Nea Bayer aus Börtlingen hat die Türen, die Seitenteile, den Dachständer und den Kotflügel hinten rechts eingestrickt. Gabriele Bauder aus Kuchen hat das Wollkleid für die Kofferraumhaube, das Wagendach und den Heckdeckel gefertigt. Ria Reiser umhüllte die Trittbretter, Christina Straubmüller die Stoßstangen und die Radkappen. Waltraut Prager strickte den grünen Kotflügel hinten links, Gabi Werner sorgte für den Kotflügel vorne links und Claudia Eckardt für den Kotflügel vorne rechts. Zum Schluss stand da ein Auto, wie man es wohl noch nie zuvor gesehen hatte: Ein VW Käfer komplett aus Wolle gestrickt.

Das schafften die Damen natürlich nicht an einem Tag und auch nicht in einer Woche. Ein halbes Jahr lang klapperten bei ihnen die Nadeln im Dienste des Oldtimers, den Nea Bayers Gatte Wolfgang zur Verfügung gestellt hatte; rund zehn Kilogramm Wolle (Reste oder geschenkt) verstrickten sie zu ganz genau 195.061 Maschen. Zu dritt zogen die Frauen dann das Auto an – das dauerte noch einmal über einen Tag. Beim Sommerfest des VW-Käfer-Teams Göppingen 2013 in Lenglingen war der bestrickte Wagen dann aber eindeutig der Star; unlängst sind Nea Bayer, Gabriele Bauder und Waltraut Prager damit sogar bei Günther Jauch und Thomas Gottschalk auf RTL gewesen.

Käfer ist nicht zugelassen

Da stellt sich natürlich die Frage: Kann man mit so einem Auto denn überhaupt noch fahren? Ins Studio rollte das Auto mit der Moderatorin und Schauspielerin Barbara Schöneberger am Steuer. Sie wird es jedoch kaum von Börtlingen nach Köln gefahren haben.

Stimmt, lächelt Nea Bayers Ehemann Wolfgang. Der Käfer ist zwar fahrbereit, derzeit aber nicht zugelassen und darf deshalb nicht auf öffentlichen Straßen bewegt werden. Und weil nicht alle Strickstücke angeklebt oder mit einem Gummizug befestigt waren, hätte er sowieso nur Tempo 30 fahren können, mehr nicht, sonst wäre das schöne Werk eine Beute des Fahrtwinds geworden. Also bugsierte Wolfgang Bayer den Oldtimer auf einen Anhänger, mit dem er dann auf der Autobahn nach Köln fahren konnte.

Zugute kam Bayer und den sieben Frauen dabei sicher auch, dass sie allesamt Mitglied im VW-Käfer-Team Göppingen sind. Und dass sie, Ehrensache, alle ihren eigenen VW Käfer haben. Das Problem beim Stricken war, dass es sich dabei um ganz unterschiedliche Typen verschiedener Baujahre handelt. Wolfgang Bayers Käfer ist einer der ersten, die in Mexiko zusammengebaut wurden: Baujahr 1979. Damals war ein Käfer noch nichts Besonderes. Nea Bayers Käfer ist 30 Jahre und der von Gabriele Bauder erst 19 Jahre alt. Außerdem hat Bauders VW bereits einen geregelten Katalysator. Sie kaufte ihn, noch bevor sie einen Führerschein hatte. Dieser Käfer hatte es ihr einfach angetan.

Mit Maß nehmen am eigenen Käfer kamen die Frauen daher nicht weit, als sie Bayers Auto einstricken wollten. Also montierten sie die schwierigsten Teile ab und nahmen sie mit nach Hause: die Kotflügel, den Heckdeckel, die Kofferraumhaube. „Die Teile lagen dann im Wohnzimmer“, erzählt Gabriele Bauder. Zum Schluss strickte Nea Bayer sogar noch einen Koffer für den eingestrickten Dachgepäckträger. Auf dieses Ausstattungsdetail wollte sie nicht verzichten.

Jetzt steht der eingestrickte Käfer in Bayers Garage, und dort wird er wohl auch bleiben. Abdekorieren wollen ihn die Frauen nicht, im Gegenteil. „Vielleicht kriegt er bald noch einen Teppich untergelegt“, überlegt sich Nea Bayer und lacht.

Stadtstricken

Urban Knitting Angefangen haben die sieben Strickerinnen wie viele andere Frauen auch mit Schals, Pullovern und Socken. Bis Nea Bayer das Urban Knitting („Stadtstricken“) für sich entdeckte. In Wiesbaden waren mal Bäume eingestrickt, in Karlsruhe Brunnen, erzählt sie. Bayer strickte erst mal einen Blumentopf ein – und überredete dann Gabriele Bauder, zusammen mit ihr einen VW Käfer in bunte Maschen zu hüllen. Ein eingehüllter VW-Bus im Wolfsburger Museum diente nur bedingt als Vorbild: Er trägt sein Strickkleid nur als Überwurf, es ist nicht an ihm befestigt. Gabriele Bauder hat sich inzwischen schon daran gemacht, einen großen Adventskranz einzustricken.