Herbrechtingen Sind Fischtreppen bald ein Muss?

Für kleine Wasserkraftwerke wie das im Herbrechtinger Mönchsweg könnte der neue Erlass das Aus bedeuten.
Für kleine Wasserkraftwerke wie das im Herbrechtinger Mönchsweg könnte der neue Erlass das Aus bedeuten. © Foto: Christian Thumm
Herbrechtingen / Manuela Wolf 05.06.2018
Ein Erlass des Umweltministeriums Baden-Württemberg könnte für einige Betreiber der Wasserkraftanlagen entlang der Brenz schon im Sommer das Aus bedeuten.

Mit großer Sorge erwartet Ernst Hopfenziz den Sommer. Der Betreiber der Bindsteinmühle am Rande des Eselsburger Tals ist gleichzeitig auch Betreiber einer sogenannten kleinen Wasserkraftanlage ebendort. Weil deren Leistung unter 100 Kilowatt liegt, könnte sie ein neuer Erlass des Baden-Württembergischen Umweltministeriums nun zum Stillstand bringen. Könnte. Oder bleibt doch alles beim Alten? Wird es vielleicht Ausnahme- oder Übergangsregelungen geben? Wird es Zuschüsse geben für die Modernisierung bestehender Anlagen? Obwohl die neuen Richtlinien schon in ein paar Wochen umgesetzt werden sollen, ist allein die Unsicherheit gewiss.

Ernst Hopfenziz fürchtet, dass die 1960 gebaute Fischtreppe an der Bindsteinmühle mit ihren steilen Kammern nicht mehr dem dann gültigen Standard entsprechen wird. Auch der Rechen wäre wohl zu grob. Ein feinerer müsste her, zum Wohl der Fische, aber zum Leid des Müllers, der ohnehin schon mehrmals am Tag aufgefangenes Grünzeug, Äste und Müll wegräumt. „Seit ein paar Jahren steht der Fisch hoch im Kurs. Natürlich liegt auch mir der Umweltschutz am Herzen. Aber es fehlt ein alltagstaugliches Mittelmaß“, sagt er.

Hop oder top

Dass der 78-Jährige keine größeren Investitionen mehr tätigen will und dass dies auch aus finanzieller Sicht Unsinn wäre bei einer Anlage dieser Größe, ist nachvollziehbar. Für ihn gibt es deshalb nur hop oder top: weitermachen wie bisher – oder eben dicht machen. Hopfenziz: „Das bedeutet aber nicht gleichzeitig auch das Aus für die Mühle. Solange es meine Gesundheit erlaubt, geht der Betrieb ganz normal weiter.“

So wie dem Bindsteiner Müller geht es den meisten Betreibern der vielen kleinen Wasserkraftanlagen im Ländle und vor allem seinen Kollegen entlang der Brenz. Um die 15 Anlagen gibt es zwischen Königsbronn und Sontheim. Einige sind in die Jahre gekommen, überall dort steht dieselbe Frage im Raum: Weitermachen oder dicht machen?

Die Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg sieht den Wasserkrafterlass deshalb mehr als kritisch. Auszug aus der offiziellen Stellungnahme: „Die vorliegende Verwaltungsvorschrift konterkariert die politischen Vorgaben und schafft eine Anleitung für Behörden und Umweltverbände zur Ablehnung von Genehmigungsanträgen.“

Dabei habe der Gesetzgeber festgeschrieben, dass Wasserkraft genutzt und zugelassen werden soll und dass Gewässer dem öffentlichen Interesse und dem Klimaschutz dienen sollen. Sprecher Dr. Fritz Kemmler: „Wir haben den Eindruck, dass die Wasserkraftnutzung als Sündenbock vorangestellt wird und alle anderen Ursachen unserer gewässerökologischen Probleme unter den Tisch gekehrt werden.“

Wasserkraftanlagen fürs Gemeinwohl

Tatsächlich machen Fischereiverbände und Umweltschützer seit vielen Jahren vor allem die kleinen Wasserkraftanlagen im Ländle für den Rückgang der Fischbestände in Fließgewässern verantwortlich. Dass dabei sicherlich auch Überdüngung, in Flüsse eingeleitete Chemie und Hormone, Kormorane auf Nahrungssuche und der künstliche Fischbesatz durch Angelvereine eine Rolle spielen, wird meist abgetan. Ebenfalls unerheblich scheint bei dieser Diskussion, dass nur 1700 der insgesamt 100 000 sogenannten Querbauwerke in Baden-Württemberg mit seinen rund 40 000 Kilometern Flusslauf auf diese Art von Anlagen entfallen – und dass Wasserkraftanlagen durchaus dem Gemeinwohl dienen.

