Mobilität Verleihsystem fährt langsam an

Kreis Göppingen / Kristina Betz 16.05.2018

Statt mit Bahn oder Auto mit dem Fahrrad zum Ziel zu fahren, könnte im Großraum Stuttgart und auch im Kreis Göppingen bald komfortabler werden. Am 1. Mai ist das von der Stadt Stuttgart initiierte Radverleihsystem „Regio-Rad“ gestartet, mit insgesamt 685 Fahrrädern und 340 Pedelecs an 94 Stationen. Es ist ein neuer Versuch für ein einheitliches Radverleihsystem in der Region. Initiiert hat das Angebot die Stadt Stuttgart, betrieben werden die Stationen von der Bahntochter „DB Connect“.

Unter den 22 Kommunen, die Anfang des Monats mit dem Regio-Rad-Verleihsystem starteten, befindet sich aus dem Kreis nur die Stadt Eislingen. In Geislingen ist eine Teilnahme an Regio-Rad bislang nicht geplant: „Ich sehe nicht den Bedarf mit einzusteigen“, sagt Geislingens Oberbürgermeister Frank Dehmer. Wer mit dem Fahrrad oder Pedelec in Geislingen oder von dort an andere Orte zur Arbeit fahre, besitze selbst eines, meint Dehmer. Tagesbesucher in der Fünftälerstadt kämen wiederum gut zu Fuß zu ihrem Ziel oder brächten ihr Rad mit.

Aus anderen Städten wie Tübingen weiß Dehmer, dass so ein Fahrradverleih nicht immer rege genutzt wird. Damit sich die Anschaffung wirklich lohne, müsse man eine größere Zahl an Fahrrädern bereitstellen, meint der Oberbürgermeister. Das koste aber viel Geld, das die Stadt nicht habe. Man werde aber die Augen offen halten und beobachten, wie das Verleihsystem zum Beispiel in Eislingen angenommen werde – es gebe die Möglichkeit, dass Geislingen später doch mitmache.

Dehmer macht darauf aufmerksam, dass es für Ausflügler bereits das Angebot der Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf (ESA) gibt.  Sowohl Touristen als auch Einheimische können sich Pedelecs aus dem Fuhrpark ausleihen. Die Fahrräder, die in der Fahrrad-Recycling-Werkstatt der Staufen Arbeits- und Beschäftigungsförderung (SAB) in Geislingen stehen, können bei der ESA-Geschäftsstelle zwei bis drei Tage vor der Nutzung telefonisch reserviert werden. Anschließend wird das Rad an den gewünschten Ort geliefert, zum Beispiel ans Hotel.

Das System funktioniere seit Jahrzehnten gut, berichtet Isabell Noether. Die ESA-Geschäftsführerin kann noch nicht einschätzen, ob es zum Problem wird, dass Regio-Rad sich immer mehr auch in der Erlebnisregion durchsetzt. Vor allem für Einheimische könnte es attraktiver sein, ein Rad ohne Anmeldung auszuleihen, meint Noether. „Es wäre schade, wenn unser Projekt beeinträchtigt wird.“

Radtransport ist beliebt

Viele Ausflügler werden in jedem Fall weiterhin das Angebot der ESA nutzen, ist sich die Chefin des Touristenverbands sicher. Denn der Transport an einen Wunschort werde geschätzt. Außerdem ist der Sicherheitsstandard hoch: Jedes Rad wird in der Werkstatt nach der Nutzung „auf Herz und Nieren geprüft“, sagt Noether. „So kann man sicher sein, dass alles funktioniert.“ Die ESA bedient mit den behindertengerechten Modellen im Pedelec-Fuhrpark obendrein noch eine weitere Zielgruppe, betont die Geschäftsführerin. Auch in der direkten Betreuung und Beratung sieht Noether einen Vorteil im Vergleich zu Regio-Rad: „Wir helfen bei der Tourenplanung und geben zum Beispiel Gastronomie-Tipps.“

Für ein System wie Regio-Rad sei eine einheitliche und flächendeckende Vernetzung wichtig, weiß Marco Schwab vom Amt für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur beim Landratsamt. Bislang ist der Landkreis nicht involviert in die Planungen, wolle künftig aber auch koordinierend und fördernd am System teil­haben. Grundsätzlich begrüße man beim Landratsamt die Planungen eines einheitlichen Systems. Wichtig sei aber auch, dass die Stationen über Kreisgrenzen hinweg reichen. „Der Verkehr hört an der Landkreisgrenze nicht auf“, macht Schwab deutlich.

Auch Kathleen Lumma, die Landesgeschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), plädiert für ein dichtes Netz. Sie verweist auf Paris, wo Leihradstationen im Abstand von 200 bis 300 Metern stehen. Auch zum Zertifikat „Fahrradfreundlicher Landkreis“ könne das neue System beitragen.

Ein Grund, warum das Angebot nicht schon früher startete, sind unter anderem Lieferverzögerungen der elektronisch betriebenen Fahrräder. Statt wie geplant im Frühjahr dieses Jahres Fahrräder und Pedelecs anzubieten, müssen teilnehmende Kommunen zunächst nur mit Fahrrädern vorlieb nehmen. Erst ab dem 30. September kommen dann die mit einem Elektromotor betriebenen Pedelecs hinzu. Da der unterlegene Mitbieter, Nextbike, nach der Vergabe des Auftrages ein Nachprüfverfahren anstrebte, gab es Verzögerungen bei der Produktion, teilt ein Bahnsprecher mit. Die Räder werden von einem deutschen Hersteller bezogen.

Die Lieferschwierigkeiten bei den Pedelecs sind nur ein Teil des holprigen Projekt-Auftakts. Bereits im vergangenen Jahr hätte das System an den Start gehen sollen, die Ausschreibung hatte aber kein zufriedenstellendes Ergebnis gebracht. Nachdem der Auftrag an DB Connect vergeben wurde, musste der Starttermin vom 1. März noch einmal auf den 1. Mai verschoben werden.

Das Verleihsystem in der Region Stuttgart sei ein Anfang und ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Kathleen Lumma vom ADFC. Die Expertin macht aber auch deutlich: „Es wird eine Weiterentwicklung und einen Ausbau des Systems brauchen, um das Leihrad zur echten Alternative in der innerstädtischen Mobilität zu machen.“

Kosten und Bedingungen des Fahrradverleihs

Zwei Tarife wird es bei Regio-Rad geben: den Basis- und den Komforttarif für VVS-Abonnenten. In beiden Tarifen stehen 3 Euro Jahresgebühr als Fahrtguthaben fest. Dazu kommen beim Basistarif für die Fahrradnutzung ­­1 Euro pro halbe Stunde. Der Tageshöchstsatz beträgt 10 Euro am Tag. Bei Pedelecs sind es 10 Cent pro Minute, höchstens 4 Euro pro Stunde und 16 Euro am Tag. Im Komforttarif ist die erste halbe Stunde kostenlos, dann kostet jede weitere halbe Stunde 1 Euro, höchstens aber 10 Euro pro 24 Stunden. Für Pedelecs werden 10 Cent pro Minute verlangt, der Stunden- und Tageshöchstsatz liegt bei 3 und 12 Euro. Touristen bekommen Tagespässe für 15 Euro. Auch eine App, über die man Räder reservieren kann, befindet sich in der Entwicklung.

Teilnehmende Kommunen binden sich für vier Jahre und acht Monate. Das ist die vertragliche Mindestlaufzeit. Dafür zahlt die Kommune eine Gebühr an die Bahntochter DB Connect. Anschaffung, Vermietung, Unterhalt und Wartung sind darin enthalten – dafür ist die DB Connect zuständig.

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