Sontheim/Brenz Eine Idealistin an der Schippe

Ruth Häckh (55) begann Mitte der 1980er-Jahre eine Ausbildung zur Schäferin. Seit 2014 ist sie Sprecherin und Kassiererin im Berufsverband Berufsschäfer.
Ruth Häckh (55) begann Mitte der 1980er-Jahre eine Ausbildung zur Schäferin. Seit 2014 ist sie Sprecherin und Kassiererin im Berufsverband Berufsschäfer. © Foto: Oliver Vogel
Sontheim/Brenz / Jens Eber 28.07.2018
Die Sontheimer Schäferin Ruth Häckh spricht Interview über den Wandel ihres Berufs, den ökologischen Nutzen der Schafe und das Verschwinden Jahrhunderte alten Wissens.

Frau Häckh, wird man als hauptberufliche Schäferin reich?

Man verdient kaum mehr seinen Lebensunterhalt! Das ist aber in anderen Ländern noch viel schlimmer. Wir haben hier wenigstens unser Essen und unsere vier Wände, das haben Hirten in anderen Ländern oft nicht. Sie wissen kaum, wie sie ihre Familien durchkriegen sollen. Und überall fehlt schlichtweg der Nachwuchs. Das spüren wir auch in Deutschland ganz gravierend. Das Durchschnittsalter unserer Schäfer liegt bei 58 Jahren. Man kann es den jungen Leuten auch nicht verdenken. Wenn man von seinem Beruf nicht vernünftig eine Familie ernähren kann, dann nützt auch die Begeisterung nicht auf Dauer. Immerhin: Hier im Landkreis gibt es drei junge Schäferinnen, das ist aber auch die krasse Ausnahme.

Ihr Berufsverband sagt, das Einkommen eines Berufsschäfers liege im Schnitt unter dem Mindestlohn.

Wir kommen auf etwa 6,50 Euro. Und dabei trage ich als Betriebsleiterin das ganze Risiko. Wie könnte ich dann jemanden zum Mindestlohn anstellen, der mehr bekäme als ich, und das ohne Risiko? Das funktioniert nicht. Das können sich die meisten Schäfer nicht leisten und sind in der Folge völlig überarbeitet. Früher gab es noch die älteren Schäfer, die im Ruhestand mal ausgeholfen haben, das hatten wir auch. Aber die Alten gibt es kaum noch – und die Jungen auch nicht. Und eine ungelernte Kraft kann ich nicht mit gutem Gewissen zu den Schafen stellen. Da bleibt man dann lieber freiwillig zu Hause.

In der Landwirtschaft ist es doch in allen Bereichen schwierig.

Uns Schäfer trifft der Strukturwandel, wie überall in der Landwirtschaft, richtig. Die wenigen Bauern, die noch da sind, bearbeiten dann eben immer mehr Fläche, und das auch sehr intensiv. Was wir Schäfer machen, ist aber etwas ganz anderes. Wir pflegen die Landschaften, erhalten die Biodiversität. Das sind die schönsten Landschaften, die wir haben! Da funktioniert es nicht, einfach immer mehr Fläche dazuzunehmen.

Was passiert denn, wenn es keine Schäfer mehr gibt?

Der Kreis Heidenheim ist ein sehr schönes Beispiel: Unser Kreis war schon immer der mit den meisten Schäfern. Der Schäferverein Brenztal war der erste Schäferverein überhaupt. Wir haben hier im Moment noch rund zehn hauptberufliche Schäfereien, aber so, wie es aussieht, werden langfristig noch zwei oder drei übrig bleiben, und die anderen Flächen verbuschen eben.

Dann könnten die verbliebenen Schäfer ihre Betriebe vergrößern.

Nein, wir sind hier ja nicht in Australien, wo ich mit zigtausenden Schafen umherziehen kann. Dazu ist unsere Region viel zu dicht besiedelt und die Kulturlandschaft zu kleinteilig strukturiert.

Müssen dann Maschinen die Landschaftspflege übernehmen?

Selbst wenn man das von Hand oder mit Maschinen pflegt, hat man nie diese Vielfalt an Gräsern, Kräutern und Insekten wie auf einer beweideten Fläche. Durch die intensive Landwirtschaft mit ihren Spritzmitteln haben wir ja eh immer weniger Insekten. Es nützt nichts, wenn ich dem Vogel einen Kasten hinhänge, wenn der nichts mehr zu fressen findet, weil es keine Blumen und Insekten mehr gibt. Also gibt es auch den Vogel bald nicht mehr. Da haben wir wahnsinnige Verluste. Das können wir nicht aufhalten, indem wir mit dem Mulcher über die Heiden fahren oder den Strauch umsägen.

