AKW Alles sicher? Ex-Atomsicherheitschef sagt "Nein"

Nattheim / Christine Weinschenk 24.04.2014
Atom-Aufseher, Atom-Abschalter – Dieter Majer hat schon viele Beinamen erhalten. Der 68-jährige Nattheimer war im Bundesumweltministerium für die Sicherheit aller deutschen Atomkraftwerke verantwortlich. Und damit maßgeblich an der Abschaltung mehrerer AKW beteiligt. Im Interview beantwortet er die Frage, ob in Gundremmingen tatsächlich das gefährlichste Atomkraftwerk Deutschlands steht. Und er spricht über den großen Einfluss der Energiekonzerne auf die Politik.
Herr Majer, warum misstrauen Sie der Atomkraft?

Nach dem Studium war ich bei der Gewerbeaufsicht zuständig für die chemische Industrie. Da hat man höchste Ansprüche an die Sicherheit gestellt. 1982 bin ich dann zur Atomaufsicht gewechselt und musste feststellen, dass diese Aufsicht weniger stringent ist.

Was heißt das?

Dass immer sehr eng mit den Betreibern der Kraftwerke kooperiert wurde. In Hessen war damals das Wirtschaftsministerium gleichzeitig auch für die Atomaufsicht zuständig. Da fingen meine Zweifel an, ob man unter diesen Bedingungen Atomkraftwerke überhaupt betreiben kann. Schließlich sind die Anlagen höchstgefährlich und deshalb muss auch das höchstmögliche Maß an Sicherheit gelten.

Ihre Erfahrung ist aber, dass wirtschaftliche Belange im Vordergrund standen und nicht die Sicherheit?

Der Einfluss der Vorstände der großen Energiekonzerne war gewaltig. An jedem Tag, an dem ein Kernkraftwerk stillsteht, entsteht dem Betreiber ein Schaden von etwa einer Million Euro. Natürlich sehen sie es da nicht gerne, wenn die Anlage für eine Reparatur oder Revision für 14 Tage vom Netz muss. Die Betreiber haben unmittelbar beim Minister Druck gemacht und versucht, Sicherheitsanforderungen zu verwässern, relativieren oder hinauszuzögern. Das war wirklich ein Problem.

War? Oder ist es noch immer ein Problem?

Das ist nach wie vor ein Problem. Der Einfluss, der gewährt wird, hängt aber von der politischen Konstellation und vom Parteibuch des zuständigen Umweltministers ab. Mit der bayerischen Atomaufsicht habe ich viele negative Erlebnisse gehabt. Ebenso in Baden-Württemberg als noch die CDU regiert hat. Oettinger und Mappus waren große Förderer der Atomindustrie.

Hat die Industrie auch Einfluss auf Strahlengrenzwerte? In Fukushima hat man ja nach der Katastrophe die Grenzwerte für AKW-Mitarbeiter und für Kinder auch kurzerhand erhöht. Das irritiert.

Es gibt gesetzliche Grenzwerte. Das heißt aber nicht, dass die völlig ungefährlich sind, sondern, dass man sie akzeptiert. In der Wissenschaft gibt es Hinweise darauf, dass auch Belastungen, die unterhalb der Grenzwerte liegen, negative Auswirkungen haben können.

Das heißt, sie können Krebs auslösen?

Das lässt sich nicht ausschließen. Nur ist das Risiko eben geringer, je niedriger die Strahlung ist.

Und die AKW-Betreiber handeln die Grenzwerte aus?

Es gibt massiven Einfluss von der Lobby auf die Gesetzgebung. Auf Behörden, Regierung und Parlament. Es gibt permanenten Kontakt mit Betreibervertretern und die haben erhebliche Mittel, um ihre Aussagen wissenschaftlich begründen zu lassen.

Wissenschaftlich begründen?

In Deutschland werden etwa 15 Lehrstühle, die auf diesem Gebiet forschen, ausschließlich von der Industrie finanziert. Das macht es für einen Professor schwierig, industrienachteilige Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. So haben die Betreiber auch erheblichen Einfluss auf die Grenzwerte. Die wissenschaftlichen Argumente bekommen sie ja geliefert. Und wenn dann noch gedroht wird, dass Deutschland ein industrielles Brachland wird, weil die Grenzwerte zu hoch sind, fällt das bei Politikern auf fruchtbaren Boden.

