Dettingen Arsen im Sonntagsbrötchen

Acht Jahre seines Lebens verbrachte der 1907 verstorbene Oberlehrer J.M. Kucher in Dettingen und trug viele Beiträge zur Ortsgeschichte zusammen.
Acht Jahre seines Lebens verbrachte der 1907 verstorbene Oberlehrer J.M. Kucher in Dettingen und trug viele Beiträge zur Ortsgeschichte zusammen. © Foto: Christian Thumm
Dettingen / Manuela Wolf 30.08.2018
In Dettingen lebte einst Oberlehrer J.M. Kuch. In zahllosen Stunden Fleißarbeit trug er Beiträge zur Ortsgeschichte zusammen und notierte dabei so manchen Mord für die Nachwelt.

Wenn der Mensch nicht am Vaterhause haftet, so hängt er auch nicht am Vaterlande. Was aber vermöchte mehr die Heimatliebe zu wecken als die Einführung in die Geschichte der Heimat, in das Verständnis unseres Volkstums und seiner Eigenart?“ Mit diesem Zitat des humoristisch-pädagogischen Schriftstellers Bogumil Goltz beginnt Oberlehrer J.M. Kuch seine „Beiträge zur Ortsgeschichte Dettingen am Albuch“. Acht Jahre seines Lebens verbrachte er in der Gemeinde. Er wollte die örtliche Nähe nutzen, um möglichst viele Mosaiksteinchen aus vielen Quellen zu einem Gesamtbild der damaligen Zeit zusammenzusetzen.

Läutbuben gerettet

Ob Württembergische Neujahrsblätter, Berichte über kriegerische Ereignisse innerhalb des Königreichs Württemberg, Gemeinde- und Heiligenpflegerechnungen, Oberamtsschreibungen des Oberamtes Heidenheim oder mündliche Überlieferung alter Bewohner: Der Hobby-Historiker haderte damit, dass sich Wissenslücken mangels Überlieferungen nicht schließen ließen. Und so versuchte er, mit viel Fleiß „und manchem Opfer an Zeit und Geld der Wahrheit des Gewesenen“ so nahe wie möglich zu kommen. Der Sohn des 1907 verstorbenen Autors, Ernst Kuch, verfasste zu der 1900 abgeschlossenen Arbeit 64 Jahre später ein Vorwort, gab sie in den Druck, ließ sie binden und im Dorf verteilen.

Viele Jahre sind seitdem vergangen, die Welt ist eine andere geworden, die Denkart von damals wirkt fremd, und manch fehlendes Detail ließe sich heutzutage mit Hilfe von Ergebnissen umfassender Geschichtsforschung mühelos beibringen. Doch das Blättern in J.M. Kuchs Arbeit, die noch im Schein der Petroleumlampe niedergeschrieben worden ist, ist ein unterhaltsamer und überaus informativer Zeitvertreib. Beispiel gefällig?

Am 3. März 1835 beobachtete der Lehrgehilfe Jetter Gräßler von seinem Zimmer aus, wie Putz vom Kirchturm gegenüber abbröckelte und derselbe ins Schwanken geriet. Geistesgegenwärtig sprang der Held die Treppen hinauf in den Glockenturm und holte die zehn Läutbuben herunter, die auf den Beginn des Wochengottesdienstes warteten. Nur Sekunden später ertönte ein enormer Krach, alles hüllte sich in Staub. Zurück blieb ein riesiger Trümmerhaufen. Die Glocken und die Turmuhr überstanden den Einsturz beinahe unbeschädigt und wurden nach dem Wiederaufbau wieder in Betrieb genommen.

Berichtet wird auch über zwei Verbrecher. So hatte ein gewisser Andres einem von ihm geschwängerten Mädchen beim Fensterln am Sonntagabend ein Brötchen geschenkt. Die junge Frau aß das „Sonntigbrot“ am folgenden Morgen beim Flachsbrechen und starb innerhalb einer Stunde – das Brötchen war mit Arsen vergiftet gewesen. Am 5. März 1796 wurde „der arme Andres von Dettingen“ auf Schloss Hellenstein enthauptet. Aus Eifersucht metzelte ein gebürtiger Schweizer namens Johann Schindele von Rieder im Jahr 1904 den Dettinger Jakob Rieck auf offener Straße mit sieben Messerstichen nieder. Danach ging er zu seiner Angebeteten, erzählte ihr von dem Vorfall und blieb die restliche Nacht bei ihr. Bei seiner Verhaftung zeigte er sich reuelos: „Wäre der Rieck nicht gekommen, hätte ich ihn nicht erstochen.“

Ein vergiftetes Brötchen

Um der Spatzenplage im Sommer 1777 Herr zu werden, erging ein herzoglicher Befehl: Jeder Bürger, Vorsteher ausgenommen, musste sich in Gärten und auf Feldern auf die Jagd machen und ein halbes Dutzend Vögel erschießen. Ansonsten drohte eine empfindliche Geldstrafe. Insgesamt wurden 906 Spatzenköpfe beim Bürgermeister abgegeben. Aufzeichnungen gibt es übrigens auch zu aus der öffentlichen Kasse zu zahlenden Übernachtungskosten für ranghohe Soldaten in der Zeit der Napoleonischen Kriege. Dettingen hatte im Jahr 1800 an 51 Tagen französische „Chasseurs“ im Standquartier. Die Kosten für Butter, Käse, Kaffee und vor allem Wein waren beachtlich. Adlerwirt Wöhrlen schenkte etwa einem „Herrn Kapitän“ 16 Mass Branntwein zusätzlich zur üblichen Verpflegungsration aus. Die Unkosten beliefen sich auf drei Heller täglich – dafür bekam man zur damaligen Zeit drei ausgewachsene Gänse.

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