Sie befürchten also den Verlust dieser Kulturlandschaft?

Ja, und auch den Verlust an Artenreichtum. Ein riesiger Verlust!

Glauben Sie, dass dieses Problem in der Gesellschaft gesehen wird?

Ich denke, man weiß zu wenig darüber, was an der Schäferei dran hängt. Die Menschen sehen zwar die Schafe und finden sie toll, aber viele wissen nicht, was dazugehört. Und in der Politik herrscht die Meinung vor, dass es den Schäfern gut geht. Wäre das so, dann hätten wir Nachwuchs und könnten die Betriebe erhalten. Das ist eine Entwicklung, die man erst in fünf oder zehn Jahren sehen wird. Wenn dann aber die Schäfer weg sind, dann ist auch das Wissen weg. Dann ist der Verlust noch größer.Woher kommt die Einschätzung, es gehe den Schäfern so gut? Waren Schäfer schon einmal wohlhabender?

Ja, tatsächlich. In Zeiten, als sie von der Wolle leben konnten, ging es den Schäfern besser. Das war aber noch vor den Zeiten, als es Baumwolle oder Kunstfasern gab. Ein Stück weit konnten die Schafer das durch den Verkauf von Lammfleisch auffangen. Und dann gab es die Ausgleichszahlungen für die Landschaftspflege, die es bis heute gibt. Aber das gleicht uns nie den Aufwand aus. Die Politik arbeitet manchmal mit Zahlen, die einfach nicht stimmen, weil es zu wenig gibt, um repräsentativ zu sein.

Was heißt das?

Wenn es einem Schäfer wirtschaftlich nicht gut geht, dann investiert er auch nicht. Es gibt daher nur Zahlen von den zehn Prozent der Schäfereien, die wirtschaftlich am besten dastehen, weil auch nur diese buchhaltungspflichtig sind. Die anderen können noch so enthusiastisch sein – irgendwann strecken sie die Flügel und suchen sich etwas anderes.

Was müsste passieren, damit der Beruf attraktiver wird?

Es müsste ein Grundeinkommen gesichert sein. Ein Schäfer müsste so viel verdienen, dass er eine Familie ernähren kann. Wenn einer heute reich werden will, dann wird er eh nicht Schäfer. Das schließt sich aus. Wir machen das aus Liebe zu unseren Tieren und zur Natur. Aber man soll davon leben können.

Ein Modell könnte doch sein zu schauen, was ein Schäfer an Dienstleistungen für die Umwelt bietet, für Artenvielfalt und Grundwasserschutz zum Beispiel.

Das wäre das Super-Modell – der Schäfer als agrarökologischer Dienstleister! Dort, wo die Schafe weiden, sind Böden und Trinkwasser gesund. Schäfer leisten da sehr viel, was nicht bezahlt wird. Das könnte man ändern, wenn man das wollte. Aber im Moment wird leider ausschließlich über die Größe der Fläche gerechnet.

Das ist eben leicht zu beziffern.

Ja, aber der agrarökologische Blickwinkel wäre der Ansatz für die Zukunft. Wir wären unabhängig von Wolle- oder Fleischverkauf. Und das muss man machen, bevor das Wissen der alten Schäfer weg ist.

Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen, bevor Sie Schäferin wurden?

Nein. Ja, nein (lacht). Ich fing 1987 die Lehre an und wusste, wie schwierig es damals war. Aber ich wusste nicht, was danach kommen sollte. Es hat sich so viel verändert. Wir hatten gerade unsere Herde aufgebaut, die erste Weide gepachtet, hatten eine junge Familie – und dann fiel die Mauer. Damals verfiel der Wert des Schafes völlig, da die ganzen Herden im Osten aufgelöst wurden. Wir wussten nicht, ob nicht binnen eines Jahres für uns alles den Bach runtergehen würde.

