Herbrechtingen In 13. Generation: Die Boschs betreiben einen Hof mit Zukunft

Herbrechtingen / Manuela Wolf 25.08.2018
Reinhard Bosch führt den Gemischtbetrieb an der Herbrechtinger Mühlstraße in dreizehnter Generation. Er hat ihn ganz bewusst auf mehrere Standbeine gestellt.

Mit Können“, sagt Reinhard Bosch, „hat das alles hier wenig zu tun. Da war einfach verdammt viel Glück mit dabei.“ Was er nicht sagt: Dass es auch viel Mut braucht, immer wieder neue Wege zu gehen, Menschen, die einem dabei zur Seite stehen und unermüdlichen Fleiß. Ohne diese erfolgsbringende Kombination würde es den Familienbetrieb heute gar nicht mehr geben.

Es war vor 21 Jahren. Die Eltern des gelernten Landmaschinentechnikers führten damals den Hof an der Herbrechtinger Mühlstraße mit 17 Kühen und 20 Hektar Land. Sie wollten ihn aufgeben, sobald sie ihn altershalber nicht mehr würden bewirtschaften können. Doch dann wurde der Vater schwer krank. „Da habe ich meinen Job gekündigt und bin heim gegangen, um alles zu übernehmen“, sagt Reinhard Bosch. Unkenrufe wurden laut. Der Betrieb sei doch zu klein, um damit eine Familie ernähren zu können, ihn zukunftsfähig zu machen, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Doch der Mann mit den Händen wie Kutterschaufeln ist Optimist und Praktiker durch und durch. Er habe nie überlegt, ob er scheitern könne, sagt er. „Ich war noch jung. Da denkt man nicht viel nach, da macht man einfach.“

Das Angebot des Maschinenrings Ulm/Heidenheim kam ihm zu dieser Zeit trotzdem sehr gelegen. Jetzt, wo er wieder zurück in Herbrechtingen sei, könne er doch einmal pro Woche mit der Kehrmaschine die Parkplätze großer Supermärkte reinigen? Das feste Zusatzeinkommen war Reinhard und seiner Ehefrau Michaela natürlich willkommen, warum also nicht. Über die Jahre entstanden daraus Winterdienst und Grün- und Parkflächenpflege. Zu Stoßzeiten schickte der Maschinenring Personal zur Unterstützung, an schneereichen, vereisten Tagen schuftete das Ehepaar 16 Stunden und mehr. Parallel dazu wurde die Viehhaltung umgestellt. Schweine weg, mehr Hühner, mehr Rinder – heute Standbein Nummer 2 und 3.

Rund 60 Hühner leben im rückwärtigen Teil des Grundstücks in einem gegen den Fuchs mit Zaun und Strom abgesicherten Gehege. Den Tieren darf nichts passieren, denn ihre Eier sind schwer begehrt in Herbrechtingen. Direkt neben der Haustüre steht ein Kühlschrank. Wer 2,30 Euro in den Briefkasten wirft, darf sich eine Schachtel rausnehmen. Oft herrscht Betrieb den ganzen Tag über, die Kunden bedienen sich auch am späten Abend oder morgens um halb sechs. Die Familie ist überrascht von dem Andrang und plant, in diesem Bereich aufzustocken. Bis zu 300 Stück Federvieh dürfen hier gehalten werden. Anderthalb bis zwei Jahre bleiben die Hühner auf dem Hof, dann lässt die Legeleistung nach und der Bestand wird ausgetauscht. Auch Enten und Masthähnchen sollen bald angeschafft und in den kälteren Monaten zum Verkauf angeboten werden.

Der Rinderstall wurde vor sieben Jahren modernisiert. So liegen die Kälbchen in den ersten Lebensmonaten auf Stroh. Zwei Bürsten sorgen für Streicheleinheiten. Eine Maschine teilt Milch zu: Anfangs bekommt jedes Kalb sieben Liter täglich verteilt auf mehrere Rationen, später wird ausschließlich hofeigenes Futter gegeben. Mit steigendem Gewicht rücken die Rinder immer eine Box weiter, rücken ganz nach hinten durch und werden schließlich vom Stall direkt in den Transporter geführt, der sie zum Schlachthof bringt. Selbst zu schlachten und neben Eiern auch Fleisch direkt ab Hof anzubieten, kommt für das Ehepaar Bosch nicht in Frage. Die Abnahmemengen seien in den letzten Jahren ins Unrentable gesunken. Außerdem wolle kaum noch jemand ein komplettes Paket mitsamt Innereien und dergleichen. Michaela Bosch: „Die Leute tun sich inzwischen schwer mit der Zubereitung von Fleisch. Und viele haben keine Tiefkühltruhe mehr, die würden nur das holen, was sie gerade brauchen. Das lohnt sich für uns nicht.“

Schon oft hat Reinhard Bosch überlegt, keine neuen Kälbchen mehr anzukaufen und die Rindermast auslaufen zu lassen. Finanziell kommt kaum was dabei rum, „wir sind froh, wenn wir damit keine roten Zahlen schreiben“. Aber der abfallende Dünger ist ihm wichtig. 78 Hektar Land hat er zu bewirtschaften, darunter 28 Hektar Dauergrünland. Er baut Wintergerste und Winterweizen an, Hafer, Erbsen, Mais, Blühäcker, Kleegras und Raps, gentechnikfrei und ohne Glyphosat. 90 Prozent der Ernte wird direkt vermarktet.

Standbein Nummer fünf ist das breite Angebot an Futtermitteln, Gartenbedarf, Anfeuerholz, Streusalz und ähnlichen Produkten. Als die WLZ am Herbrechtinger Bahnhof vor ein paar Jahren dicht machte, übernahm der umtriebige Landwirt aus Gefälligkeit den Restbestand an Blumenerde, stapelte ihn neben den Eierkühlschrank und bot ihn zum Verkauf an. Die Kunden fragten an: Warum man denn nicht auch Hasen- und Hühnerfutter bekommen könne? Eine Scheune wurde zum Verkaufsladen ausgebaut, das Angebot wird immer wieder aufs Neue an die Nachfrage angepasst.

Auch die insgesamt vier Hofstellen lassen sich so erklären: Ein zum Verkauf stehendes Haus in unmittelbarer Nachbarschaft auf der einen Seite, Platzbedarf auf der anderen, da kam eines zum anderen. Diese Flächen und Gebäude mit Ideen und Leben zu füllen, fällt den Boschs nicht schwer. Geplant ist, wie in den letzten Jahren, auf die Wintermonate hin die Anschaffung von Enten und Masthähnchen. Außerdem lernt die größere Tochter im dritten Lehrjahr Floristin. Ein eigenes Geschäft am Hof wäre ohne Probleme möglich.

Sonst noch Pläne? Das Ehepaar schüttelt den Kopf. Als die viele Arbeit vor ein paar Jahren kaum mehr zu stemmen war, wurde hier und dort reduziert, nie wieder soll die Bescherung von Heiligabend auf den ersten Weihnachtsfeiertag verschoben werden, weil der Feierabend auf sich warten lässt. Der Plan ist, den Ist-Zustand zu erhalten. Zu zweit kümmern sich Reinhard und Michaela Bosch um den Mischbetrieb mit all seinen Aufgabenbereichen, Reinhards Mutter befüllt den Eierkühlschrank und bekocht die ganze Familie, die drei Kinder und Reinhards Bruder packen selbstverständlich mit an, wo Hilfe gebraucht wird. Klingt trotzdem nach viel Arbeit und das ist es auch. „Aber es ist auch schön, das miteinander zu machen“, sagt der 47-Jährige. „Ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden.“

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