Steinheim / Holger Scheerer  Uhr
Einer alten Tradition folgend, gastierte das Landesjugendorchester Baden-Württemberg am Freitagabend auf seiner Frühjahrstournee in der Steinheimer Albuchhalle.

Einer alten Tradition folgend, gastierte das Landesjugendorchester Baden-Württemberg am Freitagabend auf seiner Frühjahrstournee in der Steinheimer Albuchhalle. Geleitet wird das Orchester heuer vom jungen Dirigenten Joseph Bastian, der sich seine Sporen einst selbst als Orchestermusiker verdiente, unter anderem als Cellist und Posaunist. Stargast des Abends vor 300 Besuchern war die französische Oboistin Céline Moinet, Professorin an der Carl-Maria-von-Weber-Hochschule in Dresden und daselbst Solo-Oboistin der Staatskapelle.

Das Programm spiegelte genau die beiden Grundsäulen wieder, auf denen das Landesjugendorchester fußt, den Klassikern der Klassik sozusagen und den Seitenblick auf die Neue Musik. Zur Einstimmung gab es die berühmte „Leonoren-Ouvertüre Nr. 3“ von Ludwig van Beethoven. Einst als Vorspiel zu Beethovens einziger Oper Fidelio verfasst, zählt es heute aufgrund seiner Geschlossenheit zu den beliebtesten symphonischen Orchesterstücken, ganz unabhängig von seiner ursprünglichen Funktion.

Vorwärtsdrängende Spielfreude

Dramatisch und virulent wirkt das Werk vor allen Dingen aufgrund seiner Komprimiertheit, in der die Essenz einer zweistündigen Handlung steckt – ein Drama im Schnelldurchlauf. Dirigent Bastian musste hier nicht viel mehr tun, als das jugendliche Ungestüm, das sich in der vorwärtsdrängenden Spielfreude des Orchesters manifestierte, etwas in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei führte er die Zügel mitunter recht locker, achtete aber sehr stark auf die präzise Phrasierung der Dynamiken.

Ab dem Trompetensignal schwillt die Komposition ganz langsam an, bis zum eruptiven Finale mit Paukenschlag. Die Bläser für das berühmte Trompetensignal platzierte Bastian vor den Türen der Albuchhalle, draußen auf dem Gang und erzielte damit einen beeindruckenden Effekt. Allerdings bekamen besonders die mittleren und hinteren Reihen die akustischen Nachteile der Turn- und Festhalle zu spüren, die sehr viel von der Dynamik einfach verschluckte.

Danach dezimierte sich das Orchester zu einer verkleinerten Version. Und die Solistin Céline Moinet trat unter Applaus vor das Orchester. Den Kontrast zu Beethoven hätte man sich mit Bernd Alois Zimmermanns „Konzert für Oboe und kleines Orchester“ nicht größer denken können. Ein Werk der Zwölftonmusik, das man gleich im dreifachen Sinne als epigonal bezeichnen könnte.

Zum einen stammt es aus dem Jahr 1952, zum zweiten zitiert es Motive und Themen aus der „Sinfonie en ut“ von Igor Strawinsky, und drittens war es zunächst als Trompetenkonzert gedacht. Feuer und Fleisch bekam die Reißbrettkomposition erst, als der Solo-Oboist Hans Schneider beim Komponisten auftauchte. So entstand nicht nur ein Werk für die Oboe, sondern auch eines mit dem Oboisten.

Nicht zuletzt deshalb gilt die Komposition bei den Kollegen dieses Instrumentes heute als Kabinettstückchen. Für Céline Moinet stellten die hohen technischen Schwierigkeiten allerdings keine sonderliche Herausforderung an die spielerische Routine dar. So wirkte der ganze Vortrag stellenweise wie ein kleines Warmspielen für höhere Aufgaben.

Was die Publikumswirkung des Konzertes betrifft, so lässt sich Flötist Max Schaut im Programmheft solchermaßen vernehmen: „Bei vielen rollen sich zunächst einmal die Zehnägel auf.“ Nun, ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht. Auch wenn das Publikum eindeutig lieber dem gefühlvollen, wenn auch technisch anspruchsloseren Oboenklängen lauschte, die Céline Moinet in der Zugabe, dem 2. Satz des Oboenkonzertes von Allessandro Marcello, aus ihrem Instrument ganz ohne Triolen, Triller und Zweiunddreißigstel hervorlockte.

„Was soll man tun, wenn man einen marschierenden Giganten in seinem Rücken hat?“ Dies war die Frage, die Johannes Brahms bei der Ausarbeitung seiner zweiten Sinfonie beschäftigte. Mit dem Giganten war Beethoven gemeint. Und Brahms „marschierte“ mit entsprechend leichtem Gepäck drauflos. Was nicht im Fluge mitging, wurde auch nicht notiert.

Schwelgerisches Genießen

Obwohl in den Sommermonaten am Wörthersee entstanden, hört sich das Ganze vielfach an nach Aufbruch und Frühlingserwachen und erscheint – ähnlich wie Beethovens stürmische Ouvertüre – einem jungen Orchester geradezu auf den Leib geschneidert. Hier will selbst in den langsamen Sätzen ständig etwas explodieren, ständig kündigt sich etwas an, baut sich etwas auf, entlädt sich dann, fließt auseinander, findet sich langsam wieder zusammen, ein ständiges Fließen und ein Niemalsstillestehen.

Vierzig Minuten lang versetzen Bastian und sein junges Ensemble die Zuhörer in eine romantisch-träumerische Stimmung, bei der das nachlassende Außenlicht sein Übriges tat. Schwelgerisches Genießen in reichhaltig, dichten Streicherklangwelten, die immer endlos auf- und abschwellen – Hypnose mit dem Taktstab, bis zum funkensprühenden und paukenwirbelnden Finale.

Bald 50-jährige Erfolgsgeschichte

Das Landesjugendorchester Baden-Württemberg (LJO) wurde 1972 von Klaus Matakas und Dietmar Mantel gegründet. Für die erste Besetzung nahmen sie junge Musiker des seinerzeit bereits mit ausgewählten Spielern aus der Region besetzten Symphonieorchesters der städtischen Musikschule Lahr auf und beriefen Christoph Wyneken als Dirigenten. Bereits nach kurzer Zeit bewarben sich in den Anfängen des LJO ausgewählte Spielerinnen und Spieler sowie Preisträgerinnen und Preisträger des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ im Alter von 13 bis 22 Jahren aus allen Teilen Baden-Württembergs, um an den zweimal jährlich stattfindenden Arbeitsphasen teilzunehmen. Das LJO erspielte sich schnell einen festen Platz im Konzertleben Baden-Württembergs.