Königsbronn „Open 2018“: Eintreten und abheben

Königsbronn / Joelle Reimer 14.05.2018
Bei der Ausstellung des Kunstvereins Schmelzofen waren am Wochenende rund 1500 Besucher im Königsbronner Langen Haus und dem Torbogenmuseum unterwegs. 17 Künstler stellten dort aus.

Die erste Banane hängt zunächst einmal völlig zusammenhanglos an der Wand im Gang. Tapete bröckelt ab, die Holzdielen haben schon bessere Tage gesehen und die staubigen Ecken verraten, dass die letzte Kehrwoche einige Zeit her sein muss. Ein paar Schritte weiter kommen die nächsten zwei Bananen, gelb, frisch, eigentlich recht appetitlich; nur rund um den durchgeschlagenen Nagel hat sich bereits eine braune Stelle gebildet. Langsam wird klar, dass die Früchte eine Art Wegweiser sind. Sie führen zu dem Raum ganz am Ende des Langen Hauses in Königsbronn, in dem der Künstler Jürgen Stimpfig im Rahmen der diesjährigen „Open“ ausstellt.

„Meine Arbeit besteht aus mehreren Teilen, wobei die Bananen eher Zufall sind. Ich habe während der Konzeption einen Song gehört, der ,banana' im Titel trägt. Also bin ich am Samstagmorgen los und habe im Netto nebenan noch welche gekauft“, so Stimpfig. Diese Spontanität liegt seinem gesamten Werk, seiner „décollage“, zugrunde: Die Pastellzeichnung einer Stewardess hat er erst am Abend vor der „Open“-Ausstellung angefertigt – und zwar direkt auf die Tapete. „Das lässt sich ja wieder weg wischen.“ Am ungewöhnlichsten aber ist die lebendige Performance: Eine echte Air-France-Stewardess war das komplette Wochenende über im Langen Haus unterwegs und hat vor Stimpfigs Zeichnung die typischen Sicherheitsanweisungen durchgeführt. „Manche lassen sich darauf ein, andere machen auf dem Absatz kehrt. Aber genau so ist es richtig“, sagte Stimpfig.

Installation auf dem WC

Einlassen mussten sich die Besucher der diesjährigen „Open“-Ausstellung aber nicht nur auf diese lebendige Performance-Kunst. Beim Durchlaufen erwartete die Gäste in jedem Raum des verwinkelten Gebäudes etwas Neues: mal Installationen, mal Malerei, mal Fotografie. Auf dem Weg von einem Raum zum anderen kommt der Besucherstrom plötzlich ins Stocken. Wieso hat sich vor dem kleinen Raum im ersten Stockwerk, der zur Straße hin zeigt und früher wohl als Abort genutzt worden sein musste, eine regelrechte Menschenschlange gebildet? Eine Antwort bekam nur, wer sich geduldig anstellte: Den Riegel von innen vorgeschoben und die Taschenlampe beziehungsweise das Schwarzlicht auf das Kunstwerk gegenüber gerichtet, begab sich der Betrachtende auf eine Reise in die Symbolik. Ein Kreis in der Mitte, umgeben von drei Flügeln – ein allseits bekanntes Zeichen. Ohne Taschenlampe leuchtete das Strahlenwarnzeichen noch eine ganze Weile von selbst weiter. Vor welchen Stoffen oder Strahlungen Günther Reger den Besucher da warnen wollte, das blieb schließlich jedem selbst zur Interpretation überlassen. Im benachbarten Raum wechselte Reger dann von der Mini-Installation zur großformatigen, ja fast wandfüllenden Malerei: „Schattenbilder“ nannte er seine farbenfrohen Kreationen, von der die größte fast drei auf zweieinhalb Meter maß.

Ausdrucksstarke Fotografie

Ein paar Schritte weiter hingen im krassen Gegensatz dazu die Arbeiten des Fotografen Ignacio Iturrioz. Ein kleiner Raum, den er sich da ausgesucht hatte, und kleinformatig waren auch seine Fotografien – dafür aber umso ausdrucksstärker. Mit dem Projekt „Isla“ stellte er die Auswirkungen der Landflucht am Beispiel eines kleinen Weilers in Uruguay dar; die zum Großteil schwarz-weißen Fotografien machten neugierig und wirkten zugleich unheimlich beklemmend. Wer dann noch den zugehörigen Essay entdeckte, mit seinen ergreifend poetischen Zeilen über Abschied und die Endlichkeit der Dinge, der kam eigentlich nicht mehr drum herum, von Iturrioz überzeugt zu sein – nicht nur als großer Bild-, sondern auch als Wortkünstler.

„Die Besucher waren begeistert. Für meinen Geschmack zum Teil fast ein bisschen zu begeistert, was die Location angeht“, meinte Beate Gabriel augenzwinkernd, die stellvertretende Vorsitzende des für die Organisation verantwortlichen Kunstvereins Schmelzofen. Was sie damit zum Ausdruck bringen wollte, fiel dem aufmerksamen Beobachter sowieso auf: Nicht, dass das unglaublich interessante, weil zumeist unrenovierte Lange Haus der Kunst die Show stahl – aber ab und an war es doch kurz davor. „Natürlich sind die Löcher in der Decke, die alten Tapeten und die riesigen Balken für jeden spannend, der noch nie hier drin war. Wir haben gemerkt, dass wir mit dem Langen Haus und auch mit dem Torbogenmuseum genau die richtige Wahl getroffen haben, was den Ausstellungsort angeht“, so Gabriel, die sich bei ihrer eigenen Kunst komplett an den vorhandenen Formen und Mustern orientiert hat.

