Kreis Heidenheim Von Steinheim zur Police Academy in Colorado

Hat sein privates wie berufliches Glück in Colorado Springs gefunden: der Steinheimer Jürgen Petzl mit Ehefrau Molly.
Hat sein privates wie berufliches Glück in Colorado Springs gefunden: der Steinheimer Jürgen Petzl mit Ehefrau Molly. © Foto: Privat
Kreis Heidenheim / Mathias Ostertag 04.09.2018
Jürgen Petzl, aufgewachsen in Steinheim, ist vor zehn Jahren nach Colorado Springs in die USA ausgewandert. Dort konnte er auch endlich seinen Traumberuf als Polizist erlernen.

Manchmal bedarf es einer zufälligen Begegnung, um seine Träume zu verwirklichen. Im Fall von Jürgen Petzl war es seine heutige Frau Molly, die den Stein quasi mit ins Rollen gebracht hat. Denn hätte diese nicht vor 15 Jahren ein halbes Jahr als Au-Pair in einer Familie in Steinheim verbracht, dann würde der gebürtige Heidenheimer und in Steinheim aufgewachsene Petzl heute vermutlich nicht in Colorado Springs, der zweitgrößten Stadt im gleichnamigen Bundesstaat Colorado, leben.

Und dann hätte der 42-Jährige nicht den Beruf erlernen können, von dem er schon als kleiner Junge geträumt hat: Polizist. In Deutschland blieb ihm als Diabetiker diese Tür verschlossen und so arbeitete er zunächst bei der Kreissparkasse als „Mädchen für alles“. In dieser Zeit lernte er auch Molly kennen. „Es hat aber noch eine Weile gedauert, bis sie meine Freundin geworden ist“, sagt Petzl lachend. Zunächst erst kehrte Molly in die USA zurück, bevor das Paar heiratete und einige Zeit in Deutschland zusammenlebte. Schließlich folgte Jürgen Petzl seiner Ehefrau Anfang 2008 nach Colorado Springs am Rande der Rocky Mountains.

Der Traum, Polizist zu werden

Sein neues Leben fernab der Heimat gefiel dem 42-Jährigen. Anfangs fand er Arbeit als Zimmermann, bevor als Bankangestellter tätig war. Der Wunsch, Polizist zu werden, stand aber stets über allem. Und da die Diabetes-Erkrankung in Colorado kein Ausschlusskriterium ist, sich für eine Polizei-Ausbildung zu bewerben, wagte er einen neuen Anlauf – wenn auch dafür ein kleiner Umweg notwendig war. „Es gibt hier viele Bewerber auf offene Stellen bei der Polizei. Deshalb dachte ich mir, etwas zu lernen, das mir im Bewerbungsprozess weiterhilft.“ Er absolvierte ein Studium zum Rettungssanitäter und arbeitete einige Zeit bei der Feuerwehr im Nachbarort Security.

Nach eineinhalb Jahren des Wartens kam die Zusage des Colorado Springs Police Department. „Die Aufnahmeprüfung war fast wie im Film 'Police Academy'“, erinnert er sich. Wobei das halbe Jahr Ausbildung lange nicht so lustig gewesen sei wie in den Polizei-Persiflagen der 80er- und 90er-Jahre. „Wir wurden in der Selbstverteidigung mit Händen und verschiedenen Waffen ausgebildet.“ Auch seien die Anwärter mit dem Taser (Elektroschocker) beschossen und mit Pfefferspray besprüht worden – eine schmerzhafte Angelegenheit. Im April 2013 hatte Petzl die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, seither ist er auf Streife in Colorado Springs unterwegs.

Die Arbeit ist es auch, die seinen Alltag ausmacht. Das Ehepaar lebt mittlerweile in einem eigenen Haus, wenn beide Zuhause sind (Molly ist von Beruf Massagetherapeutin) gehen sie oft Laufen im Ute Valley Park oder Palmer Park, den „natürlichen Oasen“ in der fast 500000 Einwohner zählenden Großstadt. „Leider lässt mein Beruf nicht allzu viel Zeit für ein normales Privatleben. Die aufregenden Dinge passieren meist bei der Arbeit“, so Petzl.

Polizisten als Scharfschützen

Gut erinnert sich der 42-Jährige an einen tödlichen Zwischenfall im November 2015: damals hatte ein psychisch angeschlagener Mann drei Menschen, darunter einen Kollegen Petzls, erschossen und neun weitere verletzt. Als Reaktion darauf werden seither Streifenpolizisten zu Scharfschützen ausgebildet.

Seit Juni 2016 ist Petzl Teil dieser Einheit, Anfang 2018 wurde er zudem in den Rang eines „Corporal“ (im Militär der Rang des Unteroffiziers) befördert. „Beruflich habe ich schon mehr erreicht, als ich mir jemals vorgestellt habe“, so Petzl. Im November bekommt er eine Tapferkeitsmedaille überreicht, weil es ihm gelang, einen Mann zu entwaffnen und festzunehmen, der versucht hatte, seine Frau mit einer Schrotflinte zu erschießen. Seit Juli 2018 verantwortet er außerdem ein Drohnenprogramm.

Den amerikanischen Traum erfüllt

Trotz des beruflichen Erfolgs sei in den USA aber nicht alles eitel Sonnenschein. „Das Schwierigste war für mich, meine Familie und Freunde in Deutschland zurückzulassen.“ Er habe in Colorado viele neue Freunde gefunden, das sei aber nicht vergleichbar. Deshalb ist er bestrebt, alle zwei bis drei Jahre nach Deutschland zurückzukehren. „Mehr als zwei Wochen kann ich nicht Urlaub nehmen.“ Zu den Pflichtterminen gehört aber der Besuch bei Mollys Schwester und deren Familie, die in Ulm lebt.

Petzl hat sich seinen persönlichen amerikanischen Traum erfüllt – und doch weiß er nur zu gut, dass längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Viele Amerikaner seien unglaublich egoistisch, für diese zähle allein die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Auch Rechthaberei und gegenseitige Schuldzuweisungen seien, ob gerechtfertigt oder nicht, üblich. „Manchen mangelt es an gesundem Menschenverstand.“ Von Präsident Donald Trump wolle er gar nicht erst anfangen. Trotzdem sei er mit seinem Leben zufrieden. „Nur der Mangel an Gelbwurst und Kässpätzle, damit komme ich nicht klar.“

Teilnehmer für Brücken in alle Welt gesucht

Immer zu Weihnachten liegt an Heiligabend die Sonderbeilage „Brücken in alle Welt“ bei. Darin berichten ausgewanderte Heidenheimer (und selbstverständlich auch die ehemaligen Bewohner anderer Kreisgemeinden) aus ihrem Leben fernab der Heimat.

Auch für die diesjährige Weihnachtsausgabe der HZ werden wieder Teilnehmer gesucht, die sich vorstellen können, den Lesern in Text und Bild ein paar Einblicke in ihr neues Leben zu geben.

Wer also Interesse hat oder jemanden kennt, der ausgewandert ist und in den „Brücken in alle Welt“ mit einem Beitrag vertreten sein sollte, der meldet sich am besten bei Mathias Ostertag, Tel. 07321.347-176 oder mathias.ostertag@hz.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel