Eislingen Volk legt sich eigene Stasiakten an

Mathias Richling und seine Polit-Koffer. Selbst der alte Genscher darf den Diebstahl von FDP-Stimmen anzeigen und hat den Wähler im Verdacht.
Mathias Richling und seine Polit-Koffer. Selbst der alte Genscher darf den Diebstahl von FDP-Stimmen anzeigen und hat den Wähler im Verdacht. © Foto: Inge Czemmel
Eislingen / INGE CZEMMEL 20.01.2015
Schwarze, rote, grüne und sogar noch gelbe Polit-Koffer öffnete Mathias Richling in der Eislinger Stadthalle. Neben Kabarettprominenz zog er auch gesellschaftliche Entwicklungen durch den Kakao.

Er redet und redet und redet. Im wahrsten Sinne des Wortes pausenlos lästert Mathias Richling knapp zwei Stunden am Stück in gewohnt gebärdenreicher, hyperaktiver Aufgeregtheit und Eile über Politik, Moral, Gesellschaft, Emanzipation und die Demokratie an sich und im Besonderen. Am Ende seines Programms "Deutschland to go" steht die Erkenntnis: "Die Moral ist ein hohles Gut und weiß sich wie ein Chamäleon den Gegebenheiten anzupassen."

Gleich zu Beginn entschuldigt sich Richling vorsorglich für alles, was religiöse oder weltliche Gefühle verletzen könnte. "Falls Islamisten im Saal sind, tut es uns leid, dass wir nicht alle Frauen rechtzeitig verschleiern konnten", leitet er zwei, drei kurze Seitenhiebe anlässlich aktueller Ereignisse ein. Dann wendet er sich den Gepäckwagen mit parteifarbig geordneten Koffern zu. Der von "Pleiten, Peer und Pannen" geprägte Bundestagswahlkampf 2013 ist schon eine Weile her, doch das Publikum amüsiert sich trotzdem über die Parodien. Eine Angela Merkel, deren Händchen-Raute zu jeder Blazerfarbe passt, ein nölender Karl Lauterbach, der Weisheiten aus dem Erste-Hilfe-Koffer befördert, ein Özdemir, der beim Ausmisten des grünen Ideenarsenals Gesichtsakrobatik betreibt. Schäuble macht im Rolli, mit Geldkoffer bewaffnet, klar, dass "Hartz-4-ler" für uns völlig ohne Wert sind, und Gysi stellt einen Redegeschwindigkeitsrekord auf. Natürlich dürfen auch Seehofer, Oettinger und Sarrazin nicht fehlen, und sogar der alte Genscher darf den Diebstahl von FDP-Stimmen anzeigen, für den er die Wähler im Verdacht hat.

Den Wählern scheint gar nicht bewusst, dass Politiker in unserer repräsentativen Demokratie eigentlich Hofstaat sind. Und überhaupt die Demokratie! Wer hat's erfunden? Nein, nicht die Schweizer. Die Griechen waren es, und nun haben sie mit ganz Europa Leasingverträge. Demoskopische Umfragen enttarnt Richling als "Meinungsquickies", für die viele schnell die Hosen runter lassen. "Keiner hat eine Meinung, aber jeder sagt sie gern." Die Kapitulation vor dem Terrorismus, die in Gesetzen zum Ausdruck kommt, die eine Gesellschaft zu Tatverdächtigen macht, ist ebenfalls Thema. "Nacktscanner, Onlineüberwachung, Datenspeicherung - der Staat macht die Bürger zu Exhibitionisten und verhaftet sie dann wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses." Spott gießt Richling auch über die so genannten sozialen Netzwerke. "Das Volk legt seine eigenen Stasiakten an. Der PC ist unsere Mauer."

Unterhaltsam ist Richling allemal, jedoch verhindern die gewollte Hektik und die hohe Schlagzahl manchmal das Vordringen zum Kern des Gedankens. Zugunsten von Beifall versprechenden Parodie-Oldies bleibt bei "Deutschland to go" leider auch die Aktualität etwas auf der Strecke.

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