Gerstetten Die Waldarbeiter-Weltmeister-Macher

Die beiden Trainer v.l. Wolfgang Junglas und Markus Wick auf dem Trainingsplatz bei Ochsenberg.
Die beiden Trainer v.l. Wolfgang Junglas und Markus Wick auf dem Trainingsplatz bei Ochsenberg. © Foto: je
Gerstetten / Jens Eber 05.09.2018
Dass die deutsche Nationalmannschaft der Waldarbeiter derzeit so erfolgreich ist, liegt auch an zwei Gerstettern: Markus Wick und Wolfgang Junglas.

Von der jüngsten Weltmeisterschaft der Waldarbeiter Anfang August in Norwegen kehrte die deutsche Nationalmannschaft mit einigen der wichtigsten Medaillen zurück. Thomas Schneider aus Burgberg wurde Juniorenweltmeister, der Bayer Marco Trabert Weltmeister in der Profiklasse, das Team sicherte sich erneut die Vizeweltmeisterschaft. Hinzu kamen etliche Medaillen in den Einzeldisziplinen.

Dass Deutschland nach der Team-Weltmeisterschaft 2014 in der Schweiz und Silber in der Gesamtwertung 2016 in Polen zum dritten Mal in Folge ganz vorne dabei war, liegt auch an den beiden Gerstetter Forstwirtschaftsmeistern Markus Wick und Wolfgang Junglas.

Der 54-jährige Junglas ist der Technische Leiter der Nationalmannschaft, sein Kollege Wick (47) ist offiziell Teamchef, sie betonen aber, dass ihre Arbeit gleichberechtigt machen. Hierarchien und Standesdünkel gibt es da nicht, sie sind, wie Waldarbeiter eben sind: rau und herzlich zugleich.

Nach der WM ist vor der WM

In diesen Wochen nach der WM können sie ein klein wenig durchschnaufen, bevor die beiden das nächste Großprojekt angehen: zur WM 2020 in Serbien wollen sie ein mindestens gleichstarkes Team schicken. Nach der WM ist also vor der WM, da unterscheidet sich der Forstsport nicht vom Fußball.

In fünf Disziplinen treten Forstsportler bei ihren Meisterschaften an. Sie fällen Bäume zentimetergenau auf ein vorgegebenes Ziel, führen mit den Motorsägen fast chirurgisch präzise Schnittkombinationen aus, wechseln die Ketten ihrer Sägen teils schneller, als ein Sprinter 100 Meter laufen kann. „Jungs sind so, sie wollen sich messen“, sagt Markus Wick über die Ursprünge solcher Wettkämpfe. Freilich treten längst auch Frauen an, wenn auch bislang wenige.

Heute regelt ein daumendickes Regelwerk den Wettkampf – und die Regeln speisen sich aus der täglichen Arbeit: Waldarbeit gilt bis heute als eine der gefährlichsten Tätigkeiten, also gibt jeder Verstoß gegen die Sicherheitsregeln massiven Abzug. Die allermeisten, die in der Weltspitze mitsägen, stapfen auch im Alltag mit schwerer Ausrüstung durch den Wald, eine Berufsgruppe, die viel mit Leidenschaft zu tun hat. Nicht anders war es bei der deutschen Teamführung: „Für mich gab es nie etwas anderes, als im Wald zu arbeiten“, sagt Wick. Heute ist der Gerstetter Meister am Forstlichen Bildungszentrum Königsbronn.

Wolfgang Junglas wurde in der Eifel geboren und lebt heute in Gerstetten. „Arbeit im Büro schied für mich völlig aus“, sagt er. Eher spontan ließ er sich zum Forstwirt ausbilden – und fand seine Berufung. Junglas wurde Forstwirtschaftsmeister, vor 25 Jahren kam er, die „rheinische Frohnatur“, auf die raue Alb und bildet seither Azubis am Hauptstützpunkt Bartholomä aus. Mitte der Neunziger riet ihm der damalige Forstamtsleiter, doch mit ein paar Azubis zu den Schwäbischen Meisterschaften zu fahren. „Ich hatte keine Ahnung, habe ein bissle geübt und kam erstaunlicherweise unter die ersten zehn“, erinnert sich Junglas.

