Herbrechtingen / Mathias Ostertag Einst siedelten die Pontosgriechen am Schwarzen Meer. Im Zuge eines Bevölkerungstauschs im Jahr 1923 mussten sie ihre Heimat in der heutigen Türkei verlassen. Es war nicht der letzte Umzug. Als Gastarbeiter kamen Pontosgriechen auch nach Herbrechtingen. Vor 25 Jahren gründeten sie ihren Verein Akrites.

Am Anfang waren es drei Jugendliche, die aus Griechenland kamen, um nach Arbeit zu suchen. Und weil diese schnell gefunden war, die Freizeit aber nicht nur aus Fußballspielen bestehen sollte, suchten zwei der drei einen Sammelpunkt für Pontosgriechen aus der Umgebung, wo die Erinnerung an die gemeinsame Kultur und die Historie hochgehalten werden. Geboren war der Verein Akrites, gegründet von Ioannis Papadopoulos und Ioannis Paraskevopoulos.

25 Jahre sind seither vergangen, der Verein ist auf 106 zahlende Mitglieder angewachsen, die Tanzgruppe besteht aus rund 40 Mitgliedern, alles Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 28 Jahren. „Über die Jahrhunderte hat sich eine Variation von 100 verschiedenen Tänzen entwickelt“, erklärt Nondas Kalpakidis, der den Tag der offenen Tür am kommenden Sonntag organisiert.

Die Geschichte der Pontosgriechen reicht bis in die Antike zurück, die Forschung weiß von der Existenz von griechischen Händlern und Abenteurern bereits in der Zeit um 1000 vor Christus. Rein geographisch betrachtet, befindet sich Pontos auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei – an der südöstlichen Schwarzmeerküste zwischen Sinop (Pontos: Sinopi) und Rize (Rizoion).

Der Sprachraum erstreckte sich einst bis in angrenzende Teile des heutigen Georgiens. Zwischen 1914 und 1923 kam es im damaligen Osmanischen Reich zu Griechenverfolgungen, weil die Regierung die Tötung zahlreicher griechischer Bewohner der Halbinsel veranlasste: Massakern, Deportationen und Todesmärschen folgte nach den Bestimmungen des Vertrags von Lausanne die Vertreibung und Umsiedlung der Überlebenden nach Griechenland. Im Gegenzug wurden in Griechenland lebende Türken nun türkischem Gebiet angesiedelt

„Wir können nicht aufhören, an diese Ereignisse zu erinnern“, sagt Georgios Kyriakidis, Vorsitzender des Pontos-Vereins Herbrechtingen. Vielen der zwei Millionen Pontosgriechen, die sich hauptsächlich in Thrakien und Makedonien angesiedelt haben, gehe es heute gut, auch all jenen, die im Rest der Welt eine Heimat gefunden haben, sagt Nondas Kalpakidis. „Doch wir können nur vergeben, nicht vergessen.“

Die pontische Kultur mit ihren Traditionen wird deshalb auch in Herbrechtingen hochgehalten. Durch Tänze und Treffen werde auch der dritten und vierten Generationen in Deutschland die Vergangenheit ihrer Familien vermittelt, so Kalpakidis. Er sehe sich als Grieche, der den Vorzug genossen habe, in Deutschland aufgewachsen zu sein. „Trotzdem gehen im Zeitalter der Globalisierung die Wurzeln immer mehr verloren. Man merkt das daran, dass die Jugendlichen immer schlechter Griechisch sprechen.“

Vor acht Jahren bezog der Verein sein Heim im Vohenstein, das von den Mitgliedern aufgebaut und durch Beiträge und einen Kredit finanziert wurde. Inzwischen ist das Domizil umgeben von Fabrik- und Logistikgebäuden der Firmen Hartmann, Esband-Schlatterer und Schwarz Logistik. Es sei Treffpunkt für alle Generationen, man treffe sich dort zum Reden über Fußball, Politik, Kultur – und zum Feiern, so Kalpakidis. „Deshalb auch die Abgelegenheit im Industriegebiet. Wir feiern regelmäßig mit lauter Musik. Sonst würden sich ständig die Anwohner beschweren.“

Jedes Wochenende treffen sich die Kinder und Jugendlichen zum Einstudieren der Tänze, regelmäßig finden Geschichts- und Kulturseminare statt. Auch am Stadt- und Kinderfest nehmen die Pontosgriechen teil, laden mehrmals im Jahr zum Tanzabend. Am 29. November findet in der Oskar-Mozer-Halle der nächste statt.

Zunächst steht am Sonntag, 23. November, der Tag der offenen Tür an. Von 10 bis 18 Uhr sind traditionelle Trachten zu sehen. Neben Tänzen, Einblicken in die pontische Küche und einer Ausstellung mit Alltagsutensilien wird das Leben der früheren Bewohner von Pontos im Miniaturformat präsentiert.