Königsbronn / Reinhard A. Richardon Der Königsbronner Paul-Reusch-Kindergarten weicht nach neun Jahrzehnten einem Neubau. Erinnerungen an unschuldige Kinderjahre.

Mehr als 60 Jahre ist es her, dass der Fotograf dieses Gruppenbild im Eingangsbereich des Königsbronner Paul-Reusch-Kindergartens geschossen hat. Eine ewig lange Zeit. Der gebürtige Königsbronner und Industriemanager (Gutehoffnungshütte Oberhausen, 1868-1956) hatte die soziale Einrichtung gestiftet – jetzt wurde sie abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen. Reinhard A. Richardon hat seine Kameraden von damals nach ihren Erinnerungen an ihre Zeit im Paul-Reusch-Kindergarten gefragt. Dabei kam die Sprache auch auf Erzieherinnen wie Tante Strohmeier, Tante Erne und Frau Prechtel, die das Leben der damals jungen Königsbronner prägten.

Reinhard A. Richardon

Reinhard A. Richardon
© Foto: privat

„Geboren bin ich 1950 im Haus Nummer 29 an der Heidenheimer Straße, praktisch genau gegenüber auf der anderen Seite der Bahngleise“, erinnert sich Reinhard A. Richardon (Gruppenbild: 1, Bild links: Vordergrund). „Doch meine Familie hatte noch im selben Jahr im Frauental gebaut.“ An der nahen Carl-Zeiss-Straße, berichtet er, habe sich morgens das „Festzügle“ gesammelt. Zwei-und-Zwei, das lederne Vespertäschle umgehängt, stöpselten die Kinder so durch die Frauental-Kastanienallee und vorbei an Hüttenwerk und Pfefferursprung über die B 19 in Richtung Bahnschranken und Kindergarten. „Vorne eine Kindergärtnerin, am Ende eine der Mütter. Und man war mächtig stolz, wenn es die eigene war.“ Im Haus mit den zwei großen Räumen wurden dann die Schuhe aus- und von den Müttern gefertigte Bambuschen angezogen, um das Parkett zu schonen. Und noch etwas ist Richardon unvergessen geblieben: „die kleine, grüne Zimmer-Rutsche, die man leider nur selten benutzen durfte, und dass man an seinem Geburtstag mit einem hölzernen Steckenpferd um die anderen Kinder, die im Kreis am Boden saßen, sangen und klatschten, ritt.“ Die Erinnerung an das Spielen im Garten mit Eierlauf und im Sandkasten ist dem heutigen Heidenheimer ebenfalls geblieben. Außerdem weiß er noch, dass „wir uns die Nasen an den Scheiben des Kellergeschosses platt gedrückt haben, weil da viel Holz und Material für den Modellbau lagerte“.

Traudl Grupp

Traudl Grupp.
© Foto: privat

„Also, ich erinnere mich immer noch daran: Wenn man Geburtstag hatte, hat ,Tante‘ Strohmeier einen Apfel in der Mitte mit Zacken aufgeschnitten und ihn dann auseinandergeklappt und es sah aus wie eine Krone“, sagt Traudl Grupp (2), die heute in Vancouver/Kanada Reiseleiterin ist. Auch ans „Festzügle“ erinnert sie sich noch. „ Ich habe immer meinen besten Freund, meinen Vetter Ulrich Grupp, an der Hand gehalten und wir sind in einer Zweier-Formation in Richtung Aalener Straße gelaufen.“ Wenn dann die Schranke am Bahnübergang geschlossen war, sei man immer ganz erstaunt über die großen Dampflokomotiven gewesen, die ihnen eine Kindergärtnerin erklärt habe. Grupp: „Man kam sich dann immer so klein vor, wenn die Dampfrösser an einem vorbeigefahren sind.“ Außerdem ein Höhepunkt: Das Kinderfest mit dem Festzug im Sommer. Dann seien alle Kinder „hübsch gekleidet und super frisiert“ und mit einem Blumenkränzchen im Haar auf den Festplatz marschiert. Und sonst? „Ich kann mich nur an Tante Strohmeier erinnern, und an ihre Güte. Heute noch denke ich an sie, weil sie unsere Kindergartenzeit verschönert hat“, sagt Grupp.

Anne Menzel-Ludwig

Anne Menzel-Ludwig.
© Foto: privat

„Erinnern kann ich mich ans Nikolaus-Abholen aus dem Wald, das Ostereier-Suchen unter dem Herrenstein, das Spielen mit den bunten, halbrunden Muggel-Glassteinen“, sagt Anne Menzel-Ludwig (6). „Und war es nicht immer so, dass sich die Schulkinder Berufe vorstellen sollten und wir uns entsprechend verkleidet haben, bevor wir in die Schule kamen?“ Manchmal, so weiß die frühere Lehrerin, sei man auch auf den Sportplatz nebenan gegangen und habe an den Stangen geturnt. „Es war eine schöne Zeit. Besonders schön empfand ich, dass meine beiden Söhne auch den Paul-Reusch-Kindergarten besucht haben“, sagt Menzel-Ludwig, die an der benachbarten Georg-Elser-Schule unterrichtet hat.

