Portrait Helmut Binder wird am Montag 90 Jahre alt

Dr. Helmut Binder hat viel zu erzählen. Seine Geschichten arbeitet er auch in seinen Büchern auf.
Dr. Helmut Binder hat viel zu erzählen. Seine Geschichten arbeitet er auch in seinen Büchern auf. © Foto: Margit Haas
Süßen / Von Margit Haas 12.06.2017
Dr. Helmut Binder war erfolgreicher Unternehmer und ist vielgelesener Autor. Heute feiert er im Kreise seiner Kinder und Enkel seinen 90. Geburtstag.

Die Büste der Nofretete schaut scheinbar aufmerksam zu, wenn Dr. Helmut Binder an seinem Schreibtisch sitzt und Texte verfasst. In den Regalen des Arbeitszimmers in seiner Wohnung in Süßen stapeln sich Bücher und Zeitschriften, Lexika und Schallplatten bis unter die Decke und belegen, dass der Neunzigjährige sich nach wie vor für Vieles interessiert, dass er aufmerksam zuhört und genau beobachtet, wenn er Menschen begegnet. Das Gehörte und Gesehene fließt dann nicht selten in seine Texte ein. Er ist nach wie vor ein fleißiger Autor, hätte sich auch vorstellen können, Journalist zu werden. In den vergangenen Jahren hat er zahlreiche Bücher publiziert. Zum regelrechten Bestseller hatte sich in den neunziger Jahren sein „Schwäbisches Wörterbuch“ entwickelt. „Der Computer war schuld daran.“ Seine schwäbischen Texte zeigte der ihm durchgehend als falsch an und so „habe ich ein schwäbisches Wörterbuch angelegt“. Der Theiss-Verlag bot es an und „die Honorare ermöglichten uns herrliche Schiffsreisen“.

Das Wörterbuch will er jetzt neu auflegen. Von „Abdackla bis Zwetschgaxälz“, so der Untertitel, führt es auch in die Feinheiter der schwäbischen Grammatik ein, klärt über den Diminutiv und das „Diminutivle“ auf, das im Schwäbischen sogar über eine Form der Mehrzahl verfügt. Deutlich macht er dies am schwäbischen Nationalgericht. „Als Gericht kommen Spätzla nur in der Mehrzahl vor. Wenn aber ein Spätzle vom Teller gefallen ist, spricht man es mit „e“, klärt er auf. Auch die unterschiedliche Aussprache des „Lährers“ oder Lehrers klärt er auf. Den Schwaben an sich zeichne „ein ungeheurer Realitätssinn verbunden mit rationalem Denken und Handeln“ aus. Dialekt hat für den Autor auch eine politische Dimension. „Er ist die Voraussetzung für den Zusammenhalt von Einheimischen.“ Man bleibe unter sich im Dialekt.

Heute feiert der gebürtige Göppinger seinen 90. Geburtstag im Kreise seiner großen Familie. Und wird dann vielleicht auch die eine oder andere Begebenheit aus seinem langen Leben erzählen. Aufgewachsen ist Dr. Helmut Binder in Göppingen, besuchte die Hohenstaufenoberschule. Sein Abitur konnte er erst 1946 ablegen. Zwei Jahre lang war er während des Krieges Luftwaffenhelfer in Stuttgart. Dem Studium der Wirtschaftswissenschaften schloss sich in den fünfziger Jahren die Promotion an. Zwischenzeitlich war er in das elterliche Unternehmen, eine Textilfabrik, eingestiegen und hatte seine Frau Ursula geheiratet. Pläne, nach Berlin zu ziehen, verfolgte das junge Paar nicht weiter. „In der Großstadt gefiel es uns überhaupt nicht.“ In Hattenhofen gründete Dr. Helmut Binder dann gemeinsam mit seiner Frau eine Strickwarenfabrik. „Wir produzierten sehr erfolgreiche Kollektionen“, erinnert er sich. Ende der achtziger Jahre kam dann das Aus. „Wir waren sehr unglücklich.“ Stolz ist er aber nach wie vor darauf, dass „ich alle Rechnungen und alle Gehälter bezahlen konnte und niemand etwas schuldig geblieben bin.“ Was zunächst als Katastrophe erschien, entwickelte sich „zur schönsten Zeit unseres Lebens“. Das Paar baute einen alten VW-Bus um und war viele Jahre lang unterwegs in ganz Europa.

 Übrigens, für alle Nicht-Schwaben: Abdackla meint ein sich übermäßiges Einsetzen, kann aber auch für Einschmeicheln stehen. Und Zwetschgaxälz steht für eine schmackhafte Marmelade aus Pflaumen. Ach ja, ein Lieblingswort in seinem schwäbischen Dialekt hat Dr. Helmut Binder auch: „A Schätzle“, sagt er, ohne lange nachdenken zu müssen.

Unternehmerschicksal im Buch verarbeitet

Werke Dr. Binder hat nicht nur „Ein schwäbisches Wörterbuch“ verfasst (Theiss-Verlag, ISBN 978-3-8062-1808-4). „Der Jungfrauenfels, Sagenhafte Geschichten zwischen Reußenstein und Württemberg“ (ISBN 3-925344-68-3) und „Fallstrick – Ein Unternehmerschicksal im Musterländle“ (ISBN 978-3-8425-1270-2) sind im Silberburgverlag erschienen. In letzterem hat er die Vorgänge um das Ende seines Unternehmens ­verarbeitet.

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