Interessiert an Kunst und Haus

Vor allem für die meisten Königsbronner war der Besuch der „Open“-Ausstellung am Wochenende ein Muss. Viele waren wegen der Kunst hier, viele aber auch primär wegen des Hauses. „Das ist beides in Ordnung“, so Gabriel. Denn beides ergänzte sich hervorragend: Wer früher schon einmal dort gewesen ist, dem wurde schon nach ein paar Metern klar, dass das Lange Haus an sich zwar schon sehenswert, erst aber durch die Kunst zu einem solchen Blickfang geworden ist. „Und letztlich ist es uns ja auch ein Anliegen, den Königsbronner Kulturverein etwas mehr in den Blickpunkt zu rücken. Dessen Mitglieder haben hier ja bereits Großartiges geleistet, und sie setzen sich weiterhin für das Haus ein“, sagte Gabriele Schneeweiß, die in einem kleinen Zimmer eine ortsbezogene Raumarbeit unter dem Titel „Lineare Verführung“ zeigte und sich damit ebenfalls voll und ganz auf den ungewöhnlichen Ort einließ.

Auch das Gästebuch, das im eingerichteten Café im Erdgeschoss auslag, zeugte von der großen Begeisterung der „Open“-Besucher. Von einer tollen Ausstellung war da zu lesen, einer wie immer einzigartigen Atmosphäre – und davon, dass eine Besucherin nach über 20 Jahren ihren Bekannten ihr Geburtshaus hatte zeigen können.

Der Besucher wird zum Künstler

Kunst zum Anschauen gab's zu Genüge, doch bei Albrecht Briz durften die Gäste sogar selbst zu Künstlern werden: Mit Hilfe eines Tageslichtprojektors schaffte er ein interaktives Kunstwerk, indem jeder, der wollte, die vorhandenen oder eigene Folien zu einem Bild zusammenstellen konnte. Besonders gelungene Kreationen fotografierte Briz hinterher ab – so entstanden übers Wochenende noch viele weitere, kleine „Open“-Kunstwerke.

Im Langen Haus vertreten waren darüber hinaus noch Johanna Bauer, die Vorsitzende des Kunstvereins, die Text und Malerei kombinierte und mit Worten und Musik spielte. Carla Chlebarov war als Vertreterin der klassischen Malerei vor Ort. Ihre abstrakten, großformatigen Ölbilder luden zur längeren Betrachtung ein und waren ein willkommener Farbtupfer sowie Kontrastpunkte in den pastellfarbenen Räumen. Mit Öl und Punkten arbeitete auch Michael Köpf, wenn auch mit etwas größeren: „Das Bild war mir zu brav. Deswegen die knalligen roten Punkte“, erklärte er interessierten Gästen seine Farbzusammenstellung. Nicoline Koch-Lutz passte sich hingegen mit ihren Collagen aus antiquarischen Büchern farblich eher den Wänden des Langen Hauses an, genau wie Brigitte Vogel mit ihren Kaffee-Collagen.

Ungewöhnliche Materialien auch bei Evi Fischer: Computergenerierte Bilder hingen hier über Marmortafeln; erst auf den zweiten und dritten Blick offenbarte sich, dass die Marmorstruktur auch auf den Kunstwerken wiederzufinden war. Karl-Heinz Stufft-Fischer arbeitete ebenfalls mit computergenerierten Bildern – eine Nummer größer: Fast wandhoch präsentierte er die in Bezug zueinander stehenden Werke. Beeindruckend, keine Frage, aber etwas zu viel des Guten. Denn: Wollte man jedes Bild in seiner Einzigartigkeit erfassen, wurde dem Vorhaben durch die engen Raumverhältnisse schnell Grenzen gesetzt. Johanna Senoner, die eigentlich zwei großformatige Figuren-Bilder angekündigt hatte, überraschte mit einigen weiteren abstrakten Werken.

Vier Künstler im Torbogengebäude

Absolutes Highlight im Torbogenmuseum waren die stilisierten Bananen- und Spiegelei-Figuren von Albrecht Briz, aber auch die digitalen Arbeiten von Erich Briz, die durch ihre Mehrfachbelichtungen einen ganz eigenen Charme besaßen, luden zum Verweilen ein. Erika Theilacker überzeugte mit einer interessanten und für sie selbst noch ganz neuen Technik, dem sogenannten Sgraffito, bei dem mit Acryl auf Leinwand gekratzt wird und Formen und Figuren der Struktur folgen.

Wer ganz viel Zeit mitgebracht hatte, der konnte wortwörtlich in die Werke von Günter Schmid versinken. Neben strengen Architekturfotografien hingen Experimente, bei denen er städtische Bauten und urbanes Leben vermischt hat und mit Hilfe kleiner Module und ständiger Vervielfältigung etwas ganz Neues erschuf – real und unwirklich zugleich.

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