Prozess Zweiter Prozess um Schlierbacher Mordversuch geplatzt

KARIN TUTAS 22.04.2015
Der Prozess gegen eine der Beihilfe zum versuchten Mord angeklagte Frau ist geplatzt. Der als wichtigster Zeuge aus der Haft vorgeführte Anstifter der Schüsse von Schlierbach verweigerte am Mittwoch die Aussage.

„Ich mache mit Ihnen keine Diskussionsrunde.“ Der Geduldsfaden von Richter Gerd Gugenhan war kurz vor dem Reißen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Vorsitzende der Großen Jugendkammer am Landgericht Ulm kaum merklich die Stimme erhoben. Aber das Auftreten des Mannes im Zeugenstand sorgte für Fassungslosigkeit im großen Saal des Gerichts. Anstatt die Fragen der Richter zu beantworten, gab sich der 27-Jährige bockig und aufsässig.

Für die Kammer und den Kirchheimer war es ein Déja-vu. Im vergangenen Jahr hatten dieselben Richter den Betreiber eines Pferdehofes zu 13 Jahren Haft verurteilt, weil er einen 19 Jahre alten Heininger und seinen Kumpel angeheuert hatte, um einen 45 Jahre alten Schlierbacher zu töten. Das wäre auch fast gelungen: Auf einem Feldweg bei Schlierbach schoss der Heininger zunächst aus dem Auto, an dessen Steuer der Drahtzieher saß, und dann noch einmal in einem Maisfeld mehrmals auf das wehrlos am Boden liegende Opfer. Der Mann überlebte schwer verletzt und mit viel Glück.

Jetzt sollte der Anstifter im Prozess gegen die Schwester des Schützen aussagen. Ihr wirft der Staatsanwalt vor, den Tätern ihren stillgelegten Peugeot zur Verfügung gestellt und auch ausgemusterte Kennzeichen besorgt zu haben. Die 22-Jährige – sie hatte ihre Pferde auf dem Hof des Kirchheimers untergestellt – hat am ersten Verhandlungstag die Vorwürfe eingeräumt, wobei die Rolle des 27-Jährigen als Drahtzieher des Verbrechens vom 21. August 2013 erneut untermauert wurde. Dessen Aussage wiederum war für Richter Gugenhan „Dreh- und Angelpunkt“ des Verfahrens gegen die Heiningerin.

Der Mann, der in dem damaligen Prozess bis zuletzt eine Beteiligung an dem Mordversuch abgestritten hatte, dachte nicht daran, seiner Verpflichtung als Zeuge nachzukommen. In dieser Rolle und als inzwischen rechtskräftig Verurteilter müsse er wahrheitsgemäße Angaben machen, hatte der Richter den Zeugen noch belehrt. „Wie es im Urteil steht, so stimmt es, deshalb ist es doch rechtskräftig“, so die ziemlich patzige Replik, als der Richter wissen wollte, ob er mit der Angeklagten über das spätere Opfer gesprochen habe. Immer wieder unternahm Gugenhan einen Anlauf. Mal erntete er Schweigen, dann den Vorwurf: „Sie wollen mich zu einer Falschaussage zwingen.“

Erst als der Richter einen deutlichen Fingerzeig auf die Konsequenzen einer Aussageverweigerung gab, beantwortete der 27-Jährige Fragen zu dem Tatfahrzeug, verstrickte sich prompt in Widersprüche und hatte dann erhebliche Gedächtnislücken. Die Sache sei schließlich schon zwei Jahre her, da könne er sich nicht mehr erinnern. Irgendwann befand Gerd Gugenhan: „Wir drehen uns im Kreis, das macht keinen Spaß.“ Unmissverständlich machte er dem Zeugen klar: „Was Sie hier bieten, ist die Verweigerung einer Zeugenaussage.“

Der Richter gab deutlich zu verstehen, dass der Häftling nun mit Beugehaft zu rechnen habe. Rechtlich keine einfache Situation, meinte Gugenhan, der schließlich die Befragung abbrach, um dem 27-Jährigen einen Zeugenbeistand zur Seite stellen zu können. Weil sich die Beugehaft bis zu sechs Monate hinziehen kann, erklärte Gugenhan den Prozess für „geplatzt“. Denn wegen eines personellen Wechsels am Landgericht, werde die Kammer in ihrer jetzigen Besetzung ab 1. Mai so nicht mehr bestehen. Das Verfahren gegen die 22-Jährige beginnt also von vorne.