Medizin Warten auf Luchas Machtwort

Dirk Hülser 12.01.2018
Sozialminister besucht Göppinger Kliniken und kündigt erneut eine „zeitnahe“ Entscheidung im Schlaganfall-Streit an.

Der Streit um die Schlaganfall-Versorgung im Landkreis könnte – zumindest vorläufig – bald beendet sein: Sozialminister Manne Lucha (Grüne) war am Donnerstag zu Gast in der Klinik am Eichert und im Christophsbad und hat sich nochmals die Standpunkte der Krankenhäuser darlegen lassen. Am Dienstag und Mittwoch waren Vertreter der Kliniken zu Gesprächen im Sozialministerium. Ein Ergebnis: Das bislang geheime Gutachten des Berliner Neurologen Darius Günther Nabavi wird von Dienstag an öffentlich ausgelegt.

Eigentlich hatte Lucha bereits Ende November entschieden, dass – zunächst befristet auf zwei Jahre – alle Schlaganfall-Patienten im Christophsbad behandelt werden sollen. Damit sollte ein mindestens 15 Jahre währender Streit beider Kliniken beendet werden. Doch in der Klinik am Eichert und im Kreistag regte sich Protest, Lucha hat deshalb bislang den Bescheid noch nicht erlassen, nur angekündigt, dass dies „zeitnah“ geschehen solle.

Seitdem sind rund sechs Wochen vergangen. Am Freitag nun gab Luchas Ministerium in einer mit den beiden Göppinger Krankenhäusern abgestimmten Pressemitteilung bekannt: „Wir werden nun zeitnah auf Grundlage der Gespräche und der Ergebnisse des Gutachtens von Professor Nabavi eine Entscheidung treffen.“ Dass diese anders ausfallen wird als im November, ist nicht zu erwarten, wie auch von Insidern aus dem Ministerium zu erfahren war.

Sehnlicher Wunsch

„Intensiv“ hätten er und seine Mitarbeiter sich mit den jeweiligen Argumenten auseinandergesetzt, „die wir sehr ernst nehmen“, betonte der Sozialminister. Gutachter Nabavi war zu dem Schluss gekommen, dass es für den Göppinger Raum keine Alternative zu einer so genannten „Ein-Pforten-Lösung“ gebe. Deshalb appellierte Lucha: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die beiden Kliniken einen gemeinsamen Weg finden und dazu im konstruktiven Dialog bleiben. Das wird ohne Zugeständnisse beider Seiten kaum gelingen. Daher sollte es in diesem Prozess keine Denkverbote geben und Partikularinteressen überwunden werden.“

Damit richtet der Minister seinen Blick bereits in die Zukunft: Nach der zweijährigen Übergangszeit empfiehlt Nabavi als Ideallösung „die Einbettung einer Neurologischen Abteilung mit Stroke-Unit in ein Krankenhaus, das somatische Fachdisziplinen vorhält und eine interdisziplinäre Notaufnahme betreibt“. Strittig ist noch immer, wie und wo dies geschehen soll. Das Christophs­bad plädiert dafür, den Neubau der Klinik am Eichert neben der neurologischen Fachklinik zu errichten, was der Landkreis und die kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken strikt ablehnen.

Vertreter beider Krankenhäuser bekräftigen in der Pressemitteilung ihre Absicht, ihrer „großen Verantwortung für eine bestmögliche Schlaganfallversorgung im Kreis Göppingen gerecht zu werden und die aktuelle Diskussion im Sinne der Patienten zu einem guten Ende zu bringen“.

Öffentlichkeit kann Gutachten einsehen

Einsicht Sowohl im Christophsbad als auch in der Klinik am Eichert und im Landratsamt Göppingen kann die Öffentlichkeit von Dienstag, 16. Januar, an das Gutachten einsehen. Auch im Stuttgarter Ministerium für Soziales und Integration wird dies möglich sein. Bislang hatten nur Kreisräte in einem Leseraum die Möglichkeit, das Papier zu lesen. Auch der Presse war es vorgestellt worden.

Niveau Während das Christophsbad laut dem Gutachter die Kriterien für eine überregionale Schlaganfall-Einheit in fast allen Punkten erfüllt, schafft dies die Klinik am Eichert nicht. Bei vielen Parametern erreicht sie nur das niedrigste Level einer lokalen Einheit.

Rufschaden Gutachter Nabavi warnt auch vor rechtlichen Folgen: Immer öfter komme es zu Klagefällen, wenn Patienten zu spät eine Thrombolyse-Therapie nach einem Schlaganfall bekommen. Das bisherige Zuweisungskonzept – der Rettungsdienst entscheidet derzeit, in welche Klinik die Patienten gebracht werden – könnte somit auch zu einem juristischen Problem für die Verantwortlichen und die Krankenhäuser werden: „Hier muss die Klinik, neben einem Rufschaden, mit empfindlichen Entschädigungsforderungen rechnen“, schreibt Nabavi.