Und dann werden die Grenzwerte im Zweifelsfall höher angesetzt?

Ja. Genauso läuft es bei den Sicherheitsanforderungen. Alles, was Schwierigkeiten macht, wird relativiert und negiert. Als wir Biblis stillgelegt haben, hat mich ein hochrangiger RWE-Mitarbeiter angerufen und gesagt: ,Herr Majer, wir werden uns wiedersehen.'

Das macht Angst. Die Mitteilungen aus dem Gundremminger Atomkraftwerk lesen sich ganz anders: Millionen werden jedes Jahr zum Nachrüsten und Modernisieren in die Hand genommen. Das hört sich an, als sei Sicherheit das oberste Gebot.

100-prozentige Sicherheit gibt es bei dieser Technologie ohnehin nicht. Das hat einen einfachen Grund: Eine Atomkraftanlage lässt sich nicht einfach abschalten. Die Hitzeproduktion endet nicht auf Knopfdruck. Und wenn die Nachzerfallswärme nicht abgeführt wird, kommt es zur Kernschmelze. Mit anderen Worten: Gibt es keinen Strom und kein Kühlwasser, kommt es zur Katastrophe. Fukushima war dafür ein deutliches Beispiel. Das kann auch in jeder deutschen Anlage passieren.

Atombefürworter sagen: Wir leben nicht in Japan. Bei uns gibt es keine Erdbeben und auch keine Flutwellen. Was soll denn schon passieren?

Die Liste ist lang: menschliches Versagen, Materialschäden. Außerdem kann man Erdbeben hier in der Region nicht ausschließen. Ein Erdbeben in japanischer Stärke würde unsere deutschen Anlagen sofort aufs Kreuz legen. Aber auch mit einem leichteren Erdbeben wäre Gundremmingen überfordert. Die Not- und Nachkühlung genügt nicht den Anforderungen. Das haben Professor Renneberg und ich vergangenes Jahr in unserer Studie über die Risiken des Betriebs des Kernkraftwerks Gundremmingen klar belegen können.

Ist Gundremmingen dann besonders gefährlich? Immerhin ist es die einzige deutsche Anlage mit Siedewasserreaktor – und ist damit vergleichbar mit Fukushima.

Die Siedewasserreaktoren in Fukushima und Gundremmingen sind nicht exakt baugleich. Aber Siedewasserreaktoren haben mehrere Defizite im Vergleich zu Druckwasserreaktoren. Zum einen ist die Schnellabschaltung bei einem Siedewasserreaktor ein komplizierterer Vorgang. Die Technik dazu ist komplexer und damit auch störanfälliger. Außerdem ist es bei einem Siedewasserreaktor konstruktionsbedingt bei einem Störfall auch schwieriger zu verhindern, dass Radioaktivität nach außen dringt. Fazit: Der Siedewasserreaktor in Gundremmingen birgt aufgrund seines anderen Aufbaus höhere Risiken als die übrigen Anlagen in Deutschland.

In Gundremmingen kommt es mehrmals im Jahr zu meldepflichtigen Ereignissen. Meist heißt es dann, sie seien sicherheitstechnisch nicht relevant. Wird die Gefahr von den Betreibern heruntergespielt?

Auf jeden Fall. Häufig sind kleine Ereignisse die Vorläufer von schwereren Unfällen. Vorfälle, die von Betreiber und teilweise auch von zuständigen Landesbehörden als sicherheitstechnisch irrelevant bewertet werden, sind oft bei genauer und unvoreingenommener Betrachtung Hinweise auf Sicherheitsdefizite.

Es gab in den vergangenen Monaten mehrere defekte Brennelemente in Gundremmingen und auch tropfende Messlanzen. Sind das Alterserscheinungen?

Ich vermute eher, dass es sich um Material- oder Montagefehler gehandelt hat. Ein Atomkraftwerk besteht aus zehntausenden von Einzelteilen. Da passieren Fehler. Das geht gar nicht anders.

Sollte man Block C dann überhaupt noch bis 2021 laufen lassen?

Lieber heute als morgen abschalten, ist meine Meinung. Wir sollten so eine gefährliche Technologie nicht mehr nutzen. Volkswirtschaftlich ist das auch nicht mehr notwendig. Wir haben heute andere Möglichkeiten und brauchen die Atomtechnik nicht mehr zur Stromerzeugung.

Das sieht nicht jeder so. Es ist viel von Energieknappheit die Rede. Außerdem gilt Atomstrom als günstig.

Die Kosten darf man nicht kurzfristig betrachten. Niemand weiß, wie hoch die Kosten für Rückbau und Endlagerung sein werden. Wenn man das in den Preis für Atomstrom einrechnen würde, sähe es ganz anders aus. Aber ja, wenn alle AKW sofort abgeschaltet werden, müssten wir möglicherweise ein paar Nachteile in Kauf nehmen. Da muss man abwägen: Will man mit den Risiken der Atomkraft leben oder reaktiviert man beispielsweise Kohlekraftwerke und hat eine höhere CO2-Belastung.

Wie hoch sind denn die Risiken?

Die Eintrittswahrscheinlichkeit von schweren Atomunfällen sind verglichen mit anderen Lebensrisiken relativ gering. Aber man muss sich immer vor Augen halten, dass bei einem Atomunfall je nach Windrichtung hunderte Quadratkilometer kontaminiert sein können. Und die Stoffe strahlen hunderttausende von Jahren. Wenn in Gundremmingen etwas passieren würde, könnte man die Region praktisch für alle Zeiten vergessen. Einen Unfall kann man sich nicht leisten. Es darf keiner passieren. Dazu kommt die Produktion von abgebrannten Brennelementen, die kein Mensch haben will. Bis 2022 werden noch riesige Mengen produziert.

Stichwort Endlager. Das soll eine Million Jahre halten. So alt ist die Menschheit noch nicht. Ist das realistisch?

Niemand weiß, wie das gehen und wie ein solcher Standort aussehen soll. Eine Kommission hat jetzt 30 Jahre Zeit, um das herauszufinden. Ich persönlich würde aber auch sagen, dass man das Ziel, ein Endlager zu finden, das eine Million Jahre sicher ist, nur näherungsweise erreichen kann.

Wäre es nicht ohnehin besser, den strahlenden Müll in greifbarer Nähe zu halten. Vielleicht wissen nachkommende Generationen besser damit umzugehen?

Die Politik möchte das Thema vom Tisch haben. Und das wollen auch die Menschen, die um die Kraftwerke wohnen. Es wäre sicher für die Bewohner keine angenehme Vorstellung, wenn man den Atommüll nicht nur 40 Jahre, sondern plötzlich 400 Jahre dort belässt.

In Gundremmingen wird um das Zwischenlager gerade eine Mauer gebaut. Für einen Sarkophag fehlt eigentlich nur noch ein Deckel . . .

Der Bau der Mauer hat weniger mit einem sicheren Einschluss zu tun, als mit der Angst vor einem Terrorangriff. Man hat einfach festgestellt, dass moderne Faustfeuerwaffen die bisherigen Barrieren durchschlagen können.

Möglicherweise bekommen wir dennoch ein Endlager vor die Haustüre. Die Tonschichten rund um Ulm sind im Gespräch.

Ich glaube nicht, dass eine geologische Formation hier in der Region geeignet ist. Aber das wird eine politische Entscheidung werden. Sie hängt stark vom Widerstand in der Bevölkerung ab.

Wer laut trommelt, wird vom Endlager verschont?

Trommeln könnte entscheidend sein. Denn die Wissenschaft wird sich dem beugen müssen. Man findet immer Wissenschaftler, die bestätigen, dass Ton das Beste ist, was es gibt. Wenn man dann aber feststellt, dass der Widerstand in der Region zu groß ist, wird es eben Granit oder Salz. Als Nattheimer verstehe ich, dass man hier kein Endlager will. Auch wenn man für den Atommüll mitverantwortlich ist. Die Leute hier haben ja die Landesregierung gewählt, die jahrzehntelang gesagt hat, dass Atomstrom wunderbar ist.

Im Moment sorgt man sich in der Region mehr um Windräder. Es gibt Bürgerinitiativen . . .

Fukushima ist ja mittlerweile auch schon lange her. Ich habe gehört, dass es in Nattheim eine solche Bürgerinitiative gibt. Für mich klingt das nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Die Initiatoren sind für das Abschalten von Gundremmingen und für regenerative Energie, aber eben nicht in Nattheim. Damit habe ich meine Schwierigkeiten.

Mit Dieter Majer sprach Christine Weinschenk
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