Ellwangen Auftakt im Mordprozess: Die Frage nach dem Warum

Ellwangen / Carolin Wöhrle 12.02.2019
Ein 46-Jähriger Heidenheimer hat zugegeben, seinen Nachbarn auf einem Firmenparkplatz in Steinheim mit 15 Messerstichen getötet zu haben. Das Motiv ist noch nicht ganz klar.

Der 46 Jahre alte Heidenheimer, der sich seit Montag wegen Mordes vor Gericht verantworten muss, ist weitestgehend geständig.

Es steht damit wohl nicht in Frage, dass er am Abend des 19. September, auf einem Firmenparkplatz an der Steinheimer Hellensteinstraße auf seinen Nachbarn gewartet hat.

Es steht ebenso außer Frage, dass er sein Opfer, als dieses von der Spätschicht kommend in sein Auto steigen wollte, mit einem Messer attackierte und ihm 15 Mal in Brust, Rücken, Hals und Nacken stach. Ebenfalls klar ist, dass das zum Tatzeitpunkt 53 Jahre alte Opfer nur wenige Minuten danach an einer Gas-Embolie des Herzens und am massiven Blutverlust an Ort und Stelle starb. Den Tod seines Nachbarn beabsichtigt habe er aber nicht, sagte am Montag der Angeklagte, dessen Ausführungen eine Dolmetscherin vom Russischen ins Deutsche übersetzen musste.

Die offene Frage ist aber: Warum? Es ist diese Frage nach dem Motiv des Angeklagten, die am Montag im Mordprozess im Ellwanger Landgericht im Zentrum stand und wohl auch noch bis zum Schluss stehen wird.

Für die Staatsanwaltschaft ist zumindest eines klar: Der Heidenheimer handelte aus niederen Beweggründen, womit eines der Mord-Merkmale erfüllt wäre, das eine Verurteilung wegen Totschlags ausschließen würde.

Er sei der Annahme gewesen, dass das spätere Opfer ihn im Kreise seiner Bekannten und Arbeitskollegen diffamiert habe. Konkret soll das spätere Opfer ihn unter anderem als „schwul“ bezeichnet haben. Etwas, das der aus Kirgisistan stammende Angeklagte offenbar nur schwer ertragen konnte.

Schon seit mehreren Jahren soll es immer wieder Spannungen zwischen ihm und dem späteren Opfer gegeben haben: Seinen Nachbarn, der zusammen mit seinem Vater im Haus nebenan wohnte, habe er mehrfach dabei ertappt, wie er durchs Fenster seine Tochter und seine Ehefrau beobachtet habe.

Am Tattag selbst habe er den 53-Jährigen aber lediglich zur Rede stellen wollen und sei deshalb zum Parkplatz der Steinheimer Firma gefahren, bei der das Opfer arbeitete. Er habe dafür sorgen wollen, dass sein Nachbar ihn nicht länger vor Bekannten beleidige. „Ich wollte nicht mehr als Tier dastehen“, sagte der Angeklagte: „Ich weiß, dass schwul zu sein hier normal ist. Für mich aber nicht.“

Zu Wort kamen am Montag auch Arbeitskollegen des Opfers, seine Ex-Freundin und seine Schwester, die auf der Suche nach den genaueren Hintergründen helfen sollten. Doch keiner von ihnen will etwas von Auseinandersetzungen zwischen dem 53-Jährigen und seinem Nachbarn gewusst haben. Das Opfer selbst sei zudem ein eher ruhiger, hilfsbereiter und pflichtbewusster Mensch gewesen. Konflikten sei er eher aus dem Weg gegangen. Keine Spur zudem von Aggressivität oder Fremdenfeindlichkeit. Dass er sich am Tag der Tat bedroht oder in Gefahr gewähnt haben könnte, glaubten die beiden Arbeitskollegen auch nicht. Im Gegenteil: Er habe gelassen und gut gelaunt gewirkt, als er seinen Arbeitsplatz kurz nach 21 Uhr verlassen hat.

Was danach auf dem Parkplatz genau passierte, als er in sein Auto steigen und sich auf den Heimweg machen wollte, darüber gaben auch die Aussagen der Kriminalpolizisten und -techniker Aufschluss: Die Spurenlage weißt darauf hin, dass der Angeklagte 15 Mal mit der 14,5 Zentimeter langen Klinge eines Küchenmessers auf das Opfer einstach. Getroffen wurden dabei hauptsächlich der Hals-, Nacken- und Brustbereich. Beim Zustechen verletzte sich der Angeklagte offenbar selbst: An seinen Fingern konnten später kleine Schnittverletzungen festgestellt werden. Am Messer wurde zudem sowohl sein Blut als auch das des Opfers gefunden. Während der Tat, so belegen es die Handy-Daten, muss die Frau des Angeklagten mehrmals vergeblich versucht haben, ihren Ehemann anzurufen.

Nach der Tat, so die Anklage, stieg der 46-Jährige in sein Auto und fuhr davon. Sein Pkw wurde dabei von einem Arbeitskollegen des Opfers fotografiert, der noch als Zeuge vor Gericht gehört werden soll.

Auf seiner Flucht fuhr der stark angetrunkene Mann auf der B19 bei Unterkochen in eine Baustellenbeschrankung und konnte kurz danach festgenommen werden. Etwa 1,6 Promille Alkohol hatte er zu diesem Zeitpunkt im Blut.

Als die Beamten sein Auto untersuchten, fanden sie laut Bericht der Kriminaltechnik überall das Blut des Opfers: An den Armaturen, am Deckel einer fast leeren Vodka-Flasche und nicht zuletzt an dem Messer.

Prozess wird am Dienstag fortgesetzt

Noch immer ist aber nicht ganz klar, warum der 46-Jährige so brutal auf sein Opfer eingestochen hat, wenn er doch eigentlich nur mit ihm sprechen wollte. Dass er das Messer dabei hatte, erklärte er damit, dass er es für eine notdürftige Autoreparatur kurz zuvor verwendet hatte.

„Wir haben Zweifel an ihrem Motiv“, hatte der vorsitzende Richter Gerhard Ilg schon zu Beginn der Verhandlung dem Angeklagten klar gemacht: „Die Hintergründe sind bislang noch sehr schemenhaft. Da schlummert noch etwas im Verborgenen.“

Eventuell könnte die für Dienstag angekündigte Aussage des psychiatrischen Sachverständigen etwas mehr Licht ins Dunkel bringen. Mit ihm hatte der Angeklagte über die Tat und über die Hintergründe gesprochen. Zudem wird der 46-Jährige selbst noch einmal Gelegenheit haben, sich zu äußern.

Am ersten Verhandlungstag wirkte er angespannt und starrte meistens auf den Tisch vor sich, während die Dolmetscherin leise übersetzte, was die Zeugen, Anwälte und Richter sagten.

Dabei vermied er es, die Schwester und die beiden Nichten des Opfers, die im Zuschauerraum saßen, anzusehen.

Was unterscheidet Mord und Totschlag?

Mord: Bei Mord will der Täter den Tod seines Opfers vorsätzlich verursachen. Laut Paragraf 211 des Strafgesetzbuches (StGB) muss dabei mindestens eines der folgenden Mordmerkmale erfüllt sein: Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier, niedrige Beweggründe, Heimtücke, Grausamkeit, Verwendung gemeingefährlicher Mittel, Ermöglichung oder Verdeckung einer anderen Straftat. Die Strafe für Mord liegt in Deutschland bei lebenslänglich, sprich bei mindestens 15 Jahren Haft.

Totschlag: Laut Paragraf 212 StGB handelt der Täter bei einem Totschlag ebenfalls vorsätzlich. Er will sein Opfer also töten. Allerdings darf bei Totschlag keines der oben genannten Mordmerkmale erfüllt sein. Die Mindestfreiheitsstrafe für Totschlag liegt bei fünf Jahren. In besonders schweren Fällen kann ein Gericht auch hier eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängen.

Körperverletzung mit Todesfolge: Hier handelt der Täter ebenfalls vorsätzlich. Allerdings nur in Bezug auf die Körperverletzung, er will sein Opfer nicht töten. Die Freiheitsstrafe liegt hier laut Paragraf 227 StGB nicht unter drei Jahren.

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