Zell Zell greift zum „Türöffner“

Auf dieser Seite der Göppinger Straße ist noch viel Grün vor dem Ortseingang von Zell. Er würde ein Stück vorrücken.
Auf dieser Seite der Göppinger Straße ist noch viel Grün vor dem Ortseingang von Zell. Er würde ein Stück vorrücken. © Foto: Staufenpress
Zell / Jürgen Schäfer 15.05.2018
Die Gemeinde will die einmalige Gelegenheit für ein Baugebiet außer der Reihe nutzen. Nicht jedem Gemeinderat gefällt das.

Bei zwei Gegenstimmen peilt der Zeller Gemeinderat ein neues Baugebiet an. Am Ortseingang aus Richtung Göppingen soll Bauland für 27 Einfamilienhäuser und einige Mehrfamilienhäuser ausgewiesen werden. Das Ortsbild würde sich verändern: Die Göppinger Straße ist auf der Westseite bis hoch zur Landesstraße bebaut, auf der Ostseite stehen die ersten Häuser ein gutes Stück weiter unten. Dort würde der Ortseingang durch ein Quartier von Mehrfamilienhäusern vorrücken, vor allem aber im Rückraum wachsen.

Dort liegen die Rohrwiesenäcker – eine stille Reserve an  Bauland. Es war vor Jahrzehnten ein Kandidat für ein Baugebiet, fiel dann aber aus der Liste heraus. In den Flächennutzungsplan, der Grundlage von Baugebieten ist, kam das Areal nicht mehrt. Auch jetzt nicht, im laufenden Verfahren für einen neuen Plan. Da ist für Zell nach aktuellem Stand nur das Baugebiet Siebenbett mit 2,7 Hektar drin – und die Gemeinde muss froh sein, dass die Region Stuttgart und das Land das akzeptieren. Die wollten Zell viel weniger zugestehen, berichtete Planer Thomas Sippel. Aber das Siebenbett stand schon im alten Flächennutzungsplan und hat nach Auffassung von Bürgermeister Werner Link Bestandsschutz. Hätten sich die Region und das Land quer gestellt, hätte Zell nur noch vor Gericht ziehen können.

2,7 Hektar hat Zell also aus dem alten Flächennutzungsplan „herübergerettet“, so Sippel. Und jetzt sollen gleich mal drei Hektar dazukommen. Weil der Gesetzgeber etwas gegen die Wohnungsnot tun will und den Gemeinden erlaubt, ein Baugebiet eben mal draufzusatteln.  Bedingung: Es muss zügig geschehen.

Von der Fraktion Bürgerforum kam Widerspruch. „Das wirft jede Planung über den Haufen“, protestierte Eberhard Binder, und sah sich dabei einer Meinung mit Planer Sippel. Da ist man so sorgfältig mit Bauland umgegangen, kleine Flächen wurden noch hin und her geprüft, und dann drei Hektar auf einen Schlag. Zell habe nicht wenig Bauland gehabt, macht Binder geltend, die acht Hektar im Streichbett, das Areal des aufgegebenen Firmenstandorts Kurz „und und und“. Es gebe auch drei Hektar Baulücken, die würden ja nie bebaut, wenn man so weitermache. Binder geht es um den Flächenverbrauch. Der sei bundesweit zwar gesunken, aber immer noch hoch, und solle nach dem Willen der Bundesregierung halbiert werden. Hinzu komme, dass ein zusätzliches Baugebiet keine Ausgleichsfläche brauche. „Das Naturschutz ist außen vor“, klagt Binder.“ Auch deshalb sei er dagegen.

Bürgermeister Werner Link verweist auf „die Knebelung, die wir immer gehabt haben“ und findet, dass sich die Gemeinde die plötzliche Chance nicht entgehen lassen sollte. „Klar“, sagt er, „Ackerfläche geht verloren.“ Aber die Göppinger Straße sei schon einseitig bebaut, die Fläche gut erschlossen. Zum Bedarf: Seit bekannt sei, dass Zell ein neues Baugebiet anvisiere, hätten sich fünf weitere Bauplatzinteressenten gemeldet. Vier Zeller und eine ehemalige Zellerin. Baulücken würden trotzdem geschlossen, so Link. Die würden über längere Zeit abnehmen.

Was sich die Grundstückseigentümer in den Rohrwiesenäcker und im Langen Morgen, der Teilfläche direkt an der Göppinger Straße, dazu stellen, weiß der Schultes noch nicht. Aber er ist der Überzeugung, „dass wir’s hinkriegen“. Es sei für sie eine einmalige Chance. Sie hätten all die Jahre nicht damit rechnen können, dass ihr Besitz Bauland wird. Und wenn’s jetzt nichts wird, dann könne es bis zum nächsten Anlauf zehn, 20 oder 30 Jahre dauern.

„Es ist ein Türöffner den Sie nur einmal im Leben kriegen“, sagt Planer Sippel dem Gemeinderat. Er stellt aber auch fest: „Es ist der größte Betriebsunfall, den das Baugesetzbuch je hatte.“ Bedenklich findet das auch seine Kollegin Kathrin Weiner, die den Landschaftsplan für Zell mitbetreut. Es laufe gegen diese Ausnahmeregelung auch eine „heftige Klage“ auf EU-Ebene. Einwand von Gemeinderat Michael Dreher: „Die Wohnungsnot ist nachweislich da. Wie geht’s ohne Bauland?“ Weiners Gegenfrage: „Sind wir bereit, enger zu wohnen?“ Sie verweist auch auf alternative Wohnformen.