Kreis Heidenheim Berufsimker-Präsident: „Auch der Landwirt ist bedroht“

Walter Haefeker ist Präsident des europäischen Berufsimkerbunds. Bei einem Vortrag am Sonntag in Fleinheim wird es ihm um das Thema bienenfreundliche Landwirtschaft gehen.
Walter Haefeker ist Präsident des europäischen Berufsimkerbunds. Bei einem Vortrag am Sonntag in Fleinheim wird es ihm um das Thema bienenfreundliche Landwirtschaft gehen. © Foto: Privat
Kreis Heidenheim / Klaus Dammann 18.07.2018
Der Präsident des europäischen Berufsimkerbunds, Walter Haefeker, referiert am Sonntag in Fleinheim bei der Härtsfelder Imkerschule. In einem Gespräch nimmt er vorab Stellung zu Landwirtschaft und Bienensterben.

Zur Veranstaltung Gläserne Produktion und Härtsfelder Honig- und Bienenmarkt lädt die Imkerschule am kommenden Sonntag ab 16 Uhr nach Fleinheim an den Mühlweg ein. Neben einem umfangreichen Rahmenprogramm unter anderem mit Ausstellungen, Verkauf, Beratungen, Führungen und Kräuterwanderungen stehen im Hauptteil auch zwei öffentliche Fachvorträge an. Nach dem Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim (11 Uhr) wird um 14 Uhr Walter Häfeker, der Präsident des europäischen Berufsimkerbunds, zu hören sein.

Das Thema Ihres Vortrags am Sonntag lautet „Wege zu einer bienenfreundlichen Landwirtschaft“. Dem ist zu entnehmen, dass die Situation Ihrer Einschätzung nach aktuell eine andere ist.

Walter Haefeker: Die Datenlage ist klar. Als Imker haben wir zuerst bemerkt, dass etwas grundlegend schief läuft. Daher lief das Thema ursprünglich unter der Überschrift „Bienensterben“. Inzwischen sind wir von Honigbienen über Hummeln und Wildbienen bei Insekten angekommen. „Insektensterben“ ist die Diagnose heute und die Landwirtschaft hat ohne Zweifel einen Anteil daran, dass die Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft stark zurückgegangen ist.

Wo sehen Sie als Berufsimker denn heute die Hauptprobleme in der Landwirtschaft?

Das Hauptproblem liegt darin, dass unsere Landwirte seit Jahrzehnten unter einem extremen ökonomischen Druck stehen. Unter der Überschrift „Wachse oder weiche“ findet der sogenannte „Strukturwandel“ statt. Man könnte diesen Prozess aber auch „intensiviere oder weiche“ nennen. Für die Bienen bedeutet dies ein reduziertes Trachtangebot, Mähverluste und beständig Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt zu sein. Hummeln und Solitärbienen fehlen zudem die Nistmöglichkeiten und die verbleibenden Biotope sind nicht vernetzt. Mit dieser Analyse stehen wir nicht allein. Vom bayerischen Jagdverband werden Sie ähnliche Aussagen über die Situation beim Niederwild hören.

Sehen Sie die Landwirte als eine Art Feindbild?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Landwirt ist in diesem System ebenso eine bedrohte Spezies. Wenn Sie die Kurven über den Niedergang der Insektenbiomasse oder der Niederwildstrecken und der Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern übereinander legen, sind diese nahezu deckungsgleich. Die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft prognostiziert eine weitere Halbierung der Betriebe auf etwa 50 000. Wir müssen Wege finden, unsere bäuerliche Landwirtschaft und die Biodiversität in der Kulturlandschaft zu erhalten.

Sind zur Verbesserung der Lage neue gesetzliche Grundlagen erforderlich?

Im derzeitigen politischen Umfeld in Brüssel ist leider eher mit einer deutlichen Verschlechterung zu rechnen. Die Agrarindustrie hat die Politik fest im Griff. Das gilt sowohl für die Neuausrichtung der gemeinsamen Agrarpolitik ab 2020 als auch beim Freihandel. Unsere Landwirte werden durch diese Weichenstellungen noch weiter unter Druck geraten und damit noch weniger Spielraum für einen rücksichtsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen haben.

Daher konzentrieren wir uns auf „politikfreie Lösungen“. Wir haben eine Reihe von Projekten für eine bienenfreundliche Landwirtschaft gemeinsam mit Landwirten und anderen Partnern erarbeitet. Dabei bilden wir als Imker ein wichtiges Bindeglied zum Verbraucher. In meinem Vortrag werde ich im Detail auf diese Konzepte eingehen. Neu in diesem Jahr ist der Bienenstrom. In Zusammenarbeit mit den Elektrizitätswerken Nürtingen und Landwirten auf der Schwäbischen Alb ermöglichen wir es Stromkunden, durch Anbieterwechsel jeweils eine Fläche zum Blühen zu bringen, die in der Regel größer ist als der eigene Garten. Nach Fleinheim fahre ich mit meinem Elektroauto – natürlich mit Bienenstrom im Akku.

Zum Thema Bienensterben gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, die von einem regionalen Erscheinungsbild bis hin zu einem globalen Problem sprechen. Wie ernst ist die Entwicklung Ihrer Meinung nach speziell in Deutschland?

Auch in Deutschland ist die Situation regional sehr unterschiedlich. Doch die Krefelder Studie hat gezeigt, dass selbst Insektenpopulationen in Naturschutzgebieten von dem negativen Trend nicht verschont geblieben sind. Aber das Problembewusstsein in der deutschen Öffentlichkeit ist höher als in vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten. Daher ist die Politik gezwungen, zumindest den Anschein zu erwecken, man sei an einer bienenfreundlichen Landwirtschaft interessiert. Noch wichtiger ist, dass es eine große Bereitschaft gibt, eine wirklich nachhaltige Landwirtschaft auch beim Einkauf zu unterstützen.

Welche Handlungsmöglichkeiten haben die Imker und was raten Sie Ihnen?

Gerade in Deutschland ist der Anteil der Direktvermarktung beim Honig sehr hoch. Im Gegensatz zu vielen Landwirten haben wir noch den direkten Kontakt zum Kunden und bilden daher eine Brücke zur Landwirtschaft. Unsere Kunden fragen regelmäßig: „Wie geht es deinen Bienen?“ Die nächste Frage ist dann oft „Was kann ich für die Bienen tun?“. Dank unserer verschiedenen Projekte können wir dann ganz konkret Produkte empfehlen, die bienenfreundlich erzeugt worden sind. Wenn wir so Unterstützung für Landwirte organisieren, die bienenfreundlich arbeiten, dann verbessert dies die Situation der Bienen und der Landwirte. Wir haben inzwischen fast 10 Jahre Erfahrung mit diesem Ansatz und können belegen, dass Betriebe mit dieser Art von Rückhalt aus der Gesellschaft wirtschaftlich deutlich überlebensfähiger sind.

Ist es denkbar, dass die Natur sich selbst aus der schwierigen Situation zu befreien vermag?

Die Natur hat schon viele Rückschläge überstanden. Wenn wir die Bestäubung gefährden, dann untergraben wir vor allem unsere eigene Lebensqualität und unsere eigenen Lebensgrundlagen. Und wenn wir es zulassen, dass weiterhin ständig landwirtschaftliche Existenzen vernichtet werden, dann zerstören wir nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Kultur im ländlichen Raum. Von der Existenz bäuerlicher Familienbetriebe hängt viel mehr als die Bewirtschaftung der Flächen ab. Daher meine These: Die Zukunft der Landwirtschaft ist bienenfreundlich!

Zur Person: Walter Haefeker

Bevor er Berufsimker wurde, arbeitete Walter Haefeker in einer völlig anderen Branche: Er war als IT-Manager im Silicon Valley in Kalifornien tätig. Im Jahr 2000 entschloss er sich, mit seiner Familie aus den USA nach Bayern zurückzukehren. Sein Ziel war, eine Existenz jenseits der High-Tech-Welt aufzubauen. Er kaufte ein Stück Wald und seine ersten Bienenkörbe und entdeckte seine Liebe zur Imkerei. 2009 verfügte er bereits über 100 Bienenvölker. Haefeker ist bzw. war Vorstandsmitglied im Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund, Leiter der Arbeitsgruppe Gentechnik im Weltimkerverband. Heute ist der biozertifizierte Berufsimker Präsident des europäischen Berufsimkerbunds. Er ist ein gefragter Redner und engagiert sich aktiv unter anderem gegen das Insektensterben. 2014 wurde Haefeker mit der Bayerischen Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt ausgezeichnet.

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