Herbrechtingen Bindsteinmühle: Eine Müller-Ära geht zu Ende

Herbrechtingen / Manuela Wolf 16.05.2018
Seit vielen Jahrhunderten wird am Rande des Eselsburger Tals Getreide zu Mehl verarbeitet. Vielleicht ist im Sommer Schluss damit. Zwar wird der Sohn von Betreiber Ernst Hopfenziz die Mühle übernehmen, aber nicht als Müller.

Ernst Hopfenziz ist 78 Jahre alt und Müller von Beruf. Immer noch. „Ich mache es für meinen Sohn. Damit der mal was hat“, sagt er. Seine Augen sagen noch viel mehr. Beim Gang durch das Gebäude spiegeln sie ein tiefe Einverständnis wider für diese anstrengende, aber auch erfüllende Aufgabe, die ihn schon sein ganzes Leben begleitet hat. Liebevoll streicht er im Gespräch mit der Hand über das Holz, aus dem die Walzenstühle gemacht sind. Er greift hinein ins Mehl, hält für einen Moment inne, lässt es langsam durch die Finger rieseln.

Turbine ersetzt Mühlrad

Ernst Hopfenziz ist also Müller von Beruf – immer noch. Solange die Gesundheit mitmacht, wird sich daran auch nichts ändern. Alle paar Tage geht er hinunter in den Maschinenraum. Dort erzeugt eine 40 Kilowatt starke Voith-Turbine, die seit der Begradigung der Brenz im Jahr 1960 das Mühlrad ersetzt, rund um die Uhr Strom. Teilweise wird er ins Netz eingespeist, teilweise für den Betrieb der Mühle verbraucht. Hopfenziz dreht an einem Handrad, schaltet damit eine Kupplung ein, ein großes Antriebsrad setzt sich in Bewegung. Das treibt wiederum einen einzigen, handbreiten Riemen an, der die gesamte Mühle in Schwung bringt: 18 Meter hoch, sechs Stockwerke, vollautomatischer Betrieb. Es dauert jedes Mal eine gute halbe Stunde, bis alles rund läuft.

Seit dem großen Umbau im Jahr 1965 gab es keine gravierenden Veränderungen. Die Anlage funktioniert reibungslos. „Wir haben hier halt keine Computer, die alles überwachen und steuern. Wenn ich das Mischverhältnis der Körner ändern will, muss ich das von Hand machen.“ Los geht's unterm Dach, Schwerkraft nutzen. Das Korn wird in robusten Stoffschläuchen nach oben geblasen. Von dort aus durchläuft es zig Stationen, bis es im Erdgeschoss als samtweiches Mehl in Säcke abgefüllt wird. Allein die Vorreinigung umfasst fünf Durchgänge. Sand, Steinchen, Staub, Pflanzenreste, Erde, Metallteile, die Spreu wird sorgfältig vom Getreide getrennt. Dann: Schale aufbrechen, Korn grob, fein und feiner mahlen.

Weißes Mehl braucht mehrere Mahlungen

Die Mühle brummt wie ein riesiger Bienenstock. Auf jeder Etage bewegt sich etwas. Mittels Saugluft wird das Mahlgut durch meterlange Rohre befördert. Auf engmaschigen Sieben wird es mit etwa 200 Umdrehungen pro Minute durchgerüttelt. Förderschnecken, die sich ohne Unterlass drehen, transportieren es zur nächsten Station. Dunkles Vollkornmehl ist nach nur einer Vermahlung fertig, weißes, feines Mehl braucht gut und gerne auch mal 20 Passagen. Ist die Arbeit getan, wird die Anlage wieder runtergefahren. Ruhe kehrt ein.

Ernst Hopfenziz schlägt einen dicken Wälzer mit weinrotem Einband auf. Sein Nachname steht auf dem Buchdeckel, in dreifacher Schreibweise. Der Autor, ein Ahnenforscher, hat darin auch sein Wissen über den Brenzer Zweig aufbereitet, der zwei „z“ im Namen trägt. Seit 1651 waren alle Vorfahren von Ernst Hopfenziz nachweislich Müller von Beruf, seit 1851 ist die Bindsteinmühle in Familienbesitz. Auf Johannes folgte Johann Georg, der Großvater von Ernst Hopfenziz. Dann Ernst Hopfenziz Senior. Dass auch der Junior sein ganzes Leben an diesem bilderbuchähnlichen Fleckchen Erde verbringen würde, hätte der sich in jungen Jahren nicht träumen lassen.

„Etwas mit Elektronik oder mit Holz“ war sein Berufswunsch. Doch die Zeiten hatten sich gewandelt. Um 1950 wurden in der Landwirtschaft die Arbeitskräfte knapp. Waren hier vor ein paar Jahren noch zwei Müller und einige Angestellte damit beschäftigt gewesen, die Mühle, 32 Hektar Land und Dutzende Tiere zu versorgen, musste später notgedrungen reduziert werden. „Bleib wenigstens fürs erste Lehrjahr“, bat der Vater seinen Sohn. Und als das Jahr vorüber war, war ans Weggehen wieder nicht zu denken. In so einem großen Betrieb wird jede helfende Hand gebraucht, „wenn es irgendwo hängt, muss man wissen, wo man hinlangen muss“. Ernst Hopfenziz junior wusste. Und blieb.

Es mangelt an Abnehmern

Großer Wermutstropfen: Es fehlt an Kundschaft, und das seit Jahren. Lohnvermahlungen für Landwirte, die den Weizen lasterweise in den Stadel kippen, sind selten geworden, ebenso kleine Bäckereien und Großfamilien. Ab und an liefert Hopfenziz noch ein paar Säckchen an Privathaushalte aus, „aber das reicht den Leuten dann ewig“. Er ist überzeugt: Auch das breite Angebot an Fertigprodukten hat den Mehlbedarf sinken lassen. Brot, Kuchen oder Spätzle gibt es in jedem Supermarkt und dazu auch noch günstig. Wer kocht, wer backt da noch selbst?

Die Zukunft der Bindsteinmühle ist trotzdem nicht ungewiss: Mit Sohn Daniel steht die nächste Hopfenziz-Generation schon in den Startlöchern. Er wird übernehmen, wenn auch nicht gemäß der Familientradition als Müller. Der 28-Jährige studiert Theologie und plant seine berufliche Laufbahn „im sozialen Bereich“. Vielleicht richtet er sich Seminarräume ein, vielleicht wird er Workshops mit Blick auf die Brenz anbieten, Platz ist mehr als genug. Die Mühle wird dann wohl nur noch sporadisch laufen – wenn überhaupt. „Das wäre sehr schade“, sagt Ernst Hopfenziz. „Aber das ist eben der Lauf der Zeit.“

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