Eislingen Model hat sich befreit vom Diktat der Waage

„Glücklich ist das neue Schön“, macht Kera Rachel Cook Schülerinnen des Erich-Kästner-Gymnasiums klar.
„Glücklich ist das neue Schön“, macht Kera Rachel Cook Schülerinnen des Erich-Kästner-Gymnasiums klar. © Foto: Staufenpress
Eislingen / Karin Tutas 13.06.2018
Das frühere Model Kera Rachel Cook sprach am Erich-Kästner-Gymnasiums über die Absurdität von „Germany’s next Topmodel“.

Klappe halten und lächeln. Du hast als Model keine Rechte und wirst behandelt wie der letzte Dreck.“ Es ist desillusionierend, was die junge Frau in der Mensa des Eislinger Erich-Kästner-Gymnasiums erzählt. Gebannt lauschen rund 120 Schülerinnen der Klassen 9 und 10 den Worten des ehemaligen Models. Kera Rachel Cook, 2010 Kandidatin bei „Germany’s next Topmodel“, hat für ihren Lebenstraum jahrelang ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Inzwischen wirbt die 30-Jährige, die unter Bulimie litt, im Rahmen ihres Präventionsprojekts „Choose now“ für ihren Wahlspruch „Glücklich ist das neue schön!“.

Um Essstörungen geht es im Biologieunterricht im Rahmen der Suchtprävention an dem Eislinger Gymnasium. „Das ist ein ganz wichtiges Thema“, mit dem die Lehrer im Schulalltag bestens vertraut seien, wie Ingrid Hinzel-Hees erklärt. Die Schulsozialarbeiterin hat den Vormittag mit dem früheren Model gemeinsam mit der Lehrerin Sandra Wahl organisiert.

Als Kera Rachel Cook Bilder zweier Frauen zeigt, wird schnell klar, welches Schönheitsideal die Teenager favorisieren. Fast allen gefällt das superdünne besser als das etwas kurvigere Model. Auch Kera Rachel Cook war mehr als ein Jahrzehnt dem Schlankheitswahn verfallen. „Ich fühlte mich immer hässlich und zu dick“, erzählt die junge Frau, die sich aufgrund ihrer Körpergröße – 1,86 Meter – als Kind und Jugendliche als Außenseiterin fühlte. Als ihr als 15-Jährige nach der Teilnahme an einem Talentwettbewerb ein Vertrag von einer Modelagentur angeboten wird, scheint ihr Leben eine wunderbare Wende zu nehmen. Eine Karriere auf dem Laufsteg, so ihr Traum, könnte die Eintrittskarte ins Filmgeschäft werden – und damit werde ihr endlich die Anerkennung zuteil, die sie bis dato vermisste.

Temperamentvoll erzählt Cook von dem „berauschenden Gefühl“ auf dem Laufsteg, für das sie bereit war, jedes Opfer zu bringen. Vor allem Abnehmen, lautet die Bedingung für einen Modelvertrag. Sie erlegt sich eine strenge Diät auf, erstellt eine Liste mit „verbotenen“ Lebensmitteln. Nach drei Wochen kommt der Heißhunger: Drei Tafeln Schokolade in einer halben Stunde. „Schlechtes Gewissen“ – am nächsten Tag umso härter trainieren, hungern. „Aber je mehr ich versuchte abzunehmen, desto größer wurden die Fressattacken.“ Wahllos stopft sie kürzester Zeit Kalorienbomben in sich hinein, deren Wirkung sie mit Appetitzüglern, Abführmitteln und stundenlangem Fitnesstraining zu kompensieren versucht. „Das war der Anfang meiner Essstörung“ – in Cooks Fall eine Form der Bulimie, bei der sich die Erkrankten nach Fress­anfällen nicht übergeben, sondern sie auszugleichen versuchen.

Sehr eindrucksvoll schildert die 30-Jährige, wie sich die verhängnisvolle Spirale immer schneller dreht. Den Modelvertrag bekommt sie trotzdem nicht, „ich hatte nicht genug abgenommen“. Sie meldet sich bei Heidi Klums Castingshow an, nimmt in neun Monaten 20 Kilo ab. Die Fressattacken werden schlimm wie noch nie, „ich fühlte mich körperlich krank, hatte Depressionen und Suizidgedanken“. Auch eine stationäre und ambulante Therapie kann sie nicht von dem Wunsch, berühmt zu werden, abbringen. 66 Kilogramm wiegt Kera Rachel Cook, als sie für „Germany’s next Topmodel“ ausgewählt wird. Sie ist nur noch Haut und Knochen und „die Jury sagte ständig zu mir, wie schwierig meine Figur sei“. Nach drei Wochen muss sie die Show verlassen, sie erreicht Platz 19 von rund 23 000 Kandidatinnen und sieht doch nur die 18 vor ihr. „Ich habe mich gefühlt wie der letzte Versager“, ein Gefühl, das bei Klums Sendeformat den Kandidatinnen förmlich eingeimpft werde, stellt Cook fest.

Nach einem psychischen Tief beschließt die junge Frau, es als Übergrößenmodel zu versuchen. „Ich bekam plötzlich die Rückmeldung ‚Du hast eine schöne Figur’.“ Kera Rachel Cook hat Erfolg, ist in ganz Europa unterwegs, am Ziel ihrer Träume, „aber ich war immer noch unglücklich“. Rigoros zerpflückt die 30-Jährige das Modelgeschäft: „Euer komplettes Lebensglück ist auf Eurem Äußeren aufgebaut“, macht sie den Schülerinnen klar. Sie habe sich gefühlt wie ein lebender Kleiderständer, „austauschbar, ohne Rechte und in jeder noch so entwürdigenden Situation die Klappe halten und lächeln“.

Schließlich beschließt sie, einen neuen Weg einzuschlagen. „Mir ist klar geworden, ich bin mehr wert.“ Sie studiert, macht ihren Master in Literatur- und Kulturtheorie. Heidi Klums Show wird zum Thema ihrer Master­arbeit. Es war ein steiniger Weg mit vielen Therapien und einem weiteren Klinikaufenthalt, bis sie lernte, sich selbst zu lieben, „ab dem Zeitpunkt war ich frei“. Auch vom Diktat der Waage, die sie aus ihrem Leben verbannt hat.

Inzwischen arbeitet Kera Rachel Cook als Autorin und macht es sich zum Ziel, jungen Mädchen zu vermitteln, dass es im Leben um mehr geht als um Äußerlichkeiten. Besonders im Jugendalter sei man anfällig für die bei Klums Castingshow bis zur Perfektion betriebene Selbstinszenierung. Mit Bildern, die mit dem Programm Photoshop bearbeitet wurden, entlarvt sie mit den Eislinger Schülerinnen das von Werbung und Medien forcierte Schönheitsideal und ermuntert sie, sich selbst mit ihren Ecken und Kanten anzunehmen.