Kreis Heidenheim / Carolin Wöhrle Wie funktioniert das Zeitungsmachen? Wie arbeitet die HZ-Redaktion? Was erleben die Redakteure in ihrem Alltag? Einmal in der Woche bietet „Zwischen den Zeilen“ einen Blick hinter die Kulissen.

Oft liegt ein großer Unterschied zwischen dem, was das Gesetz und die Richter als gerechte Strafe vorsehen, und dem, was die Menschen außerhalb der Gerichtssäle als gerechte Strafe empfinden.

Wir Redakteure wissen mittlerweile: Schreiben wir über einen Strafprozess, dann wird es danach auf Facebook rund gehen: Meistens sind die Strafen zu milde, die Gesetze taugen nichts und die Richter sowieso nicht – sagt die Facebook-Gemeinde.

Geht es dann um einen Mordfall wie den in Steinheim und wird dann auch noch der Täter am Ende nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags verurteilt, dann kennt die Empörung keine Grenzen mehr. Und ein meist vernichtendes Urteil über das Urteil ist schnell gefällt. Sehr schnell. Innerhalb weniger Sekunden.

Der Prozess selbst hat aber drei Tage gedauert. Es wurden sage und schreibe 29 Zeugen gehört. Zwei Sachverständige haben Aussagen gemacht. Neben dem Staatsanwalt waren zwei Nebenkläger-Anwälte beteiligt. Der Angeklagte wurde von zwei Rechtsanwälten verteidigt. Es wurden am Ende fünf Plädoyers gehalten – rund zwei Stunden lang. Unterm Strich stehen knapp 25 Stunden reine Verhandlungszeit. Drei Stunden lang wurde über das Urteil beraten. Am Ende haben die Richter eine Entscheidung getroffen, die eine Stunde lang öffentlich begründet wurde. Sie haben entschieden, dass der wegen Mordes Angeklagte kein Mörder, sondern ein Totschläger ist. Dass er eine lebenslange Freiheitsstrafe deshalb nicht verdient hat. Diese nämlich lässt das deutsche Strafrecht nur dann zu, wenn absolut alle dafür notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind. Und das ist gut so.

Es verlangt von den Richtern, sich alle Fakten, alle Aussagen, alle Details sehr genau anzusehen. Vor allem aber verlangt es von den Richtern, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden – einer der wichtigsten Rechtsgrundsätze, die wir haben. Auch wenn er für die Angehörigen eines Getöteten wohl kaum zu ertragen ist.

Im Mordprozess gegen einen Heidenheimer hatte die Anklage lebenslange Haft gefordert. Das Urteil lautete aber nur auf zehn Jahre Haft wegen Totschlags. Die Staatsanwaltschaft prüft deshalb eine Revision.

Es sind dann aber gerade diejenigen, die nicht im Gerichtssaal saßen, die sofort über jeden Zweifel erhaben sind. Die es besser wissen als die Richter. Jedem, der nun verlangt „den Richter gleich mit einzusperren“, dem sei eines wärmstens empfohlen: Prozesse wie diese sind nicht nur wahnsinnig kompliziert, sie sind auch öffentlich. Jeder kann sich in den Gerichtssaal setzen und selbst miterleben, wie die Suche nach der Wahrheit und die nach einem gerechten Urteil tatsächlich vonstatten gehen. Es wäre nur eine kleine Lektion in Strafrecht – für viele aber eine große Lektion in Demut.