Tierwohl Wo Schweine sich sauwohl fühlen

SWP 21.07.2018

Manchmal ist kein Schwein zu sehen. Wie jetzt in der Mittagshitze. Niemand würde das gut eingezäunte Stück Land beachten, das da so unauffällig am Vogelstimmenpfad von Hattenhofen liegt. An einem Feldweg aus Betonplatten, wo man auf Infotafeln etwas über den Neuntöter erfährt. Und über die Schafstelze, die hier leider nicht mehr brütet. Wegen der intensiven Landwirtschaft.

Nach intensiver Landwirtschaft sieht es nicht aus, was sich hier auf 1,3 Hektar erstreckt. Der Betrachter wird eher rätseln: Wofür sind die Bauten gut, die in das krautige Gelände eingestreut sind? Eine Hütte, die wie ein flachgedrückter Würfel aussieht, und eine Art Igluzelt? Am Eingang steht ein Container, mit dem man Fracht verschiffen könnte.

Bis dann mal ein Schwein aus der Hütte herauskommt. Es schiebt sich durch den Vorhang aus Kunststoffmatten, verharrt erstmal in der Sonne und setzt sich langsam in Bewegung. Ein zweites folgt. In aller Ruhe trotten oder schreiten sie, es ist so ein stakeliger Gang, über das spärliche Grünland. Man hört sie auch. Ein tiefes, volltönendes Grunzen kommt aus einer Kehle. Einmal, zweimal. Was für ein Sound. Das andere Schwein quiekt. Zielstrebig stackeln sie zum Container. Sie wissen: Dort gibt’s was zu futtern.

„Das ist das Esszimmer“, sagt Rainer Rau vergnügt. Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafplatz – so etwas haben seine Tiere. Ein Schlammbad auch, das gehört zum Wohnzimmer. Weideschweine nennt man sie. Ein ungewöhnliches Wort. Im ganzen Kreis ist Rau der einzige mit Freilandhaltung von Schweinen. Er macht das schon 14 Jahre. Für ihn ist das Hobby. Der Ausgleich zu seinem Job in der Industrie. Hier findet er innere Ruhe. „Draußen was machen, mit der Natur, mit Tieren, das hab ich mit der Muttermilch aufgesogen“, lächelt er. Raus Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft, sie hielten Kühe und ein, zwei Schweine. Der Sohn wollte den kleinen Betrieb weiterführen, sein Herz hing daran. „Eigentlich wollte ich immer Landwirt werden.“ Aber da war die schwierige Frage: „Was machen wir?“ Mit Rindermast haben sie es probiert, aber da ist finanziell „nichts hängen geblieben“.

Der Tipp kam aus der Verwandtschaft. „Mach doch was mit Weidesäuen.“ Einer wusste davon, hatte sowas vielleicht auch gesehen, irgendwo. Und das gefiel den Raus. Einfach und gut. „Ich hab den Unterschlupf gekauft, den Wassertank und die Futterstation. Die Investition war moderat“, erzählt Rainer Rau. Er hat Ferkel geordert und hochgepäppelt, ein Gelände eingezäunt und die Jungtiere auf die Weide geschickt. Für einen Sommer und einen Herbst. Dann hatten sie 220 Kilo.

Es wurde ein Renner.  „Angefangen haben wir mit zwölf Tieren, da ist für uns nicht mal ein Braten übrig geblieben“, erzählt er. Großartig Werbung hätten sie nicht gemacht, nur über die Freunde und Bekannten, allerdings gleich mit Flyer und der Botschaft: „Hallo, wir machen was Neues“. Neu war für sie auch die Direktvermarktung. Und dann gleich dieser Erfolg. Rau glaubt: sie haben den Nerv der Zeit getroffen. „Die Leute wollen bewusst essen, sie wollen Tierwohl.“  Und so konnten die Raus durchstarten. Ran an den Speck!

