Heidenheim Afrikanische Schweinepest: Tierschützer kritisiert verstärkte Jagd

Was tun gegen die Schweinepest? Tierschützer Stefan Hitzler meint, mit der Lockerung des Jagdrechtes allein sei es im Kampf gegen die Seuche nicht getan.
Was tun gegen die Schweinepest? Tierschützer Stefan Hitzler meint, mit der Lockerung des Jagdrechtes allein sei es im Kampf gegen die Seuche nicht getan. © Foto: Constantin/stock.adobe.com
Heidenheim / Jens Eber 06.05.2018
Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes, wünscht sich eine sachliche Debatte über die Afrikanische Schweinepest und mehr Aufklärung über die Wildtiererkrankung.

Noch spricht man in Deutschland über die Afrikanische Schweinepest in Wenn-Dann-Sätzen: Wenn sie kommt, dann wird der Schweinefleischexport aus betroffenen Gebieten eingestellt, Betriebe werden mutmaßlich vor dem wirtschaftlichen Aus stehen. Und wenn man jetzt so viele Wildschweine wie möglich schießt, dann kann man die Ausbreitung der Seuche vielleicht eindämmen.

Die große Frage hinter diesen Sätzen ist aber das Wann. Dass dieses Virus irgendwann auch in Deutschland grassieren wird, bezweifelt kaum jemand, der sich näher mit dem Thema beschäftigt. Ob das aber nächsten Monat sein wird, oder in fünf Jahren, das weiß niemand.

Dass der Krankheitserreger eine ernste Bedrohung darstellt, bezweifelt auch Stefan Hitzler nicht. Der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes Baden-Württemberg hat aber Zweifel, ob daraus die richtigen und vor allem wirklich wirksamen Schlüsse gezogen werden.

Hitzler, im Landkreis Heidenheim auch bekannt als Vorsitzender des Kreistierschutzvereins, wünscht sich eine „versachlichte Debatte“ darüber, wie die Afrikanische Schweinepest mit großer Wahrscheinlichkeit nach Deutschland kommen wird. Und als oberster Tierschützer Baden-Württembergs kreidet Hitzler den Land zum Beispiel an, bei den jüngsten Lockerungen im Jagdrecht die anderen Wildtiere neben dem Schwarzwild außer Acht zu lassen.

Impfstoff gegen die Seuche?

Allen anderen Fragezeichen zum Trotze ist sicher, dass der nächstgelegene, bestätigte Seuchenherd im tschechischen Zlin liegt und damit gut dreihundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ist. Breitet sich die die Afrikanische Schweinepest unter Wildschweinen von Rotte zu Rotte aus, überwindet sie pro Jahr rund 30 Kilometer. Unter diesen Voraussetzungen bliebe womöglich genügend Zeit, einen Impfstoff gegen die Seuche zu entwickeln.

Die bisherige Ausbreitung der Krankheit hat aber gezeigt, dass der Erreger immer wieder Distanzen von mehreren Hundert Kilometern viel schneller überwindet, als es der „natürliche“ Übertragungsweg erwarten ließe. Vermutet wird daher, dass beispielsweise Touristen, Lkw-Fahrer oder Wanderarbeiter unbewusst und ohne Absicht zu Helfern der Tierseuche werden.

Ein angenommenes Szenario sieht so aus: Ein osteuropäischer Trucker packt sich für seine Langstreckenfahrt ahnungslos eine aus infiziertem Fleisch hergestellte Wurst ein, verzehrt sie auf einem Rastplatz entlang einer deutschen Autobahn und wirft Reste davon in eine Mülltonne oder schlicht in die Landschaft. Frisst ein Wildschwein so einen Rest, steckt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an.

So einen „Übersprung“ hält Hitzler für durchaus möglich. Angesichts eines seit Jahren sehr hohen Schwarzwildbestands in den baden-württembergischen Wäldern stiege dann auch die Gefahr eines Übertrags in Schweinezuchtanlagen. Laut einer Veröffentlichung des Branchendienstes „Agrar Heute“ biete die Einhaltung bestehender Hygienemaßnahmen zwar Schutz, dennoch würden beim Auftreten von ASP alle Betriebe mit Hausschweinen in einem bestimmten Umkreis unter Quarantäne gestellt.

Die Landesregierung hat daher das erst 2015 unter der grün-roten Landesregierung verschärfte Jagdrecht wieder gelockert. So wurde beispielsweise die für die Monate März und April geltende allgemeine Jagdruhe für Wildschweine vorläufig ausgesetzt.

Die Notwendigkeit, verstärkt Wildschweine zu schießen, will Stefan Hitzler gar nicht grundsätzlich in Frage stellen. Der Wildschweinbestand ist hoch, so genannte Mastjahre mit großem Aufkommen an Eicheln und Bucheckern sowie der stark gestiegene Anteil an Maisäckern in der Landwirtschaft haben in Kombination mit zuletzt eher milden Wintern für starke Vermehrung gesorgt.

Hitzler kritisiert aber, dass von forcierter Jagd nicht nur die Wildschweine betroffen sind. Wird verstärkt gejagt, werden auch andere Wildtiere wie Rehe aufgeschreckt, die zur selben Zeit Jagdruhe genießen.

Unterstützung für die Jäger

Zudem hielte der Tierschützer mehr behördliche Unterstützung für Jäger für dringend notwendig. So fehle es vielerorts in Baden-Württemberg noch an Sammelstellen, zu denen die Jäger den Aufbruch geschossener Tiere bringen können. Traditionell blieben diese Innereien nach dem Ausweiden im Wald, der Aufbruch infizierter Tiere bliebe aber über Monate hinweg ansteckend. Wildschweine als Allesfresser könnten sich daran anstecken. Im Kreis Heidenheim sollen vier Sammelstellen entstehen. Noch steht dafür nach Angaben aus dem Landratsamt aber die Kostenzusage aus dem Ministerium für den Ländlichen Raum aus. Pro Verwahrstelle müsse mit Kosten von etwa 20 000 Euro gerechnet werden. Dennoch werde die Planung weiter vorangetrieben, für eine Verwahrstelle wurde bereits ein Bauantrag gestellt.

Nach Hitzlers Einschätzung wird die Sorge vor ASP für die Jäger zunehmend zur Belastung. Nicht nur wird ihnen gewissermaßen die Verantwortung für die Vorsorge aufgebürdet, die meist als Hobby ausgeübte Jagd wird auch zunehmend teuer. Die Preise für Wildbret sinken offenbar bereits, noch dazu sollen die Jäger von jedem erlegten Tier Proben einschicken. Etliche Landkreise haben damit begonnen, den Jägern die Kosten für die Trichinenuntersuchung zu erlassen. Damit soll eine möglichst lückenlose Beprobung erlegter Tiere erreicht erreicht werden. Im Landkreis Heidenheim tritt eine solche Regelung zum 1. Mai in Kraft, zunächst für das Jagdjahr 2018/19.

Allerdings wünscht sich Hitzler noch deutlich mehr Aufklärung darüber, wie ASP wahrscheinlich eingeschleppt werden dürfte. „Wir müssen davon wegkommen, Wildschweine mit der Afrikanischen Schweinepest gleichzusetzen“, sagt Hitzler. Offene Mülleimer an Rastplätzen, die zudem nicht oft genug geleert würde, seien hoch problematisch. Selbst, wenn Wildschweine nicht dort hingelangten, könnte kleinere Wildtiere Reste in nahegelegene Wälder eintragen. Wichtig sei zudem, die Menschen, die als Arbeiter oder auf den Transitrouten ins Land kommen, noch stärker zu sensibilisieren.

Vor der Einfuhr von Schweinefleisch wird gewarnt

Das auf der Insel Riems (bei Greifswald) ansässige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) schätzt als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit die Gefahr, dass die Afrikanische Schweinepest in Deutschland auftreten könnte, als groß ein. Aktuell kursiere das Virus in sechs EU-Staaten, vor allem im Baltikum und in Polen, sowie in Tschechien und Rumänien.

Das FLI warnt „dringend“ vor der Einfuhr von Schweine- und Wildschweinfleisch aus den betroffenen Gebieten. Auch den Jagdtourismus in diese Länder hält das Institut für potenziell gefährlich, Fahrzeuge, Kleidung und Gerätschaften sollten nach so einem Ausflug gründlich gereinigt und desinfiziert werden.

An der Seuche erkranken zwar „nur“ Wild- und Hausschweine, für andere Tierarten und den Menschen ist das Virus offenbar ungefährlich, selbst beim Verzehr des Fleisches infizierter Tiere. Für erkrankte Schweine ist ASP aber mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich. In Seuchengebieten wird umgehend Quarantäne verhängt, die Ausfuhr von Schweinefleisch wird untersagt.