Vergessen wir das mal - ein gerne verwendeter Satz, um Unnötiges oder Unangenehmes aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Wohl dem, der selbst darüber entscheiden kann, was er lieber vergessen möchte und was nicht. An Demenz Erkrankte haben diese Wahl nicht mehr. Stück für Stück löscht das Gehirn in zufälliger Auswahl Erinnerungen und Kenntnisse.

"So, wie wir heute mit Dementen umgehen, wird man auch mal mit uns umgehen, wenn wir dement sind", warnte Dr. Michael Grebner, Leitender Oberarzt der Gerontopsychiatrie im Christophsbad, in seinem Vortrag in Adelberg. Am Beispiel der Alzheimerdemenz - einer der vielen Variationen von Demenz - beschrieb er den Verlauf dieser Krankheit: "Zuerst fallen bei gewohnten Arbeitsabläufen einzelne Zwischenschritte aus. Da kann es dann vorkommen, dass die Hausfrau den Kaffeetisch vorbereitet, Kuchen aufträgt und dazu heißes Wasser ausschenkt, weil sie vergessen hat, das Kaffeepulver in die Maschine zu füllen. Als Alzheimerpatientin bemerkt sie das aber gar nicht, selbst wenn sie das Wasser dann mit Milch und Zucker trinkt."

Was eigentlich für Außenstehende lustig klingt, ist ein Alarmzeichen für eine Demenzerkrankung und sollte so schnell wie möglich behandelt werden. "Die nächste Stufe sind dann größere Lücken, Orientierungslosigkeit und die Unfähigkeit, sich mitzuteilen, was aus der Hilflosigkeit heraus in Aggressionen umschlagen kann", so Grebner. Die Krankheit könne im frühen Stadium noch medikamentös verlangsamt oder sogar gestoppt werden. Aber "was im Gehirn schon kaputt ist, bleibt kaputt", rückgängig kann man die Erkrankung nicht mehr machen.

Um die Akzeptanz von außen und die Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen warb Pfarrer Tobias Winkler. "Auch wenn dementiell Erkrankte vieles bald wieder vergessen, ist das keine Ausrede, sie nicht voll zu respektieren und Geduld mit ihnen aufzubringen." Schon ein intensiver Händedruck oder ein paar Schritte zusammen gehen kann beruhigend wirken, dementiell Erkrankte brauchen viel Zuwendung, um die Realität nicht ganz zu verlieren. In Situationen, wo Demenzpatienten auf ihren surrealen Wahrnehmungen beharren, ist Toleranz vom Umfeld gefordert, denn Einsicht vom Erkrankten zu fordern, ist in der Regel zwecklos.

Doch auch Angehörige scheuen sich oft, Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren erkrankten Angehörigen nicht zu Hause betreuen", meint Winkler. So eine Pflege dürfe man nicht unterschätzen, "aber der Glaube kann es Menschen erleichtern, den Pfarrer zu Hilfe zu holen".


Info unter www.alzheimer-bw.de

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