Naturschutz Wertschätzung für Streuobstwiesen

Wangen / Ulrike Luthmer-Lechner 16.08.2018
Mit knorrigen Stämmen und ausladenden Baumkronen bildet die Streuobstwiese in Niederwälden einen grünen  Klecks in der Landschaft.  Dieser Tage wurde sie nachzertifiziert.

Die alten Bäume könnten viele Geschichten erzählen“, schwärmt der Besitzer der Wiese im Wangener Ortsteil Niederwälden, Harald Müller aus Adelberg. Sein Großvater bewirtschaftete das Anwesen und ein paar der heute noch stehenden Bäume wurden vom Opa gepflanzt.

„Es war hauptsächlich Mostobst und die großen Holzfässer, die jedes Jahr im Herbst gefüllt wurden, stehen heute noch im Keller“, berichtet Harald Müller. Der jetzige Bestand wurde vorwiegend von seinem Vater vor rund 60 Jahren eingesetzt. Ursprünglich standen knapp 60 alte Hochstämme auf der Wiese, die von Wangen aus Richtung Holzhausen auf der rechten Seite gut sichtbar ist.

Im Laufe der Zeit wurde der Bestand, teils aus Altersgründen, teils wegen der Bewirtschaftung, auf 40 Bäume reduziert. „Das Wissen und das Händchen, das mein Vater damals bei der Auswahl der Bäume hatte, ist beeindruckend für mich“, staunt Harald Müller über die Visionen des Vaters. Rund 30 der Bäume tragen alte Sorten, die wiederum für Jörg Geiger aus der gleichnamigen Manufaktur in Schlat, der gemeinsam mit „Slow-Food Deutschland“ zu den Mitbegründern des Vereins „WiesenObst“ gehört, interessant sind.

„Sie stehen auf meiner Wunschliste für edle Kreationen“, so der Gastronom, der sich seit Jahren die geschmackvollen Früchte nach Schlat liefern lässt. Vielfältige Aromen und Geschmacksnoten geben Destillaten, Schaumweinen und  alkoholfreien Priseccos den gewissen Pfiff. Alte Sorten, wie den Bohnapfel, die Oberösterreichische Weinbirne, die frisch-saftigen Gewürzluiken oder der kleinfruchtige, säurebetonte Börtlinger Weinapfel, alle haben eine besondere Wertigkeit und werden zur Herstellung von Produkten der Manufaktur verwendet.

„Ein weiteres Highlight der Streuobstwiese ist der Apfelsaft, der jedes Jahr aus verschiedenen Sorten zusammengestellt wird und als Direktsaft für den Eigengebrauch im Bag-in-Box-System gepresst wird,“ so Harald Müller, der die Vielfalt mit Zukunft erkannt hat. Streuobstwiesen gelten als schützenswertes Refugium für Insekten, Vögel und Kleintierarten. Warum aber die Zertifizierung? Beim Verein Schwäbisches Wiesenobst können sich Gütlesbesitzer anmelden und Fläche und Anzahl der Bäume auf der Wiese angeben. Der Verein bietet eine Liste mit acht verschiedenen Bonuskriterien an, unter anderem Altbäume auf stark wachsenden Unterlagen. Bonuspunkte können etwa durch Baumschnittkonzepte, den Erhalt alter Sorten und Nistkästen erworben werden. Damit ist für die Besitzer ein Spielraum gegeben. Der Eigentümer kann aus den Vorgaben auswählen, was für seinen Bestand gilt. Sind die Auflagen erfüllt, werden die Gegebenheiten vor Ort geprüft, wenn alles passt, folgt das Freischalten des Mitglieds, das dann sein Obst an den jeweiligen Abnehmer liefern darf. Die Erhaltung von Streuobstwiesen soll wirtschaftlich interessant sein, wird aber nie mit intensiv betriebenen Obstplantagen konkurrieren können. Zusätzlich bietet der Verein auch eine Bio-Zertifizierung an und diese Möglichkeit nutzte Harald Müller. Sie berechtigt ihn zur Ablieferung von Bio-Obst und dafür gibt es höhere finanzielle Konditionen. Für den umtriebigen Naturfreund bedeutet die Streuobstwiese eine späte Liebe, denn „als Kind mochte ich sie gar nicht“. Wenn seine Freunde sich im Freibad vergnügten, musste er bei der Heuernte mithelfen. Auch die Apfelernte sei anfangs ganz lustig gewesen „aber nach drei Stunden klauben hatte man längst keine Lust mehr“. Indes fehlte ebenso das Verständnis  für den Baumschnitt bei bitterer Kälte im Februar. So habe er die Wiese einige Jahre gepflegt, nur weil er wusste, dass seine Eltern mit viel Herzblut an ihr hingen. Der Sinneswandel kam erst später. „Meine Wertschätzung für die Streuobstwiese hat sich verändert, als ich mit dem Anbau von Weihnachtsbäumen begann“. Sein Blick schärfte sich für die Schönheit und Vollkommenheit der Natur. „Wenn etwas wächst, austreibt, Blüten und Früchte bildet und danach wieder in Winterruhe verfällt und das alles in einem natürlichen Gleichgewicht – solange nur der Mensch nicht zu sehr eingreift“. Müller bedauert, dass immer mehr alte Apfelbäume keine Minimalpflege bekommen und somit „ihrem sicheren Ende entgegensehen“.

Info Mehr auf www.wiesenobst.org.

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