Und er traf Markus Wick, eine enge Freundschaft wuchs, vielleicht eine der Voraussetzungen für den Erfolg, den sie heute als Team haben. Davor freilich stand einiges an Aufbauarbeit. Noch 1995 gründete sich in Ochsenberg der Verein Waldarbeitsmeisterschaften Baden-Württemberg und richtete wenige Monate später eine Meisterschaft aus, zwei Jahre später zogen sie die Deutsche Meisterschaft an Land, bei der sich Junglas für die WM 1998 in Österreich qualifizierte. Ein prägendes Erlebnis: „Ich stand dort, und niemand kümmerte sich um mich. Das will ich heute anders machen.“

Die letzten fünf Prozent

Als sie 2010 die Teamführung übernahmen, installierten Wick und Junglas ein System, das zugleich Höchstleistungen und auch Transparenz ermöglichen soll. In der Weltspitze erreichten alle zu 95 Prozent das gleiche Niveau, „unser Job ist es, die letzten fünf Prozent herauszukitzeln“, sagt Wick. Und das mit einer Truppe von beinharten Alphatieren.

Die besten drei der Deutschen Meisterschaften und die sieben Punktbesten des vergangenen Jahres treffen sich jeweils im Jahr zwischen den WM zum viertägigen Ausscheid – am Ende stehen drei Profis und ein U24-Junior als neues Nationalteam fest.

Danach geht es in die WM-Vorbereitung. Die entscheidenden fünf Prozent sind Psychologie und physisches Training ebenso, wie die Betreuung durch die mittlerweile weltweit dienstälteste Teamführung. „In einigen anderen Ländern werden die Nationalmannschaften von Funktionsbeamten geleitet, die nie selber Wettkämpfer waren“, erzählt Wick. Der Vorteil der Deutschen: Sowohl Wick als auch Junglas waren und sind langjährige aktive Turniersportler, die nicht nur die Disziplinen tief verinnerlicht haben, sondern auch den Druck einer WM selber erlebt haben. Diesen Druck versuchen sie von ihrem Team zu nehmen.

Der Impulsive und der ruhende Pol

„Wir formen aus einem Haufen von Individualsportlern ein Team, in dem jeder für den anderen da ist“, sagt Wick. Dazu gehört dann auch eine einheitliche Optik: Wenn das deutsche Team unterwegs ist, verabreden sie in der Whatsapp-Gruppe, was sie anziehen.

Dazu kommen knifflige Details: Sie ermitteln, wie das Holz in der jeweiligen WM-Region beschaffen ist, um die Sägeketten exakt darauf abzustimmen. Solche Aufgaben gehören zum, wie Wick scherzhaft sagt, „Spionagebetrieb“ der Teamführung. Für Norwegen wurde dem Team vom Sponsor Stihl eine brandneue Säge zur Verfügung gestellt, auf die sich das Team in vielen Extra-Trainings einstellen musste.

„Ich bin der Impulsive, der die Jungs auch mal antreibt“, sagt Wick. Wolfgang Junglas ergänzt: „Ich bin eher der ruhende Pol, zu mir kommt, wer ein bisschen runterkommen muss.“ Und: „Wenn jemand abzuheben droht, dann holen wir ihn sanft wieder auf den Boden zurück.“

Nebenbei organisieren sie die Reisen zu den Wettbewerben und sorgen für Sponsoren, damit die Sportler zumindest nicht draufzahlen. Denn klar ist auch in der Forstsport-Weltspitze: Man verdient keinen Cent. Entschädigt werden sie dafür über den Respekt, den sich die deutschen Wettbewerbswettkämpfer international erarbeitet haben. „Wenn wir zu einer WM reisen, schaut man schon ganz genau hin, was die Deutschen machen“, weiß Wick.

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