Gundremmingen Das Problem mit dem Atommüll: „Wir werden scheitern“

Raimund Kamm ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Forum - gemeinsam gegen das Zwischenlager“. Die Initiative unterstützt derzeit fünf Anwohner, die gegen den Betrieb des Zwischenlagers klagt.
Raimund Kamm ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Forum - gemeinsam gegen das Zwischenlager“. Die Initiative unterstützt derzeit fünf Anwohner, die gegen den Betrieb des Zwischenlagers klagt. © Foto: Catrin Weykopf
Gundremmingen / Catrin Weykopf 14.09.2018
Noch Jahrzehnte wird in Gundremmingen Atommüll überirdisch gelagert, da es kein Endlager gibt. Einen Ort zu finden, wird nicht gelingen, sagt Raimund Kamm.

Herr Kamm, Sie sind Vorsitzender der Bürgerinitiative „Forum – gemeinsam gegen das Zwischenlager“. Atommüll ist ein Problem, das noch Generationen beschäftigen wird. Aktuell hat man nur Zwischenlösungen. Warum ist das Ganze kein Thema in Öffentlichkeit und Politik?

Raimund Kamm: Das hat mehrere Gründe. Zum einen fehlt es in der Breite an physikalischen Kenntnissen. Es versteht doch kaum jemand, was es bedeutet, wenn wir von Halbwertszeiten sprechen – welche Zeitspannen das umfasst und welche Verantwortung das bedeutet. Zum anderen gilt das Thema Atom allgemeinhin als erledigt. Wir steigen aus der Atomkraft aus. Damit ist es doch erledigt – das höre ich immer wieder. Und: Wir haben bisher keine Konflikte mit dem Müll.

Wie meinen Sie das?

Es ist ja noch nie etwas passiert. Die Castoren stehen alle irgendwo, vermeintlich gut gesichert. Erst wenn mal etwas passiert – und wenn Sie 50 Jahre von heute aus nach vorne blicken, wird etwas passieren, das prognostiziere ich – dann wird das Thema ernst. Dann wird man rufen: Warum haben wir nichts getan? Aber bis dahin werden wir scheitern. Die Endlagersuche wird, fürchte ich, scheitern.

Dafür, dass sich so viele Fachleute seit Jahren damit beschäftigen, ist das aber eine steile These. Warum werden wir scheitern?

Wir stehen aktuell auf der untersten Stufe des gesamten Suchverfahrens. Dieses Verfahren wird zwar weitergehen, irgendwann. Aber man wird früher oder später vor Landkarten stehen, die zeigen, wo so ein Lager überall denkbar ist – übrigens auch zwischen Alb-Donau und Ulm – und dann wird der Kampf losgehen. Denn niemand will das Endlager bei sich haben.

Damit ist aber das Scheitern noch nicht zwangsläufig.

Dieser Prozess wird zu keinem Konsens kommen und gewaltsam einen Standort gegen Widerstände zu beschließen, wird ebensowenig funktionieren. Das Scheitern wird in zehn bis 20 Jahren verkündet werden.

Dann gäbe es auf lange Sicht kein Endlager. Denn selbst wenn morgen die Entscheidung für einen Ort fiele, würde es noch Jahrzehnte dauern, bis der Müll dort sicher eingelagert würde, oder?

So ist es und diese Entwicklung wird dramatisch, denn die viel größere Gefahr ist, dass der Müll – wie jetzt – oberirdisch lagert. Schutzlos bis auf die Castoren, von denen unklar ist, wie lange sie halten und wie sicher sie gegen Terror sind. Wir müssen mit dem Müll unter die Erde, dorthin, wo niemand mehr drankommt.

Wenn das in Deutschland so schwer ist, gibt es keine Alternativen?

Ich sage es jetzt ganz offen. Das große Szenario geht so: Die Mehrheit der Fachleute hofft, dass wir eine politische Situation bekommen, die es uns ermöglicht, den Müll irgendwo anders hinbringen zu können. Nach Afrika oder nach Russland – gegen ein paar Milliarden Euro, versteht sich.

Das unterstellen Sie jetzt so? Oder wissen Sie das?

Nein. Das sind Stimmungen, die ich auf Fachtagungen und Treffen zu dem Thema mitbekomme. Neulich sagte jemand bei einer Konferenz: Es gibt doch hinten in Sibirien Granitgesteine, die viel mächtiger sind als die im Schwarzwald oder im Bayerischen Wald – das wäre doch der ideale Ort. Da wohnt doch kein Mensch. Ja, so etwas höre ich.

Und das findet keiner der Teilnehmer dieser Fachtreffen bedenklich?