So hat die Wasserkraft nach der Photovoltaik mit etwa acht Prozent den zweitgrößten Anteil an erneuerbarem Strom in Baden-Württemberg, der zudem konstant und rund um die Uhr produziert wird und damit netzstabilisierend wirkt. Wasserkraftanlagen sind Existenzgrundlage für Familien und Mittelständler und dienen in vielen Fällen als Altersvorsorge oder Ergänzung zur schmalen Rente. Wehre verringern die Fließgeschwindigkeit von begradigten Flüssen, verhindern dadurch Überschwemmungen und tragen zur Artenvielfalt vor allem im Uferbereich bei.

Auch ein wichtiger Punkt gerade im Landkreis Heidenheim: Die Brenz ist ein Fließgewässer erster Ordnung, die sogenannte „Durchgängigkeit“ für Fische herzustellen und zu wahren ist laut EU-Rechtsprechung Ländersache. Bisher hat die „kleine Wasserkraft“ diese Aufgabe finanziell mitgetragen, künftig müsste das Land mit eigenen Mitteln für die geforderte „Durchgängigkeit“ sorgen.

Zuschüsse als Ausweg?

Dass es dabei nicht um Kleingeld geht, zeigt ein Beispiel aus Herbrechtingen. Die Anlage der dortigen Technischen Werke wurde 1989 gebaut. Übers Jahr versorgt sie rund 200 Haushalte mit Strom, fährt laut Geschäftsführer Marc Grässle trotzdem nie Gewinn ein. „Wir haben schon vor einiger Zeit eine Kostenschätzung machen lassen. Eine neue Fischtreppe würde 120 000 Euro kosten – Ausgaben, die sich nie amortisieren würden. Wenn ein Sachverständiger tatsächlich eine Modernisierung verlangt, werden wir mit aller Vehemenz Zuschüsse verlangen.“ Verärgerung und Verunsicherung auch bei Axel Hepp, der in Sontheim-Bergenweiler in dritter Generation eine Wasserkraftanlage betreibt. Zwar sieht er dem neuen Wasserkrafterlass dank einiger Vorarbeit in den vergangenen Jahren gelassen entgegen, unter anderem wurde vor zwei Jahrzehnten die Rechenanlage angepasst und 2011 eine größere Fischtreppe für rund 50 000 Euro angelegt.

„Doch wir wissen nicht, wo wir im Moment stehen“, sagt er. „Das Schlimme an der Sache ist nicht die Frage, ob sich der Betrieb noch rechnet, sondern die Tatsache, dass sich das Land immer mehr aus seiner Pflicht rausnimmt. Finanzielle Unterstützung und die Sicherheit, dass nicht in zwei Jahren eine neue Richtline kommt, die weitere Investitionen nötig machen, wäre wünschenswert.“ Ans Aufhören denkt Hepp nicht. Er will weitermachen, solange die Anlage funktioniert. „Und auch, weil es Spaß macht. So eine Wasserkraftanlage ist in meinen Augen etwas Besonderes.“

Lifte für Fische

Unter sogenannten Fischtreppen versteht man wasserbauliche Einrichtungen an Fließgewässern, mit deren Hilfe Fische unter anderem Stauwehre, Wasserkraftanlagen oder auch Wasserfälle überwinden können. Früher ermöglichten hauptsächlich stufenartig angelegte Kammern den Tieren Wanderungen mit oder gegen den Strom. Heute gibt es eine Vielzahl von Bauten, darunter Lifte, Aufstiegs-Schnecken und Wendeltreppentürme. Die Kosten dafür liegen im hohen sechsstelligen Bereich, je nach Aufwand sogar noch deutlich höher.

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