Kunst Aus kreativem Holz geschnitzt

Mit einer Mischung aus künstlerischem Feinsinn, purer Muskelkraft und maschineller Unterstützung verwandelte Hildegard Diemer diesen ursprünglich sechs Meter hohen Zedernstamm in einem Bissinger Garten in eine hölzerne Skulptur.
Mit einer Mischung aus künstlerischem Feinsinn, purer Muskelkraft und maschineller Unterstützung verwandelte Hildegard Diemer diesen ursprünglich sechs Meter hohen Zedernstamm in einem Bissinger Garten in eine hölzerne Skulptur. © Foto: Fotos: privat
MICHAEL BRENDEL 18.11.2015
Ist das Kunst, oder kann das weg? Die Antwort dürfte den meisten spontan leicht fallen, sofern sich in ihrem Garten ein Baum allzu breit gemacht hat und das Wohnzimmer dauerbeschattet. Ein Radikalschnitt macht allerdings die Chance auf eine einmalige hölzerne Skulptur zunichte, wie sie jetzt in Bissingen zu bestaunen ist.

Kunst hat häufig etwas mit Ruhe und Kontemplation zu tun. Auch Hildegard Diemer läuft nicht lärmend durch die Gegend, wenn sie zeichnet, schreibt oder fotografiert. Bisweilen ist jedoch selbst aus großer Entfernung nicht zu überhören, dass die 51-Jährige ihrer Kreativität gestalterischen Lauf lässt: Krach ist nun einmal unvermeidlich, soll mit einer Motorsäge aus einem Baumstamm eine Skulptur geformt werden.

Es gehört daher zu den üblichen vorbereitenden Maßnahmen, alle in Frage kommenden Anlieger vorsichtshalber über das jeweilige Vorhaben der freischaffenden Künstlerin aus Ellenberg in Kenntnis zu setzen, ehe sie zur Tat schreitet. Das war in Bissingen nicht anders, wo Diemer im Garten von Edmund und Petra Pregel einen auf lange Sicht bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Binnen sieben Stunden verwandelte sie den Stamm einer Zeder in ein Kunstwerk, dessen Spitze eine die Hände zum Himmel reckende Figur bildet.

Als Diemer die Maschine anwarf, war das nicht absehbar, „denn normalerweise beginne ich ohne inhaltliche Vorgaben, lasse vielmehr zunächst den Baum auf mich wirken, und der gibt dann von sich aus das her, was er möchte“. Äste und Maserungen lenken maßgeblich das Schwert der Säge und bestimmen somit unablässig den Entstehungsprozess. Ein Detail ergibt sich aus dem anderen, bis zu guter Letzt ein stimmiges Ganzes übrig bleibt.

Das erfordert natürlich einen großen Vertrauensvorschuss seitens der Auftraggeber, die aber offenbar noch nie enttäuscht wurden: „Bisher musste kein Kunstwerk nach seiner Fertigstellung komplett umgesägt werden, weil es überhaupt nicht gefallen hätte“, sagt Diemer lachend.

Auch im Pregel'schen Garten lief es nicht anders: „Wir hatten Frau Diemer völlig freie Hand gelassen, und sind begeistert von ihrem Werk, das es nur bei uns und sonst nirgends gibt“, sagt Edmund Pregel, „und ich freue mich jetzt jedes Mal sehr, wenn ich auf unser Haus zufahre.“

Diemer nahm zunächst die Gegebenheiten unter die Lupe, um anschließend die größtmögliche Harmonie zwischen Gelände und Kunstwerk erzielen zu können, „denn wenn zum Beispiel überall Kugeln platziert wurden, dann kann ich natürlich nicht mit eckigen Formen arbeiten“.

Der erste Akt bei zwei Grad Außentemperatur und dichtem Morgennebel bestand darin, den Stamm der ursprünglich sechs Meter hohen Zeder um ein Drittel zu kürzen. Anschließend stieg Diemer auf ein Gerüst und machte sich daran, sich von oben Richtung Boden zu arbeiten, wo der Baum einen Durchmesser von rund 25 Zentimetern hat.

Schnitt für Schnitt entstanden Motive und Details, die Diemer in Beziehung zur ihrem Eindruck von den Hausherren setzte: „Die Familie vermittelt einen sehr harmonischen Eindruck, und dem entspricht der nach allen Seiten blickende Stamm, der das Haus und die darin lebenden Menschen beschützt.“

Eine gewaltige Nase für den richtigen Riecher, Gesichter, Wassertropfen und Wirbel – Diemer erledigte mit der großen, sechs Kilogramm schweren Motorsäge zunächst die kräftezehrende Grobarbeit, ehe sie sich mit Hilfe der strombetriebenen Carvingsäge den Feinheiten zuwandte.

Bleibt die Frage, was eine fürwahr aus kreativem Holz geschnitzte Frau dazu bringt, Baumstämme zu bearbeiten. „Ich komme aus einer Bauernfamilie, die selbst Holz machte, durfte aber nie eine Säge in die Hand nehmen, weil's zu gefährlich war“, sagt Diemer. Irgendwann war jedoch der Punkt gekommen, an dem der gestalterische Reiz die ängstliche Zurückhaltung überwog, und nun bezeichnet die 51-Jährige die Motorsägenkunst als i-Tüpfelchen ihres Wirkens. Eine bemerkenswerte Sinnes-Melange inklusive: „Man erlebt dabei eine wunderbare Ruhe, trotz des unvermeidlichen Lärms.“

Einblicke ins künstlerische Schaffen Hildegard Diemers finden sich unter www.hildes-art.com