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Der Sachverständige Georg Schabel warnt vor einer besonders gefährlichen Sorte, die erstmals auch im Landkreis Heidenheim gehäuft auftritt.

Reichlich Regen im Juli und bisher auch im August sorgte heuer für einen vergleichsweise frühen Start der Pilz-Saison. „Endlich wieder mal“, freut sich auch Georg Schabel aus Gerstetten, Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, besonders im Rückblick auf die mageren Pilzjahre 2013, 2015 und 2016.

Den Aufzeichnungen seiner persönlichen Wetterstation zufolge fielen im Monat Juli in Gerstetten stolze 171 Liter und im August bislang immerhin schon 52 Liter. Die nicht nur für Pilzexperten sichtbare Folge: im Laubwald schossen alle möglichen Pilzarten nur so aus dem Boden, wie schon lange nicht mehr.

Vor allem Täublinge und Milchlinge, wie Schabel beobachtet hat. Aber auch Steinpilze und andere seltene Röhrlinge bekamen aufgrund der Niederschläge an manchen Stellen wieder einmal Gelegenheit, sich gut zu präsentieren – „wenn auch meist recht madig, aber immerhin!“

Plötzlich große Mengen

Allerdings sieht Pilzexperte Schabel heuer auch eine Besonderheit, die ihm zu Besorgnis Anlass gibt: den Riesen-Rötling nämlich, einen extrem giftigen Pilz, „der ein äußerst heftiges gastrointestinales Syndrom verursacht“.

Erstmals im vergangenen Jahr habe er diesen Pilz im Landkreis Heidenheim gefunden, vorher nie. Pilzjahre, so Schabel, verlaufen meist sehr unterschiedlich, was das Aufkommen einzelner Arten betrifft. „Pilze, die man viele Jahre vermisste, tauchen urplötzlich in großer Menge buchstäblich überall auf.“

Voriges Jahr zum Beispiel der Brätling, ein essbarer Milchling mit Fischgeruch. Dem, so Schabel, sei er schon Jahre lang fotografisch hinterher gejagt, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Und im vergangenen Jahr, einem der mykologischen „Seuchenjahre“ auf der Ostalb sei der dann buchstäblich an jeder Ecke und dazu in enormer Größe vorgekommen.

In diesem Jahr nun habe die Natur den Spieß umgedreht und lasse jede Menge Riesen-Rötlinge im Laubwald wachsen, ohne dass das jemand erklären könnte. „Dieser Pilz ist normalerweise sehr selten, aber nicht in diesem Jahr und vor allem nicht bei uns“, so Schabel.

Unter anderem auch wegen dieses Giftpilzes seien extra zwei Spezialisten aus München auf die Ostalb gekommen. Eine davon arbeitet im Klinikum rechts der Isar und ist Spezialistin bei Pilzvergiftungen und Giftnotruf. Mit ihr arbeitet auch Pilzexperte Georg Schabel zusammen.

Sie wollte diesen Pilz mit eigenen Augen am Standort im Buchenwald sehen. Ein weiterer Grund war, dass sie schonend gedörrte Fruchtkörper der Pilze (Exikate) mitnehmen wollte, die für ihre Fortbildungs-Seminare in Pilz-Toxikologie zur mikroskopischen Bestimmung benötigt werden. „Bei sehr schwierigen Fällen ist manchmal nur noch Erbrochenes vorhanden, und das wird dann aufwendig und akribisch nach Pilzfragmenten oder Sporen untersucht.

Die lassen sich dann unter Umständen bestimmten Gattungen oder Arten zuordnen, was dann eine gezielte Therapie, je nach Vergiftung, ermöglicht und lebensrettend sein kann“, erklärt Schabel.

Leicht zu verwechseln

Sehr besorgt ist der Gerstetter Pilzexperte, weil dieser Pilz sehr leicht mit einem anderen verwechselt werden kann, der im Herbst von vielen Leuten verzehrt wird. Bei dieser essbaren Sorte handele es sich um den Nebelgrauen Trichterling, der als Massenpilz im Herbst vorkomme, und den man sogar im München auf dem Viktualien-Markt kaufen könne.

Der giftige Riesen-Rötling enthalte zwar keine tödlichen Gifte, kann aber dennoch tödlich wirken. Durch Magen-Darmkoliken mit heftigstem Erbrechen und Durchfällen über mehrere Tage könne es zu gravierenden Verlusten im Elektrolyt- und Wasserhaushalt des Körpers kommen, was ohne ärztliche Hilfe und richtige Diagnose zum Tod durch Versagen der Körperfunktionen führen könne.

Gelegentlich seien auch psychische Symptome mit dabei. In der Schweiz, so weiß Schabel, beträgt der Anteil dieser Pilzvergiftung in manchen Jahren bis zu zehn Prozent oder mehr. Die Prognosen seien aber bei schneller Erkennung und gezielten Behandlung gut.

Rötling oder Trichterling? So kann man diese Pilze unterscheiden

Die Farbe der Lamellen, auch Blätter genannt, ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Beim Riesen-Rötling, der stark giftig ist und fast immer im Laubwald vorkommt, sind die Lamellen im Jungstadium immer irgendwie weiß-gelblich oder gelb, bei Reife rosa. Die Huthaut wird bei Reife gelblich-beige, was aber kein kein konstantes Merkmal ist.

Der Geruch des Riesen-Rötlings ist deutlich mehlartig, manchmal mit einer Rettich-Komponente.

Immer weiß und nie gefärbt sind die Lamellen beim Nebelgrauen Trichterling (Clitocybe nebularis). Dessen Huthaut bleibt gräulich, er kommt fast immer im Nadelwald vor. Nach dem Abkochen ist er bedingt essbar, das Kochwasser sollte weg.

Der Geruch des Nebelgrauen Trichterlings ist etwas süßlich parfümiert, kann auch als abstoßend empfunden werden.