Forst Auch mit 1000 noch gut aussehen

Mein Freund, der Baum – ist nicht tot. Das gilt zumindest für die Dettinger Linde. Zwar besteht sie mittlerweile nur noch aus Stamm und einem Ast, dennoch grünt und lebt der Baum.
Mein Freund, der Baum – ist nicht tot. Das gilt zumindest für die Dettinger Linde. Zwar besteht sie mittlerweile nur noch aus Stamm und einem Ast, dennoch grünt und lebt der Baum. © Foto: Fotos: Jürgen Drabner
Dettingen / Christine Weinschenk 21.08.2012
Bäume können mehr als 1000 Jahre alt werden. Und nicht nur die Lebensdauer haben sie uns Menschen voraus, auch werden sie mit zunehmendem Alter einfach immer schöner. Der älteste Baum im Landkreis ist die Dettinger Linde. Sie wird auf 350 geschätzt– mindestens.

„Who wants to live forever– wer will schon ewig leben?“, sang Freddie Mercury. Dieser Wunsch ist präsenter denn je. Ewiges Leben, ewige Jugend. Aber trotz medizinischer Errungenschaften ist ein Menschenleben kurz. Was sind schon 80 oder 90 Jahre? Das Leben eines Baumes kommt einem im Vergleich dazu geradezu unendlich vor. Auf dem Berg Fulu in Schweden steht eine Fichte, die geschätzte 9550 Jahre auf dem Buckel hat. Das Deutsche Baumarchiv hat die ältesten deutschen Bäume erfasst. Etwa 1200 Jahre soll die Tanzlinde auf dem Marktplatz in Schenklengsfeld in Hessen im Kernholz haben. Und egal ob Eiche, Linde oder Eibe, die Kolosse haben uns Menschen noch eines voraus: Sie werden mit der Zeit immer schöner und sehen in hohem Alter geradezu unverschämt gut aus.

Derälteste Baum im Landkreis Heidenheim ist sehr wahrscheinlich die Dettinger Linde, auch Anhauser Linde genannt, mit mindestens 350 Jahren. Leider erstrahlt sie nicht mehr in voller Pracht. Sie trotzte Orkanen, Schnee, Eis, Blitzschlag und Vandalismus. An einem Morgen im Oktober 2006 lag sie darnieder. Starker Regen hatte das Kronenwerk triefnass und schwer werden lassen. Eine Sturmböe aus der falschen Richtung zerlegte den Baumriesen. Auch den Bäumen ist kein endloses Leben beschert.„Bäume sind Lebewesen, sie erleben Jugend, Blüte, das Greisenalter und den Tod. Nur dauert es bei ihnen länger als bei uns“, sagt der ehemalige Forstamtsleiter und Naturschutzbeauftragte des Landkreises, Max Riehle aus Steinheim.

Das Alter der greisen Bäume, besonders im Fall der Linden, ist immer nur geschätzt. Eine Alterserscheinung der Linden ist ein Fäulnisprozess, der die Bäume von innen aushölt. Dadurch seien die Jahresringe nicht lesbar, sagt Riehle. Ein hohler Baum lebt aber dennoch.„Der Baum lebt außen“, erklärt der Experte. Die Rinde ist das Zeichen des Lebens, quasi der Lebensring. Über sie läuft der Versorgungskreislauf mit Wasser und den Säften wie Harz, das aus der Baumkrone in die Wurzeln transportiert wird.“ Zudem sei das hohle Innere auch sehr lebendig:„Pilze, Insekten und Pflanzen leben dort.“

Allerdings verlieren die Bäume durch die Aushöhlung an Statik und werden anfälliger für Wind und Wetter.„Ein Baum wächst eigentlich seinem Tod entgegen“, sagt Riehle.„Je weiter er sich von seinen Wurzeln entfernt, nach oben und zu den Seiten wächst, desto leichter kann er geknackt werden.“

Verraten die Jahresringe nichtsüber das Alter des Baumes, versucht man sich ihm über den Umfang zu nähern. Man misst den Umfang des Stammes im Abstand von zehn Jahren und rechnet ganz simpel anhand der Veränderung zurück. Eiben seien bei uns im Raum die ältesten Bäume mit bis zu 1500 Jahren, allerdings seien sie sehr selten, sagt Riehle. Auch in Steinheim gebe es noch weitere alte Giganten. Zum Beispiel Eichen, diese seien kernfest und nicht von der Fäulnis betroffen. Zudem gibt es in Steinheim eine alte Buche, die um die 300 Jahre auf dem Buckel haben soll, ihr Umfang misst gute siebeneinhalb Meter. In Gerstetten bei den Mäderhöfen stehen noch zwei starke Linden. In Leipheim steht eine 500 Jahre alte Linde.

Vor allem alte Tanzlinden haben die höchsten Chancen auch urkundlich erwähnt zu sein. Etwa weil unter den wuchtigen Ästen Rüge-Gerichte gehalten und Verbrecher an den Pranger gestellt worden sind.„Allerdings kann man nicht sagen, wie alt die Bäume zum Zeitpunkt der Erwähnung waren“, gibt Riehle zu Bedenken.

Die Dettinger Linde steht an exponierter Stelle, an einer Wegkreuzung.„Es ist keine besondere Funktion bekannt. Wenn der Nebel heraufzog, hat sie früher vermutlich als Ortsbestimmung und Kreuzungsmarkierung gedient“, so Riehle. 1910 sei sie im„Schwäbischen Baumbuch“ als besonderer Baum erwähnt worden. Linden seien„angenehme Bäume“ mit flexibler Krone, die sich im Wind zwar beuge, aber schnell zurückschnelle. Dazu kommen die Lindenblüten und der Honig. Linden sind nicht nur schöne Kulisse.„Solange ein Baum grün ist und Blätter treiben, produziert er Zucker, den er zum Leben braucht und Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen.“

Eigentlich kein Wunder, dass die alten Riesen uns in ihren Bann ziehen.„Wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie schon Napoleon und seine Heerscharen gesehen, gehört und gespürt haben und jetzt noch immer leben, uns Schatten und Sauerstoff spenden, Lebensraum für unzählige Insektenarten sind und über Jahrhunderte für die Tiere des Waldes Nahrung produziert haben– das ist schon ein Wunder des Lebens“, schwärmt Riehle.„Ich bin von meiner Statur kein kleiner Mann, aber daneben kommt man sich schon etwas armselig und unbedeutend vor.“

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