Waren Sie als Frau damals noch „Exotin?“

Ja, ganz bestimmt. Es gab schon immer wieder Frauen als Lehrlinge. Als ich in Heidenheim aber mein erstes Leistungshüten machte, war das ein absolutes Novum. Davor waren nicht einmal Frauen zugelassen gewesen. Aus heutiger Sicht lächerlich. Aber Schäfer war traditionell eben ein Männerberuf.

Also können Männer auch nicht besser hüten?

Nein, auf keinen Fall (lacht). Männer können vielleicht besser mit Maschinen umgehen, aber wenn es um die Schafe selber geht, haben Frauen immer das bessere Händchen.

Was braucht man dafür?

Es ist das Gefühl für die Schafe. Was ist das schlimmste Klischee, das es über Schäfer gibt?

Dass sie nur an der Schippe stehen und nix tun. Und das nur bei schönem Wetter. Das ist der Hammer! (lacht). Der Schäfer steht da auch, wenn es regnet, zu heiß oder kalt ist oder ein Gewitter kommt. Derjenige, der den Schäfer nur bei schönem Wetter sieht, ist ja der Spaziergänger, und derjenige, der seine Freizeit genießt, ist auch der Spaziergänger.

Und dann sieht der Schäfer auch noch so aufreizend gemütlich aus.

Natürlich steht er da. Das muss er. Wenn er unruhig umherläuft, fressen die Schafe ja nicht in Ruhe. Es ist seine Aufgabe, dazustehen und aufzupassen. Von diesen Aufgaben sieht man nur nichts. Ich habe alles im Blick. Ich sehe, was meine Hunde machen, die Hunde schauen auf mich. Ich dirigiere meine Hunde durch Positionen oder Gesten, die Sie kaum bemerken würden. Ich sehe, wenn ein Schaf sich nicht gut fühlt.

Sie sind also voll konzentriert?

Natürlich. Ich gehe ja auch nicht in ein Büro und sage: Was machen denn die da? Die sitzen vollklimatisiert herum, haben keine Fliegen und keinen Regen und schauen nur auf den Bildschirm. Die schlafen ja nur! Das wäre das gleiche, nur umgekehrt.

Wie schafft man es, nebenher noch eine Familie zu haben?

Ja, das ist eine Herausforderung! Ich hatte immer das Gefühl, meine Kinder am Handy zu erziehen. Sie hatten das Gefühl, Gott sei Dank, nicht. Für sie war die Schäferei ein großer Abenteuerspielplatz und alle Nachbarskinder waren immer mit dabei. Aber es ist anstrengend. Meine Kinder mussten sehr früh sehr selbstständig sein, darüber bin ich heute froh. Sie hatten nicht die Mama als Glucke, die den ganzen Tag da sein konnte. Sie finden immer Lösungen. Ich sehe eher, dass heutige Kinder oft überbehütet sind. Das fördert weder Selbstständigkeit noch freies Denken.

Braucht man als Schäferin oder Schäfer zwingend einen Partner, der da auch mitzieht?

Alleine geht es nicht. Beim Schäfer, der sich vielleicht nicht um die Kinder kümmern muss, mag es eher gehen. Aber es ist auch körperlich eine wahnsinnig anstrengende Arbeit, da haben Männer Vorteile, aber das Arbeitspensum insgesamt ist auf Dauer alleine nicht zu schaffen. Ich kenne auch keinen, der das alleine durchzieht.

Ihre Söhne wollten nicht Schäfer werden?

Die haben sofort gesagt, dass sie das nicht wollen. Weil sie gesehen haben, wie viel ihre Mama arbeitet. Sie möchten Freunde, Hobbys, freie Wochenenden und ein geregeltes Gehalt.

Tut Ihnen das weh?

Nein. Es war bei mir mit so vielen Schwierigkeiten verbunden, das wünsche ich meinen Kindern nicht. Und die Situation ist ja nur noch schwieriger geworden.

Was ist dann überhaupt der Reiz an dieser Arbeit?

Es ist immer ein Leben mit den Tieren, ein Leben von den Tieren und ein Leben für die Tiere. Der Reiz ist, mit den Tieren zu arbeiten, man ist im Einklang mit den Tieren und draußen in der Natur. Wer das macht, nimmt sehr viel dafür in Kauf. Das sind alles Idealisten.

Als Idealist wird man aber auch leicht ausgebeutet.

Das hätte ich so jetzt nicht formuliert, aber es stimmt. Ich sehe es bei mir und bei anderen, dass man oft über die Grenzen geht, die man schaffen kann. Man rennt immer zuerst nach den Tieren. Mein Vater sagte immer: Zuerst kommen die Schafe, dann kommen die Schafe und dann die Schafe, dann kommt der Hund und dann lange nix – und dann komm ich.

Kann man sich als Schäfer Freiräume schaffen?

Schwierig, aber man kann es. Es gibt halt immer Arbeit, das ist ein Hamsterrad. Ich habe mir mein Hobby, das Ausreiten, immer rausgenommen. Das bereitet mir sehr viel Freude. Aber man wird älter, und irgendwann meldet sich der Körper und sagt: Jetzt ist mal genug. Dann kann man die Notbremse ziehen oder es beutelt einen.

Wie haben Sie reagiert?

Wir hatten immer rund 400 Mutterschafe und 120 Hektar Fläche auf sieben Gemeinden auf der Alb verteilt, also ein riesiger Umkreis. Im Winter gingen wir zu Fuß an den Bodensee und dann auch wieder zurück. Also die klassische Wanderschäferei. Wir haben das aber reduziert, weil ich spürte, ich muss langsamer machen. Heute hüte ich nur noch in Sontheim, habe nur noch 200 Mutterschafe, was eigentlich unter dem Existenzniveau für einen Berufsschäfer liegt, aber es funktioniert deshalb, weil mein Betrieb ausläuft.

Was bedeutet das?

Ich investiere nicht mehr. Wenn ich einen Betrieb für die Zukunft ausrichten müsste, ginge es so nicht, aber die Kinder sind groß, ich habe keine Schulden zu bezahlen. Also können wir davon leben.

Gibt es denn noch klassische Wanderschäfer, die wie Sie früher im Winter Richtung Bodensee ziehen?

Es gibt sicher noch welche, die im Winter in mildere Gegenden ziehen. Zu Fuß an den Bodensee, wie wir es immer gemacht haben, geht wohl niemand mehr. Es funktioniert eh nicht mehr, weil alles zugebaut ist und es viele Straßen gibt. Noch wichtiger: Es gibt im Herbst und Winter kein Futter mehr, weil die Wiesen mit Gülle und Biogas-Substrat bedeckt sind, und dann fressen die Schafe nicht mehr. Das war auch für mich der ausschlaggebende Grund: Wo will ich denn mit meinen Schafen laufen, wenn sie nirgends mehr fressen können?

Wie kam es dazu, dass Sie ein Buch geschrieben haben?

Ich wollte eigentlich schon immer über mein Leben schreiben. Zuerst dachte ich: Naja, das macht man am Lebensende. Aber wer weiß, wie alt ich werde. Also wollte ich früher anfangen. Über Schafe zu schreiben, war mir zuerst gar nicht so wichtig, ich wollte mein Leben darstellen. Ich fing mit unverfänglichen Themen für den monatlichen Schäferbrief des Berufsschäferverbands an, ganz alltäglichen Geschichten, die für mich fast uninteressant waren. Für andere war das aber sehr faszinierend. Ich hatte das Ziel, aus diesen Episoden irgendwann ein Buch zu machen, als sich im Herbst 2017 ein Verlag bei mir meldete, war ich aber noch nicht fertig.

Wie kam dieser Kontakt zustande?

Das Thema Schäfer ist gerade groß in den Medien. Also suchte der Verlag jemanden und kam auf mich zu. Damit begann auch die Arbeit am Konzept. Was ich schön finde: Es geht nicht nur um mein Leben, es ist auch sehr viel Sachinformation drin, das war mir auch sehr wichtig. Alle Aspekte der Schäferei sollten rein. Ich finde, es liest sich jetzt trotzdem fast wie ein Krimi. Das Buch hat vier große Teile: die Schäferei früher und Geschichten über meinen Vater, dann meine persönliche Biografie, gefolgt von Erlebnissen aus der Schäferei. Im vierten Teil blickt der Leser überregional auf die Situation der Schäfer und Hirten.

Wann haben Sie denn überhaupt Zeit gefunden, das Buch zu schreiben?

Es hat funktioniert, weil es über einen so langen Zeitraum ging. Aber es war schwierig, und mein lieber Partner Francesco hat natürlich in dieser Zeit draußen die Arbeit übernommen. Jeder Freiraum für mich fällt auf ihn zurück. Sonst hätte ich das nicht machen können. Jens Eber

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