Weltfrauentag Kampf um Gleichberechtigung noch nicht vorbei

Deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen: Die Kampagne „Me too“ (Ich auch) ermutige Frauen weltweit, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Alex Maier.
Deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen: Die Kampagne „Me too“ (Ich auch) ermutige Frauen weltweit, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Alex Maier. © Foto: BERTRAND GUAY
Kreis Göppingen / Kathrin Bulling 08.03.2018
Wirkliche Gleichberechtigung gibt es nicht. Das sagen drei junge Frauen, die im Kreis politisch und sozial aktiv sind.

Eines hat Lea Horn nie ­verstanden: In ihrer ehemaligen Schule, dem Freihof-Gymnasium in Göppingen,  hing ein Plakat, das Nobelpreisträger der Natur­wissenschaften zeigte. Marie ­Curie war nicht darunter – „dabei hat sie doch sogar zwei Nobel­preise bekommen: für ­Physik und Chemie“, sagt die 19-jährige Jugendgemeinderätin, und die Verwunderung über diese Ignoranz ist ihr immer noch anzuhören.

Für die Göppingerin ist die ­Sache mit dem Plakat das beste Beispiel dafür, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch etlichen Nachholbedarf gibt. „Frauen sind unterrepräsentiert, sie kommen in der Öffentlichkeit nicht so oft vor“, sagt sie.

Diese Auffassung teilt sie mit Daina Lautenschläger, seit ein paar Wochen Vorstandsmitglied des selbstverwalteten Jugendhauses Maikäferhäusle in Geislingen: „Ich finde es gut, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, aber ­insgesamt gibt es zu wenige Frauen in der Politik, in Führungs­positionen in der Wirtschaft und in Ausbildungsberufen.“ Eine wirkliche Gleichberechtigung sei in Deutschland noch nicht erreicht, meint die 21-jährige BWL-Studentin, die selbst einmal ein Unternehmen leiten will, – auch wenn es in westlichen Ländern deutlich besser zugehe als anderswo auf der Welt.

Das Missverhältnis der ­Geschlechter in höheren Posi­tionen sowie die Lohnungleichheit bezeichnet die langjährige Geislinger Jugendgemeinderätin Victoria Kutek als größte Probleme in Deutschland. „Warum gibt es in der Bundesliga nur eine Schiedsrichterin? Die Frauen sind einfach noch nicht hundertprozentig gleichberechtigt.“

Die Frauenquote sieht die 19-Jährige als gute Möglichkeit, Mitarbeiterinnen zu motivieren, sich auf Chefposten zu bewerben. Daina Lautenschläger ist da hin- und hergerissen: „Die Quote ist eine gute Starthilfe. Aber nur Frau zu sein, das ist doch keine Qualifikation – ich betrachte das sogar als Diskriminierung Frauen gegenüber.“

Lea Horn wünscht sich mehr weibliche Vorbilder für Mädchen. Es gelte, ihnen schon früh zu zeigen, dass sie genauso selbstbewusst sein können wie Jungen. „Deshalb ist mir meine Arbeit im Jugendgemeinderat auch so wichtig.“

Victoria Kutek war zeitweise die einzige Frau im Geislinger Gremium. Negative Erfahrungen hat sie keine gemacht, aber festgestellt, dass Männer doch anders ticken, vieles rationaler angehen. „Ich bin aber gut klar gekommen, die anderen haben mich immer ernst genommen.“

Herablassendes Verhalten, dumme Anmache in der Disco, Altherrenwitze haben alle schon erlebt. Die drei scheinen aber selbstsicher genug, damit umgehen zu können. Es sei halt ein Thema der Erziehung, des Rollenverständnisses – und zwar bei Männern und Frauen gleichermaßen, meint Daina Lautenschläger. Sie gibt zu bedenken, dass sich auch Frauen gegenseitig diskriminieren: „Es kommt schnell mal vor, dass eine über die andere sagt: ,Das ist eine Schlampe.’ Da muss man selber aufpassen, was man sagt – das ist nicht fair.“

Den Internationalen Frauentag werde es auch in 20 Jahren noch brauchen, sagen die drei, denn die Gesellschaft entwickle sich nicht schnell genug weiter. „Vielleicht haben wir irgendwann einen Gendertag“, meint Daina Lautenschläger. Und Lea Horn sagt: „Ich fände es toll, wenn wir irgendwann alle gleich behandeln würden – nicht als Mann oder Frau, sondern als Mensch mit Stärken und Schwächen.“

Männliche Dominanz prägt die Gesellschaft

Heike Baehrens, SPD-­Bundestagsabgeord­nete, erklärt in einer Pressemitteilung, Gleich­stellung sei keine ­natürliche Entwicklung, sondern müsse erstritten werden. Das zeige das Beispiel des Frauenwahlrechts, dessen ­Befürworter vor 100 Jahren verlacht worden seien. Auch heute sei es noch nötig, für große Ziele einzutreten – etwa die gleiche Bezahlung von Frauen und ­Männern.

Heide Kottmann, ­Vorsitzende des Kreisverbands Göppingen der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF), kritisiert die männliche Dominanz in Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien, Sport und Sprache, die die Gesellschaft geprägt habe. Die ASF fordert seit langem unter anderem ein geändertes Landtagswahlrecht, ­damit Parteien Einfluss
auf ein ­ausgewogeneres ­Geschlechterverhältnis nehmen können.

Alex Maier, Grünen-­Landtagsabgeordneter, ­betont die Wichtigkeit von Kampagnen wie „Me too“, die Frauen ­ermutigten, über Dis­kriminierung und sexuelle Belästigung zu ­sprechen. Die Debatten der vergangenen Monate zeigten aber auch, wie notwendig es sei, sich nicht nur am Internationalen Frauentag für Gleichberechtigung
einzusetzen.

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