Ade Frey

Ade Frey.
© Foto: privat

Zum Paul-Reusch-Kindergarten fällt Ade Frey (3) zu allererst ein: „Tante Strohmeier!“ Außerdem erinnert sich die Berliner Künstlerin an erste Reformpädagogik nach dem Krieg: „singen, basteln, Arsch versohlen, Ecke stehen, singen, Bauklötzchen, Kinderwaschbecken und richtige Kinderklos“. Weiter gehen ihre stichwortartigen Erinnerungen mit: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne, schöne bunte Papierstreifen und Webnadel, Bauhaus, abstrakte Kunst. Schwein gehabt – zwei Schweineaugen gegen Vaters Brezel (Anm. der Redaktion: ihr Vater war Bäckermeister Frey), getauscht auf dem Weg zum Kindi beim Ochsen-Metzger hinten an der Brenz vorbei. Zudem unvergesslich: „diese Murmeln in der Hosentasche der Trainingshose. Augen! Und eine neue Schweineblase abgeholt zum Trommeln im Kindi“. Denn die Tamburine im Kindergarten seien immer mit Schweineblasen neu bezogen worden.

Anton Koller

Anton Koller.
© Foto: privat

„Ich erinnere mich besonders gern an Tante Strohmeier und die gedörrten Apfelschnitze, die wir im Winter bekamen, das war für uns Kinder damals schon was Besonderes“, erinnert sich Anton Koller (4). Denn: „Es gab ja sonst nichts Süßes.“ Er selbst sei immer sehr gern in den Kindergarten gegangen und habe eine gute Zeit gehabt. „Viele Kinder haben aber auch oft geheult“, sagt Koller, der heute Vorsitzender der Zanger Schützen ist.

Peter Schoch

Peter Schoch.
© Foto: privat

„Zwei Gruppen gab es, eine für die aus der Siedlung, die Flüchtlingskinder und die aus dem Nordteil des Ortes, eine für die ,einheimischen Ureinwohner'“, weiß Peter Schoch (5), Architet aus Korntal-Münchingen zu berichten. „Manchmal war es aber auch gemixt.“ Und wie sah ein Tag in dem evangelischen Kindergarten aus? „Man kommt morgens. Möglichst vor 8 Uhr“, erinnert sich Schoch. Wenn nämlich das „Zügle“ kam (eine Art „walking bus“), dann seien die meisten tollen Spielzeuge schon verteilt gewesen. Seine Lieblingstante war Tante Erne. „Wenn ich den Begriff ,Güte' personifizieren sollte, dann mit ihrer Ausstrahlung.“ Ebenfalls in Erinnerung geblieben sind die Freunde aus der Nachbarschaft: Ronald, Gege, die Fornerle . . . „Essen gab's aus dem mitgebrachten ,Täschle'.“ Dann, um 12 Uhr, habe das „Zügle“, alle Hand in Hand, wieder „heimgefahren“. Der Kindi war dann über die Mittagszeit zu, aber nachmittags zwei Stunden offen. „Dies war ein Genuss, aber halt auch viel weniger Kinder.“ Einmal im Monat, mittwochs, war der Kindergarten dann geschlossen – wegen der „Mütterberatung“ des Gesundheitsamtes.

Weitere Erinnerungen: Schlangen von weißen, korbgeflochtenen Kinderwagen. Und: „Im Winter gab's direkt vor dem Haus einen leichten Hang zum Bahnübergang mit einer ,Schleife'. Großartig! Diese durften aber die Kinder aus dem ,Zügle' nicht benutzen. Aber WIR!“ Die Bahnschranken des Fußgängerübergangs (damals gab es noch keine Brücke) wurden von Hand betrieben.

„Dort saß Herr Gruber, der im Krieg einen Arm verloren hatte immer in seinem Wellblechhäusle. Er war ein freundlicher quasi ganz un-königsbronnerischer älterer Herr, der aber schimpfte, wenn man unter den fallenden Schranken hindurchwitschte. Auf der anderen Seite des Übergangs war eine Absperrstange zur Güterwagenwaage. Ein wunderbares Turngerät für uns alle.“

An Nikolaus haben die Kinder den Niklaus und Knecht Ruprecht im Wald auf dem Weg nach Ochsenberg abgeholt und in den Kindi begleitet. Peter Schoch erinnert sich: „Obwohl man wusste, wer ein paar Hiebe abkriegen würde, hatte doch jeder die Hose voll vor Angst. Leider sind einem solche Dinge mehr in Erinnerung als die kleinen Geschenke, die man bekam. Oder bekam man gar nix?“