Nein, kaum. Wenn man eine ausländische Regierung findet, die das gegen Geld macht, dann packen wir die Castoren in einen Zug, geben jedem Waggon 100 Millionen oder eine Milliarde Euro mit und weg sind sie. Ich denke, es würde sich auch 95 Prozent der Bevölkerung mit dem Argument zufrieden geben, dass dort ja niemand wohnt – im Gegensatz zum dicht besiedelten Deutschland. Ob und wie die Lager im Ausland gesichert werden, ist dann nebensächlich.

Das ist jetzt aber wirklich ein unwahrscheinliches Szenario. Finden Sie nicht?

Nein. Atommüll ist einfach kein Gewinnerthema, sondern nur ein Verliererthema. Damit kann man nur Ärger kriegen, besonders als Politiker. Ich muss sagen, mir ging es ja sogar selbst so. In meiner Zeit als Landtagsabgeordneter fiel die Entscheidung, die Wiederaufbereitung in Wackersdorf doch nicht zu bauen. Ich war damals froh. Dass man stattdessen Wiederaufbereitungen in La Hague und in Sellafield gebaut hat und die deutschen Brennstäbe dorthin kamen, das hat niemanden gestört. Mich auch nicht. Ich war da selbst in vielen Bereichen naiv.

Und jetzt klagen Sie gegen das Zwischenlager?

Nicht ich persönlich klage. Unsere Bürgerinitiative unterstützt fünf Anwohner bei der Klage.

Es ist der dritte Versuch. Sie wollen die Genehmigung des Zwischenlagers in Gundremmingen, so wie es aktuell betrieben wird, kippen.

Ja. Im ersten Versuch sind wir gescheitert. Das war 2006 vor Inbetriebnahme. Der zweite Versuch war mehr eine juristische Formsache. Jetzt aber gehen wir es noch einmal groß an.

Die Klage liegt derzeit beim Verwaltungsgerichtshof in München. Wann wird da etwas passieren?

Das wird noch dauern. Derzeit fordert das Gericht Akteneinsicht in Unterlagen der Atomaufsichtsbehörde. Ob das Gericht diese Einsicht bekommt, ist völlig offen.

Das bedeutet, das kann sich noch Monate hinziehen.

Ja, das ist ein ewiges Hin- und Her.

Worauf begründen Sie die Klage? Das Lager ist doch genehmigt, wird begutachtet und beaufsichtigt.

Unsere Basis bildet das Urteil, mit dem 2005 dem Zwischenlager in Brunsbüttel die Betriebserlaubnis entzogen wurde. Dort hat man festgestellt, dass vor Genehmigung nicht ausreichend ermittelt worden war, ob die Schutzwerte der Bevölkerung eingehalten wurden. Also ob alle Risiken – etwa durch Terroranschläge – ausreichend in Betracht gezogen wurden. Und da die Lager in Norddeutschland sogar deutlich massiver gebaut sind als die im Süden, ist das für uns der Hebel.

Aber man hat doch zusätzlich eine Mauer um das Gundremminger Lager gebaut. Gerade, um den Schutz vor Terroranschlägen zu verbessern.

Ja, stimmt. Und wir haben auch nichts gegen die Mauer. Aber bis heute ist unklar, warum sie gebaut wurde. Beim zuständigen Bundesamt wurde nur von neuen Tatmitteln, deren Einsatz man im Inneren des Lagers verhindern muss, gesprochen. Die große Sorge ist demnach nicht mehr der Beschuss von außen, sondern dass Terroristen vom Kraftwerksgelände aus ins Lager eindringen – vielleicht mit einem Panzerfahrzeug – und Tatmittel dabei haben, mit denen man innerhalb weniger Minuten einen Castor knacken kann. Deswegen sind diese neuen Tatmittel unsere Argumentation bei der erneuten Klage.

Angenommen, Ihre Klage kommt durch. Was würde das bedeuten? Kämen die Castor-Behälter dann umgehend aus Gundremmingen weg?

Nein. Man sieht das ja in Brunsbüttel. Das Lager steht noch dort, die Castoren auch. Möglich ist das mit Hilfe von Notgenehmigungen. So würde das vermutlich in unserem Fall auch laufen. Es müsste ein neues Lagerungskonzept erarbeitet werden. Aber bis das steht, bliebe alles, wie es ist.

Was könnte so ein neues Lagerungskonzept umfassen?

Es könnte vorsehen, dass man 50 Meter unter die Erde geht oder zehn Meter dicke Mauern baut. Oder das man die dezentralen Zwischenlager an jedem Kraftwerksstandort ganz abschafft und stattdessen ein oder zwei große deutsche Zwischenlager baut. So eines kann dann auch in München stehen.

In München?

Wenn man ein neues Zwischenlager baut, muss das ja nicht in Gundremmingen stehen. Die größtmögliche Sicherheit muss das Bauwerk überall bieten. Das darf kein Unterschied sein. Warum dann also nicht auch in München?

Wahrscheinlicher ist, dass Ihre Klage scheitert und sich gar nichts ändert. Wie geht's dann in Gundremmingen weiter?

Es wird irgendwann etwas passieren. Die Waffentechnik entwickelt sich so schnell. Als das jetzige Lager gebaut wurde, haben wir über Hubschrauber phantasiert und Szenarien überlegt, was so einem Lager alles passieren kann. Heute haben Sie eine Drohnentechnik, die sich in den letzten fünf Jahren extrem entwickelt hat. Oder denken Sie an chemische Anschläge. Es wird nicht nur Szenarien geben, sondern es wird Vorfälle geben. Selbst ohne Terroristen, wenn eines Tages die ersten Castoren undicht werden.

Aber jetzt mal ehrlich: Gibt es nicht im Ausland noch viel unsichere Anlagen? Stichwort Fessenheim oder der Pannenmeiler Thiange in Belgien? Oder auch umstrittene Zwischenlager im Ausland? Vertrauen Sie den deutschen Anlagen vor diesem Hintergrund nicht wenigstens ein bisschen mehr?

Zwei Antworten darauf: Ich vertraue der deutschen Atomtechnik und dem Maschinenbau nicht komplett. Block A in Gundremmingen ging kaputt. Und aktuell haben wir den Dieselskandal. Vor fünf Jahren hätte doch niemand erwartet, dass man die Leute so massiv reinlegt und trickst. Zweitens: Ich denke schon, dass bei unseren Atomanlagen genau hingeschaut wird. Aber fragen Sie mal Schweizer, Schweden, Franzosen, Amerikaner oder die Russen. Die sagen das doch alle von ihren Anlagen. Das relativiert sich doch.

Herr Kamm, Sie machen das seit so vielen Jahren. Das Ganze ist aus Ihrer Sicht doch ein Kampf „David gegen Goliath“. Und er hat bisher doch kaum etwas gebracht. Warum machen Sie das eigentlich?

Das klingt jetzt pathetisch: Aber ich halte die atomaren Folgen ebenso wie die Erderwärmung für die Menschheit für existenzbedrohend. Wenn sie mal den Kalender 50 Jahre weiterblättern, wenn so ein Zwischenlager kaputtgeht – und die Lager werden in 50 Jahren noch existieren – dann hängt's doch nur noch vom Wind ab, ob man Heidenheim evakuiert oder Augsburg oder München oder Stuttgart oder Ulm. Das ist auch in 50 oder 60 Jahren noch so. Die Bevölkerung hat das noch nicht verstanden. Und da braucht es schon noch Bürgerinitiativen, die sich dieses Themas annehmen.

Raimund Kamm und das Zwischenlager in Gundremmingen

Seit den 1980er Jahren setzt sich Raimund Kamm (Jahrgang 1952) in der Anti-Atom-Bewegung ein. Von 1986 bis 1991 war Kamm Abgeordneter der Grünen im Bayerischen Landtag.

Kamm ist Vorsitzender und Sprecher der Bürgerinitiative Forum - Gemeinsam gegen das Zwischenlager.

Das Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente befindet sich auf dem Kraftwerksgelände.

Das Gebäude ging 2006 in Betrieb. Ab 2014 wurden zusätzliche Schutzmauern aus Beton errichtet. Das Gebäude ist 104 Meter lang, 38 Meter breit und 18 Meter hoch.

Die Wandstärke der Lagerhalle beträgt 85 Zentimeter, die Stärke des Dachs 55 Zentimeter. Zum Vergleich: Die Wände des Lagers Brunsbüttel sind etwa 1,20 Meter stark.

Aktuell befinden sich 58 Castoren im Zwischenlager. Insgesamt werden in Gundremmingen etwa 180 Castoren anfallen.

Der Castor-Typ, der in Gundremmingen verwendet wird, fasst 52 Brennelemente. Jeder Behälter kostet in der Anschaffung etwa zwei Millionen Euro.

Zuständig für den Betrieb des Zwischenlagers ist derzeit noch der Betreiber des AKW, die KGG Gundremmingen. Ab 2019 ist der Bund alle Zwischenlager zuständig. Hierzu nahm 2017 die eigens gegründete Gesellschaft für Zwischenlagerung in Essen ihre Arbeit auf.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel