Atom AKW wieder am Netz - Ursache weiter unklar

Hier wird Strom erzeugt: die große Turbine im Maschinenbaus in einem der baugleichen Blöcke im AKW Gundremmingen.
Hier wird Strom erzeugt: die große Turbine im Maschinenbaus in einem der baugleichen Blöcke im AKW Gundremmingen. © Foto: kre
Gundremmingen/Nattheim / Catrin Weykopf 26.03.2015
Das Atomkraftwerk Gundremmingen ist bereits rund 12 Stunden nach der ungeplanten Schnellabschaltung am Mittwochabend wieder ans Netz gegangen. Die Ursache für den unerwarteten Stopp ist noch nicht gefunden. Der ehemalige Bundesatomaufseher Dieter Majer aus Nattheim hält die schnelle Wiederaufnahme der Stromproduktion für unverantwortlich - weil etwas passiert sei, was eigentlich nicht passieren dürfte.
Eine „Vollbremsung bei voller Fahrt“ – so beschreibt Dieter Majer, Bundesatomaufseher a.D., was am Mittwochvormittag im Atomkraftwerk Gundremmingen geschehen ist. Der Nattheimer war fast 30 Jahre lang Chefaufseher der deutschen Atomkraftwerke im Bundesumweltministerium. Dass der am Mittwoch per Schnellabschaltung heruntergefahrene Block C bereits am selben Tag wieder ans Netz ging, hält er für nicht verantwortlich. „Unter meiner Aufsicht hätte ich das nicht zugelassen“, so Majer.

Die Ursache für die Schnellabschaltung ist noch nicht gefunden, dies bestätigt Kraftwerkssprecher Tobias Schmidt. Ungeachtet dessen ging Block C nach zahlreichen Tests am Mittwochabend gegen 20.30 Uhr wieder ans Netz. Stufenweise wurde seither die Produktion wieder hochgefahren. Der Reaktor liefert im Normalbetrieb 1344 Megawatt Strom.

Die Suche nach der Ursache dauert an

Die Einzelheiten des Vorgangs würden weiter untersucht, so Kraftwerkssprecher Schmidt. „Unsere Fachleute schauen sich den Ablauf derzeit noch einmal an“. Da das Ereignis der niedrigsten Meldestufe zugeordnet ist, haben die AKW-Techniker und Ingenieure fünf Tage Zeit, den Zwischenfall zu untersuchen und ihre Ergebnisse an das bayerische Umweltministerium weiterzugeben. Diese würden anschließend veröffentlicht, so Schmidt.

Gesichert ist in Zusammenhang mit dem Zwischenfall am Mittwoch zum jetzigen Zeitpunkt lediglich, dass die derzeit laufenden Revisionsarbeiten am Block B dazu führten, dass der Nachbarblock C nicht mehr mit Druckluft versorgt wurde. Die Druckluftzufuhr der Anlage ist zentraler Bestandteil des Sicherheitssystems. Per Druckluft werden die Ventile der Schnellabschalt-Tanks geschlossen gehalten. Fällt der Druck weg, öffnen sie sich. Dann wird Wasser aus den Schnellabschalttanks freigegeben. Es drückt sogenannte Steuerstäbe in den Reaktor. Diese Steuerstäbe fahren zwischen die Brennstäbe – so wird die Kernspaltung binnen Sekunden zum Stopp gebracht.

Die Schnellabschaltung ist damit jedoch noch nicht beendet. Sie zieht vielmehr eine Reihe an weiteren Notvorgängen nach sich. So muss nicht nur die unmittelbar im Reaktor herrschende Wärme sicher abgeführt werden, auch die Nachzerfallswärme muss anschließend kontrolliert werden. All diese Vorgänge haben nach Auskunft des AKW-Betreibers am Mittwoch problemlos funktioniert. Im Laufe des Tages wurden anschließend verschiedene Tests durchgeführt, die vor einem Anlaufen eines Reaktors üblich sind. Gegen 20.30 Uhr wurde er wiederhochgefahren.

Enorme Belastung für die Anlage

Eine Schnellabschaltung bedeute für einen Reaktor und die gesamte Anlage eine „hohe Beanspruchung“, erklärt Atomexperte Dieter Majer. So, wie sie am Mittwoch geschehen ist, sei sie zudem nicht vergleichbar mit den Tests, die regelmäßig durchgeführt werden. „Wenn die Schnellabschaltung geprobt wird, läuft ein Reaktor nicht unter voller Last“, so Majer. Block C aber lieferte am Mittwoch im Normalbetrieb Strom als sich die Anlage automatisch selbst herunterfuhr.

Während die Ursache für den Druckluftdefekt derzeit noch gesucht wird, gingen am Donnerstag die Revisionsarbeiten im Nachbarblock weiter. Derzeit gebe es keinen Anlass, die Revision zu verlängern oder zunächst ruhen zu lassen, so AKW-Sprecher Schmidt.

Warum gibt es Wechselwirkungen zwischen den Blöcken?

Gerade aber die Tatsache, dass die Arbeiten im Block B dazu führten, dass Block C sich abschaltete, hält Atomexperte Dieter Majer für „sehr bedenklich“, denn technisch handele es sich um zwei eigentlich völlig voneinander getrennt arbeitende Systeme. „Offenbar gibt es aber Verknüpfungen zwischen beiden Anlagen, die es nicht geben darf“, so Majer. „Das muss aufgeklärt werden. Der Vorfall hat nichts mit Routine zu tun, denn es ergibt sich aus ihm der Verdacht, dass es ein offensichtliches Sicherheitsproblem gibt.“ Majer zufolge gelte es nun umfänglich zu klären, ob es sich um einen technischen Defekt gehandelt hat oder ob eine Person für die Interaktion der beiden Systeme verantwortlich war – etwa im Zuge der laufenden Revisionsarbeiten.  

Der aktuelle Vorfall belegt Dieter Majer zufolge beispielhaft, welche Gefahren sich aus dem Betrieb einer Doppelblock-Anlage ergeben können. „Wir haben weltweit Erfahrungen gesammelt, dass ein höheres Risiko besteht, wenn zwei Anlagen nebeneinander betrieben werden“, so Maier. „Denn wenn es in einer Anlage zu einem Störfall kommt, ist die Beherrschung des Störfalls eindeutig negativ beeinflusst, dadurch dass in Nachbarschaft ein weiterer Block läuft.“ Gundremmingen ist die letzte Doppelblock-Anlage, die in Deutschland noch in Betrieb ist. Das Kraftwerk, das zudem bundesweit das leistungsstärkste ist, wird erst als eine der letzten Anlagen im Zuge der Energiewende abgeschaltet. Block C soll 2021 endgültig heruntergefahren werden.

Dass er am Mittwochabend – weniger als 24 Stunden nach dem Notstopp – bereits wieder Strom produzierte, hält Majer für „nicht verantwortbar“. Aus seiner Erfahrung mit der Arbeit der Landesatomaufsichtbehörden aber weiß er, dass das bayerische Umweltministerium, das für Gundremmingen als Atomaufsichtsbehörde zuständig ist, durchaus „etwas großzügiger“ sei als dies in anderen Bundesländern der Fall sei.

Eingestuft wurde der Zwischenfall am Mittwoch in die Meldekategorie 0. Es ist damit die selbe Meldestufe, die auch gilt, wenn weit weniger auswirkungsreiche Störungen auftreten - etwa Defekte an Brennelementen. Warum die Notabschaltung nicht höher zu klassifizieren ist, erklärt Majer so: "Höhere Meldestufen werden erst dann wirksam, wenn Radioaktivität an die Umwelt gelangt." Dies ist im aktuellen Fall nach Auskunft der Behörden und des AKW nicht der Fall. "Aber im Prinzip ist es so, dass es nicht sicherheitsrelevant ist, was im Reaktor passiert, Hauptsache die Umwelt bleibt davon unbeeinträchtigt", so Majer.
 
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