Mühlhausen Zwischen zwei Tunneln und riesigen Pfeilern

Mühlhausen / Michael Scheifele 03.09.2018
Vom Fortschritt der Bauarbeiten an der ICE-Neubaustrecke bei Mühlhausen überzeugt sich Sascha Binder mit einigen Begleitern.

Eine schmale Tür führt in die Röhre mit 10,5 Meter Durchmesser. Den Besuchern zieht beim Betreten des Tunnels ein heftiger Luftzug entgegen. „Das ist der Kaminzug“, sagt Baustellenführer Fred Froböse. „Durch Unterdruck wird ein Saugzug erzeugt.“ Die Luft im Inneren des Boßlertunnels ist moderig, ähnlich wie in einem Kellerraum. Die Strecke ist ein paar hundert Meter weit zu sehen, dann verschwindet sie hinter einer Kurve im Boßler.

Geislingens Landtagsabgeordneter Sascha Binder (SPD) besuchte zum wiederholten Mal mit seinem Ulmer Kollegen Martin Rivoir (SPD) die Baustelle der ICE-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Für die Politiker und ihre Begleiter ging es mit Sicherheitsausrüstung in einem Bus vom Mülhausener Rathaus aus zu mehreren Stationen auf der Baustelle.

Der Rohbau des 8806 Meter langen Boßlertunnels wurde im Juni nach knapp fünf Jahren Bauzeit eröffnet: „Bei der Durchschlagsfeier staubte es ganz schön, da ein Wandteil herunterfiel“, erinnert sich Froböse an das Ereignis im Juni und fügt schmunzelnd hinzu: „Es mussten mit Sicherheit ein paar Anzüge der Besucher in die Reinigung gebracht werden.“

Löcher sollen Schall schlucken

Im Inneren des Tunnels sind etliche Öffnungen angebracht, damit der spätere Fahrlärm der Züge entweichen kann. Die Planer wollen die Lärmbelastung für die Anwohner im Bereich der Tunneleingänge gering halten.

Die Bauarbeiter bringen an den Ausgängen des Tunnels auf der 485 Meter langen Filstalbrücke Bauteile an, die eine stoßdämpfende Funktion erfüllen sollen. Das sei nötig, damit die Brücke bei möglichen Erdstößen einen Puffer habe, erklärt Froböse. Zusätzlich ist eine Rettungsstraße geplant, die in den aus zwei Röhren bestehenden Tunnel führt. Rettungsfahrzeuge und Busse können auf diese Weise in den Tunnel gelangen, um Fahrgästen zu helfen, sollte der Zug im Tunnel stehen bleiben.

Bereits seit einem knappen Jahr sind die Pfeiler der Brücke zu sehen, die im Oberen Filstal emporragen. Auf die Betonkörper der 60 Meter hohen Brückenpfeiler kommen Y-Streben, die die beiden Gleise stützen sollen, auf denen die Züge voraussichtlich ab Dezember 2021 in Richtung Ulm beziehungsweise Stuttgart fahren. Das Fundament der Pfeiler ragt bis zu 25 Meter in den Untergrund hinein. Weitere Pfeiler sind momentan behelfsweise angebracht. Sie werden wegfallen, sobald die Brücke fertig ist.

30 Arbeiter klotzen derzeit täglich in zwei Neun-Stunden-Schichten auf der Baustelle ran. Insgesamt sind 100 Personen im Einsatz. Dennoch kam es, wie berichtet, zu einer Verzögerung beim Bau der Filstalbrücke. Froböse könne allerdings nicht genau sagen, was die Gründe dafür waren. „Die Baufirma weiß, dass sie bis Ende nächsten Jahres fertig sein muss“, meldet sich Sascha Binder zu Wort und versprüht Zuversicht: „Ich glaube, dass es wie geplant weitergeht, da die Verantwortlichen auch die bisherigen Bauabschnitte immer pünktlich fertigstellten.“ Dass die Baustelle für die Bürger in den umliegenden Gemeinden eine Belastung darstelle, sei klar. Sie würden sich allerdings gut arrangieren und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, ergänzt der SPD-Abgeordnete. Zudem würden die Orte auch ein wenig vom Bau profitieren, da einige Bauarbeiter in den Gemeinden wohnen und Steuern zahlen.

Den Besuchern der Baustellentour fällt eine kleine Kapsel auf, die an einem Kran baumelt. „Damit werden Arbeiter vom Kran 60 Meter nach oben gezogen“, sagt Froböse. Er hat auch für die Ziegen eine Erklärung, die am Fuße der sich im Entstehen befindenden Brücke unweit der Baustelle grasen. „Sie sollen die Verbuschung während der Bauzeit verhindern“, erklärt Froböse. „Lokale Landwirte bekommen außerdem Zahlungen vom Landkreis, wenn sie für einen Umweltausgleich sorgen. Der Landkreis bekommt wiederum vom Land Gelder.“ Um welche Summen es sich handelt, kann Froböse jedoch nicht genau beziffern.

Kürzere Fahrzeit für 3,7 Milliarden Euro

Ziel der insgesamt 60 Kilometer langen ICE-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm (S 21 zählt nicht dazu) ist es, dass die Züge nur noch 30 Minuten von Ulm nach Stuttgart benötigen, anstatt wie bisher 60 Minuten.

Die größte Verbesserung verspricht die neue Strecke für Reisende, die von Ulm aus zum Stuttgarter Flughafen fahren wollen. Die Fahrtzeit soll sich von  eineinhalb Stunden auf 20 Minuten reduzieren. Insgesamt betragen die Kosten 3,7 Milliarden Euro.

Die Kosten allein für den Boßler- und Steinbühltunnel betragen 635  Millionen Euro (laut Auftragswert), für die Brücke liegt der Auftragswert bei 53 Millionen Euro.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel