Wangen Windkraft: Stadtwerke Tübingen verlassen Konsortium

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (r.) in der Diskussion mit Windkraftgegnern  bei der Übergabe des Pachtvertrags auf dem Ex-Bundeswehrdepot zwischen Wangen und Schorndorf-Oberberken im April 2014.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (r.) in der Diskussion mit Windkraftgegnern  bei der Übergabe des Pachtvertrags auf dem Ex-Bundeswehrdepot zwischen Wangen und Schorndorf-Oberberken im April 2014. © Foto: Staufenpress
Wangen / MICHAEL SCHORN 07.10.2016
Vier Windräder sollen nach wie vor auf dem Windvorranggebiet GP-03 bei Wangen gebaut werden. Nun aber ohne die Stadtwerke Tübingen. <i>Mit Kommentar</i>

Zur feierlichen Übergabe des Pachtvertrags zwischen Forst-BW und dem Investorenkonsortium, bestehend aus der Energieversorgung Filstal (EVF) sowie den Stadtwerken Schorndorf, Fellbach und Tübingen, waren sie alle am 15. April 2014 auf das ehemalige Bundeswehrdepot zwischen Wangen und Schorndorf-Oberberken gekommen. Das Konsortium will dort und auf dem angrenzenden Gebiet mittlerweile nur noch vier Windkraftanlagen errichten lassen, damals war noch von bis zu sechs Windrädern die Rede.

Bei der Übergabe des Pachtvertrags diskutierten beispielsweise der damalige baden-württembergische Minister für den ländlichen Raum, Alexander Bonde (Grüne), und auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) als Vertreter der zu 100 Prozent  der Stadt Tübingen gehörenden Stadtwerke Tübingen mit den etwa 70 lautstark protestierenden Windkraftgegnern aus den umliegenden Ortschaften.

Doch die Diskussion mit den aufgebrachten Windkraftgegnern hätte sich Boris Palmer im Nachhinein auch sparen können. Denn wie die NWZ jetzt auf Nachfrage erfuhr, sind die Stadtwerke Tübingen aus der gemeinsamen Stadtwerkekooperation längst ausgestiegen. „Einvernehmlich“, teilt Timo Schlotz, Projektleiter des geplanten Windparks von den Stadtwerken Fellbach, mit. Und zwar schon zum Dezember 2015. Zur Begründung heißt es: „Die Stadtwerke Tübingen GmbH hat bereits in einem sehr frühen Projektstadium signalisiert, dass sie an einer Vielzahl an Windkraftprojekten arbeitet. Da diese Projekte zu einem früheren Zeitpunkt als das Projekt Windpark auf dem Schurwald am Standort GP-03 zur Realisierung kamen und somit die Ausbauziele der Stadtwerke Tübingen bereits früher erfüllt wurden“, seien sie aus dem Betreiberkonsortium ausgestiegen.

„Die Stadtwerkekooperation besteht weiterhin aus der Energieversorgung Filstal und den Stadtwerken aus Fellbach und Schorndorf“, teilt Schlotz weiter mit und fügt hinzu: „Der Rückzug der Stadtwerke Tübingen hat keinen Einfluss auf die weiteren Planungen des gemeinschaftlichen Projekts.“ Dieses befindet sich derzeit im Genehmigungsverfahren.

„Die Informationspolitik der Stadtwerkekooperation ist verbesserungsfähig“, meint dagegen Wangens Bürgermeister Daniel Frey, der sich grundsätzlich aber für den Bau der Windkraftanlagen ausgesprochen hat. Zum Hintergrund: Teilweise sollen die geplanten Windräder auf Wangener Gemarkung errichtet werden. „Ich bin auf Nachfrage in einem Gespräch vor etwa zwei Wochen über das Ausscheiden der Stadtwerke  Tübingen aus dem Betreiberkonsortium informiert worden.“

Da aber aber sonst alles wie geplant ablaufen soll, „hat dies keinen Einfluss auf meine Grundhaltung zu dem Projekt“, betont Daniel Frey.

Ein Kommentar von Michael Schorn: Transparenz geht anders

Das Thema Windkraft beschäftigt die Bevölkerung. Oft wird lautstark um geplante Windkraftstandorte wie bei Wangen oder am Kaisersträßle bei Adelberg gestritten. Ein Teil der Menschen ist nach wie vor für das Aufstellen von Windrädern. Denn irgendwoher muss der Strom ja kommen. Andere sind dagegen, meinen die Windkraftanlagen verschandeln die schöne Landschaft. Wie jeder einzelne zu dem Thema steht, ist seine Sache. Für beide Meinungen gibt es gute Argumente. Was allerdings gar nicht angehen kann in diesem Zusammenhang, ist die Informationspolitik der Stadtwerkekooperation, bestehend aus der Energieversorgung Filstal (Göppingen und Geislingen) sowie den Stadtwerken Fellbach, Schorndorf und Tübingen. Sie wollen bei Wangen vier Windkraftanlagen errichten. Und wissen seit langem, dass das Thema in der Bevölkerung hoch brisant ist. Außerdem haben sie als zumeist 100-prozentig städtische Unternehmen eine höhere Transparenzpflicht als Firmen in der freien Wirtschaft – zumindest in moralischer Hinsicht. Doch das künftige Betreiberkonsortium hat erst jetzt auf Nachfrage bestätigt, dass die Stadtwerke Tübingen schon seit Ende 2015 nicht mehr bei dem Projekt an Bord sind. Transparenz sieht anders aus. Mit einer solchen Informationspolitik fördern diese kommunalen Unternehmen höchstens noch mehr Politikverdrossenheit bei den Bürgern.

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