Krieg Bombenfund weckt schlimme Erinnerung

Brigitte Malisi 05.09.2013
Als vor Kurzem eine 250-Kilo-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg in Hermaringen gefunden wurde, erinnerte das Paul Lindenmaier an den schlimmsten Tag seines Lebens. Bei einem Bombenangriff 1945 starben seine Mutter und fünf seiner neun Geschwister. Er selbst, damals zwölf Jahre alt, überlebte nur knapp.

Die Familie Lindenmaier bewohnte damals das kleine Bahnwärterhäuschen außerhalb des Dorfes, das schon auf Bergenweiler Gemarkung stand. Es war um die Mittagszeit und ausnahmsweise war auch der ältere Bruder Georg, der eine Ausbildung zum Förster machte, an diesem Tag zum Mittagessen nach Hause gekommen. Ein weiterer jüngerer Bruder und die drei kleinen Schwestern saßen mit der Mutter am Tisch, als sie das Dröhnen der Jagdbomber hörten.

Von Burgberg her seien sie gekommen, erinnert sich der inzwischen 80-Jährige noch wie heute. Ziel war wohl die Bahnbrücke über die Brenz. Doch Paul Lindenmaier ist überzeugt, dass die drei Bomber an diesem 16. April 1945 auch ganz gezielt sein Elternhaus beschossen.

Kinder scharen sich um betende Mutter

„Wir sind sofort in den Keller“, berichtet er. Dort scharten sich die verschreckten Kinder um die betende Mutter. Das Gewölbe sei stabil gewesen, doch drei Treffern hielten die Mauern nicht stand. Sie stürzten ein und begruben Mutter und Kinder unter sich.

Einzig Paul Lindenmaier konnte Stunden später von der 11. Kompanie schwer verletzt gerettet werden. Viel Hoffnung habe es wohl nicht gegeben, denn auf dem Friedhof habe man im Grab der Mutter und der fünf Geschwister einen Platz für ihn frei gelassen.

Die Soldaten brachten den Jungen ins Lazarett nach Giengen und hier verwischen sich auch die Erinnerungen von Paul Lindenmaier. Er weiß nicht mehr, wie lange er im Krankenhaus bleiben musste. Für lange Zeit blieb er halbseitig gelähmt und auf dem linken Auge verlor er das komplette Sehvermögen. Fünf Jahre lang wuchs der Junge überhaupt nicht mehr. Für Paul Lindenmaier war von diesem Tag an nichts mehr wie zuvor.

Erinnerungen werden ihn immer begleiten

Dennoch hadert der 80-Jährige nicht mit seinem Schicksal. „Soviel Pech wie ich gehabt hab, soviel Glück hab ich auch gehabt“, sagt er von sich. Jeden Tag marschiert der rüstige Rentner an die sechs Kilometer. Dass er einmal so alt werden würde, das hätte er sich nicht vorstellen können.

Eine eigene Familie hat er nicht gegründet, aber der Kontakt zu den Nichten und Neffen ist ihm wichtig. Einmal im Jahr lädt er sie zum großen Familienfest nach Hermaringen ein. Und er erzählt stolz über die Reisen in viele Länder auf der ganzen Welt, die er unternommen hat.

Doch die Erinnerung an jenen Tag im April 1945 wird Paul Lindenmaier immer begleiten. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängen Fotografien der kleinen Schwestern mit hellen Kleidchen und geflochtenen Zöpfen und daneben ein Portrait der Mutter. Einen Ehrenplatz im Wohnzimmer hat ein Gemälde mit dem kleinen Bahnwärterhäuschen, das einmal sein Elternhaus war.