Es ist ein Familienbetrieb. Raus Mutter und seine Frau, die auch aus der Landwirtschaft kommt, sind mit dabei. Seine Kinder sind vom bäuerlichen Leben begeistert, sagt Rau. Die Ferkel wollen im Stall aufgezogen sein, das sind sechs Wochen von Ende März bis Mitte Mai. Dann kommen sie auf die Weide, wo Wasser und Futter parat sein müssen. Rau muss immer auch einen prüfenden Blick in die Herde werfen, ob eines krank ist.  „Das ist artgerechte Haltung, zu hundert Prozent.“ Unter dem Speckmantel hätten sie festes Fleisch, weil sie viel Bewegung haben. „Sie haben einen dreimal höheren Futterverbrauch, die wollen den ganzen Tag was zu beißen.“ Er hat’s auch mit hällischen Säuen probiert, aber: „Die werden zu fett“. Die brächten mehr Wurst, und die Leute wollten mageres Fleisch.

 Futter produziert er selber auf seinen Äckern. Allerdings nicht bio, winkt er ab. Nachhaltige Landwirtschaft sei seine Devise. Die Tiere kriegen Weizen, Gerste, Körnermais, Mineralfutter, genfreies Soja.

Rau ist staatlich geprüfter Landwirt. Das ist nicht selbstverständlich. Betriebsleiter war er schon mit 21. Aber erst mit 38 hat er die Prüfung gemacht. Er wollte sich einfach absichern.

Sind Schweine so, wie wie wir es denken? Dreckig, faul, schlau, fies? Rau klärt auf: „Sie sind sehr, sehr aktiv.“  Und unglaublich neugierig. Den NWZ-Fotografen umringen sie, als er zu ihnen kommt, und bleiben ihm auf den Fersen. Dreckig sind sie allerdings, weil sie gern ein Schlammbad nehmen. „Das schützt sie gegen Insekten und die Sonne“, weiß Rau. Aber reinlich sind sie auch. Sie wählen einen Platz für ihr Klo. Der gilt dann für alle. Ob sie klug sind? Oder dumm? Eher stur, findet Rau. „Wenn sie nicht wollen, muss man ihnen mit Tricks und List kommen.“ Und dann kabbeln sich auch mal einzelne. „Es ist ja ein Rudel“, sagt Rau. Er pfeift. Die meisten folgen ihm.

Rau könnte seine Herde nicht beliebig vergrößern. DieVermarktung hat Grenzen. Das Fleisch seiner Tiere ist begehrt, „da könnte ich dreimal soviel verkaufen“. Aber Wurst liefern die Schweine auch, und da wird’s schwieriger. Rau bringt sie mit Verkaufsautomaten an den Mann und macht für seine Stammkunden Pakete von Fleisch und Dosenwurst.

Die freilaufenden Schweine sind ein Hingucker. Spaziergänger bleiben am Zaun stehen und beobachten, was die Tiere so machen. Auch Leute, die täglich vorbeikommen. Rau witzelt, dass er auf seinem Container eine Aussichtsplattform einrichten könnte. Was die Leute sagen: „Schön, dass sich die Schweine frei bewegen dürfen.“ „Tausendmal besser als im Stall.“ Da könnten die Stuttgarter mal sehen, wie Schweine aussehen. „Niedlich“, sagt eine Spaziergängerin. Und: „Sie riechen nicht.“

 Allerdings gibt es etwas anderes: Nachts können sie ordentlich Lärm produzieren mit ihrem Grunzen und Quieken. Das sagt einer, der sie früher in Hörweite hatte. Da waren die Weideschweine am Ortsrand von Reustadt. So hat es angefangen. Aber es kamen Beschwerden. Rau musste das ernst nehmen. Er zog mit seinen Schweinen weiter raus in die Landschaft.

„Man darf die Stunde nicht rechnen“, sagt  Rau, „da liegt der Stundenlohn bei drei Euro.“  Allein der Ackerbau: Rau muss ackern, säen, spritzen, und das alles in der Freizeit unterbringen. Er kann auch nicht jeden Tag aufs Feld. „Wenn’s nass ist, verdrück ich den Boden.“ 

Ein Rückblick: Rau ist der  einzige aus dem idyllischen Reustadt, der noch aktiv Landwirtschaft mit Viehhaltung betreibt. „In meiner Kindheit waren das sieben.“ Jetzt ist er einer von sieben Landwirten in ganz Hattenhofen. Es gibt noch zwei Milchviehbetriebe. Spezialisierung ist Trumpf. „Der eine hat freilaufende Puten, der andere Alpakas.“

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