Gewitter Wenn Unwetter drohen: Flieger soll Hagel stoppen

Ein Pilot überprüft die Halterung eines Rauchgasgenerators an seinem Hagelflieger - das Gerät soll schwere Unwetterfolgen verringern.
Ein Pilot überprüft die Halterung eines Rauchgasgenerators an seinem Hagelflieger - das Gerät soll schwere Unwetterfolgen verringern. © Foto: Uwe Anspach/dpa
Kreis Göppingen / DIRK HÜLSER 16.07.2015
Es wird heißer und heißer - spätestens am Samstag drohen schwere Gewitter. Und die können auch wieder gefährliche Hagelschauer mit sich bringen. Doch gegen diese ist nun ein Hagelflieger im Einsatz.

Der Sommer ist wieder da und somit steigt auch das Gewitterrisiko. Am Donnerstag zwar noch nicht, aber Freitagabend kann es bereits "einzelne, heftige Gewitter geben", sagt Wetterdiensttechniker Matthias Kloß von der Wetterwarte Stötten. Es wird zunehmend schwüler, an diesen beiden Tagen werden Temperaturen zwischen 30 und 37 Grad erreicht.

Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es heftige Hagelschauer gibt - und es werden Erinnerungen an den 28. Juli 2013 wach: Vor zwei Jahren richtete ein Unwetter in den Kreisen Göppingen, Reutlingen, Esslingen und Tübingen einen dreistelligen Millionenschaden an. Scheiben, Hausfassaden, Autos, Gewächshäuser, Dächer wurden zerstört, das Gewitter brachte den größten Hagelschaden mit sich, den Deutschland je erlebt hatte.

Bezahlen müssen die Schäden in der Regel Versicherungen - deshalb will die Württembergische Gemeindeversicherung (WGV) jetzt vorbeugen. Sie bezahlt einen Hagelflieger, der auch im Kreis Göppingen unterwegs ist. Bislang gab es drei dieser Flugzeuge, die Gewitterwolken mit einer Aceton-Silberjodid-Lösung impfen, so soll die Bildung schwerer Hagelkörner verhindert werden. Stationiert sind die Flugzeuge in Stuttgart und Donaueschingen, zwei bezahlt der Rems-Murr-Kreis, wo viel Wein und Obst angebaut wird. Die Kosten belaufen sich pro Flugzeug auf mehr als 100.000 Euro im Jahr.

Geld, das nun auch die WGV für ein weiteres Flugzeug in die Hand nimmt: "Der Hagelflieger wird komplett von uns bezahlt", sagt Klaus Brachmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Versicherung. Der Beweggrund scheint klar: "Das Ereignis 2013 hat uns schon geprägt", meint Brachmann. "Man schaut seitdem ganz anders zum Himmel hoch." Die meisten Versicherungen würden die Wirksamkeit von Hagelfliegern bezweifeln, berichtet Brachmann. "Aber wenn wir nicht daran glauben würden, dürften wir es auch nicht machen, dann wären schon 100.000 Euro zu viel." Denn klar sei auch: "Die Skeptiker können auch nicht beweisen, dass es nicht funktioniert." Brachmann verhehlt aber auch nicht den Werbeeffekt des Projekts: "Wir geben offen zu, dass neben dem Schadensaspekt auch der Öffentlichkeitsaspekt eine Rolle spielt - der Hagelflieger ist durchaus positiv wahrgenommen worden."

Einsatz über Geislingen

Die Saison hat schon Ende April begonnen, am 7. Juli etwa flog die Maschine mit der Kennung "DEWGV" um 20.53 Uhr von Kirchheim kommend über Geislingen in Richtung Heidenheim. Ausweislich des Flugprotokolls schaltete Pilot Michael Strecker um 21.12 Uhr über Giengen/Brenz auf einer Flughöhe von 4500 Fuß (rund 1300 Meter) den Generator ein, über Gerstetten beendete er um 21.23 Uhr das Impfen der Gewitterzelle, der Flieger befand sich zu diesem Zeitpunkt rund 300 Meter unter der Wolke und schoss das Silberjodid in den Aufwind, der durch die Temperaturunterschiede zwischen Boden und höheren Luftmassen entsteht. Um 21.48 landete die Maschine wieder in Stuttgart, Strecker hatte den Flug wegen aufkommender Dunkelheit abbrechen müssen.

Kommt nun am Wochenende Hagel oder kann der Flieger im Hangar bleiben? Wetterbeobachter Matthias Kloß stellt klar: "Die Hagelwahrscheinlichkeit kann man nicht vorhersagen." Die Wolken müssten in ihrer Ausdehnung sehr hoch sein - "und das kann man erst sagen, wenn man sie auf dem Radar sieht". Und mit "sehr hoch" meint Kloß auch sehr hoch: Bis zum Beginn der Stratosphäre dehnen sich solche mächtigen Gewitterwolken aus, diese sogenannte "Tropopause" liegt hierzulande im Sommer bei rund zwölf Kilometern Höhe. So eine Wolke könne auch mal auf bis unter 1000 Meter absinken - hat dann also eine vertikale Ausdehnung von mehr als elf Kilometern. "Wenn sich Wolken so ausdehnen, ist die Wahrscheinlichkeit für Hagel groß", sagt Kloß. Doch das gefrorene Wasser, das vom Himmel fällt, soll ja nun der Hagelflieger verhindern.

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