Stetten ob Lontal / Philipp Hruschka Archäoguide Holger Müller leitet Führungen im Park am Vogelherd bei Niederstotzingen-Stetten. Große und kleine Gäste lässt er dabei an seiner Faszination für das Leben in der Altsteinzeit teilhaben.

Früher Sonntagnachmittag am Vogelherd: Holger Müller steht gebeugt am Grillplatz im Archäopark und macht Feuer. Stein schlägt auf Stein und erzeugt so ein fast rhythmisches Geräusch. Dann fliegt der zündende Funke und schließlich geht ein erfreutes Raunen durch die um Müller versammelte Menge.

Der Experte richtet sich zufrieden wieder auf, in der Hand hält er ein leicht vor sich hin rauchendes Paket aus trockenen Pilzen. „Das war jetzt also der Original-Sound, genau wie vor 40 000 Jahren. Da wusste jeder, dass es bald etwas zu essen gibt“, erklärt er den Zuschauern lachend.

Holger Müller ist einer von etwa 20 Guides im Archäopark Vogelherd, der die berühmten Elfenbeinfiguren des Mammuts und eines Höhlenlöwen beherbergt – zwei der ältesten figürlichen Kunstwerke der Menschheit – und zu dem auch ein großer Steinzeit-Erlebnisbereich gehört. Rund 90 Mal im Jahr führt er Gruppen durch den Park bei Stetten ob Lontal und nimmt sie mit in die Altsteinzeit auf der Ostalb. Trotz Winterpause des Parks geht es heute in einer „Schnupperführung“ um die Überlebensstrategien der Eiszeitjäger, also Jagen, Feuer machen sowie das Herstellen der Kleidung.

Auch heute ist Eiszeit

Für die älteren Gäste hat der Archäoguide auch geographische Erläuterungen zu den Verhältnissen in der Eiszeit parat. Dabei sollte übrigens eher die Rede von einer „Kaltzeit“ sein, erklärt Müller: „Eiszeit heißt eigentlich nur, dass die Pole dauerhaft vergletschert sind. Wir leben also aktuell noch immer in einer Eiszeit.“

Die Jüngeren unter den Gästen begeistern sich indes etwas mehr für Abbildungen der damaligen Tierwelt: Längst ausgestorbene Arten wie der Höhlenlöwe oder das Mammut teilten sich damals die Ostalb mit dem Menschen.

Holger Müller kommt gebürtig aus Ulm, und ist schon im Lonetal aufgewachsen. Daher hatte er immer eine Affinität zur Natur in der Region, auch die Vogelherdhöhle hat er bereits früh erkundet. „Ich wollte dort ja gerne mal etwas Interessantes finden, das hat aber leider nie geklappt“, berichtet er. Auch mit der Schulklasse sei er einmal am Vogelherd gewesen, doch blieben die Erklärungen des Geschichtslehrers zu den hier gemachten Funden eher oberflächlich. Seit 2014 ist der 60-Jährige inzwischen Archäoguide, mit der Absicht, es besser als der Lehrer von damals zu machen.

Tier- und Pflanzenkunde

Bei seinen Führungen legt er besonderen Wert auf die Erläuterung der damaligen Tier- und Pflanzenwelt, die ein Hauptgrund für die Streifzüge der Steinzeitmenschen am Vogelherd war und somit auch für die inzwischen weltbekannten Fundstücke: „Die Menschen waren schließlich nicht hier, um ein Mammut aus Elfenbein zu schnitzen. Sie waren hier, weil es einen gedeckten Tisch gab, nämlich große Pflanzenfresser, die man jagen konnte“, erklärt Müller.

Neben seinem Wissen zur Urgeschichte sind die Gäste vor allem von den praktischen Teilen der Führung angetan: So dürfen sie die Schärfe des Steinmessers testen, oder sich an der Speerschleuder versuchen. Mit der simplen Konstruktion aus Knochen und Holz konnten die Steinzeitmenschen aus wesentlich weiterer Entfernung auf ihre Beute zielen, was die Jagd weniger gefährlich machte.

Jagen war nicht nur Männersache

Doch das Speerschleudern will gelernt sein, nicht jeder stellt sich auf Anhieb geschickt an. Gut, dass die Verpflegung heute nicht vom Jagdglück abhängt. Auch mit manchem Klischee räumt Holger Müller dabei auf: So war etwa die Jagd ganz und gar nicht alleinige Aufgabe des Steinzeitmannes. Als wichtige Quelle von Fleisch, Knochen und Fellen ging sie alle an. Männer, Frauen und sogar Kinder: Es jagte, wer gut darin war. Am meisten mache ihm der Job als Archäoguide Spaß, wenn er das Interesse an der Steinzeit bei seinen Gästen wecken kann, so Müller. „Ich wünsche mir, dass die Leute am Ende des Tages beeindruckt sind.“

Archäopark und Archäoguides

Im April startet die neue Saison am Vogelherd. Dann können wieder an jedem Tag der Woche (außer am Ruhetag Montag) Führungen, beispielsweise auch für Kindergeburtstage, gebucht werden.

Neben den Führungen bietet der Park im Lauf des Sommers außerdem unterschiedliche Veranstaltungen an. Eine Übersicht gibt es im Internet unter www.archaeopark-vogelherd.de.

Die Archäoguides werden in einer theoretischen und praktischen Schulung ausgebildet. Interessenten für die Ausbildung im nächsten Jahr können sich direkt beim Park melden.

Bildergalerie Archäopark: Holger Müller führt durch die Steinzeit