boden - immer auf der Suche nach einem interessanten Pilz.

Bei unklaren Funden oder sonstigen Fragen zu Pilzen ist er erreichbar unter 0176.10166497. cat

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