Anpflanzung Umstrittene Kirsche im Kirschendorf

Stehen nicht weit von Gammelshausen: Traubenkirschen beider Arten am Obstlehrpfad.
Stehen nicht weit von Gammelshausen: Traubenkirschen beider Arten am Obstlehrpfad. © Foto: Jürgen Schäfer
Gammelshausen / Jürgen Schäfer 17.02.2017

  Das Kirschendorf Gammelshausen hat sich den Unmut von Naturschützern zugezogen. Ausgerechnet wegen einer Baumart, die Traubenkirsche heißt. Die soll nach deren Ansicht bleiben, wo der Pfeffer wächst, und keinesfalls auf Gammelshäuser Markung angepflanzt werden. Weil sie invasiv sei, ein Eindringling in der heimischen Flora, ähnlich wie das indische Springkraut.

Er hat dies zu verhindern versucht, der Arbeitskreis der Naturschutzgruppen, der neue Bebauungspläne auf Umweltverträglichkeit prüft. Als Gammelshausen einen solchen für das kleinen Baugebiet Kirchstraße aufstellte, führte die Gemeinde zum Naturausgleich unter anderem die Traubenkirsche an. Der Arbeitskreis erhob Einspruch. Keine Traubenkirsche, stattdessen Elsbeere, Speierling, Mehlbeere und Wildobst. Aber die Fachplaner vom beauftragten Ingenieurbüro waren anderer Meinung. Elsbeere und Co. würden  nicht von der Landesanstalt für Umwelt und Naturschutz für das Gebiet empfohlen, sie seien auch nicht „stockausschlagsfähig“. Die Traubenkirsche hingegen schon. Der Gemeinderat folgte ihnen.  „Wir verlassen uns auf das Planungsbüro“, sagt Bürgermeister Daniel Kohl. Außerdem sei ja auch die Naturschutzbehörde im Landratsamt ins Verfahren einbezogen gewesen, und von dort sei nichts Gravierendes gekommen.

In Holland heißt sie „Waldpest“

 Die Naturschützer waren erbost. Inakzeptabel sei es, eine derartige Baumart an eine sensible Stelle setzen zu wollen, nämlich in die Nähe von intakten Buchenwäldern und Galeriewäldern am Heubach. Genau das fürchten die Naturschützer: dass die Traubenkirsche anderen Bäumen zu nahe kommt und ihre „Wurzelbrut“ ausspielt. Rodet man sie irgendwann und erwischt nicht alle Wurzeln, dann wachsen die wie verrückt. Das hat der Baumart in Holland den furchterregenden Namen „Waldpest“ eingetragen. Weil man dort schmerzhafte Erfahrungen gemacht habe. Erst nahm man die Traubenkirsche zur Verbesserung der Böden, was sie offenbar kann, dann musste man sie bekämpfen.

Indes: es gibt zwei Arten von Traubenkirschen, und beide sind Gammelshausen mindestens schon nahe gekommen: Sie stehen am Obstlehrpfad, der sich in Halbhöhenlage bis hinüber nach Dürnau zieht. Ganz frisch sind sie nicht mehr. Der Lehrpfad ist gute 40 Jahre alt, der älteste im Kreis, und er widmet sich dem Wildobst und den „Unterlagen“ für die heutigen Obstkulturen. Da dürfen Prunus padus und Prunus serotina nicht fehlen: die gewöhnliche Traubenkirsche, die in Europa und in Asien bis Japan heimisch ist, und die spätblühende, die aus Amerika kommt. Letztere allerdings schon vor 400 Jahren. Das ist die invasive Spezies, sagt Ulrich Lang,  Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands im Kreis.

Welche nun am Heubach Wurzeln schlagen wird, am äußersten Zipfel der Gammelshäuser Markung Richtung Heiningen, wird sich weisen. Der Schultes sieht dem entspannt entgegen. Er war dabei, als man den Standort festgelegt hat. „Dort gibt es den richtigen Boden“, berichtet er.

Kerne in Pfahlbauten

Mit der Wurzelbrut ist nicht gut Kirschen essen. Mit den Früchten der Traubenkirsche ist es unterschiedlich. Die einen gelten als ungiftig, aber ungenießbar, die anderen als essbar und sogar aromatisch süß, aber mit bitterem Nachgeschmack.  Vorsicht aber: die Kerne und überhaupt alle Pflanzenteile seien giftig. Während die Enzyklopäden vor 100 Jahren schrieben: „Die Früchte dienen zum Färben des Rotweins, auch verarbeitet man sie auf Branntwein“, findet man heute im Internet Traubenkirschen-Gelee. In den USA diene die dort heimische Art dem Aroma von Rum und Brandy. Schon in grauer Vorzeit sollen die Menschen die Ahlkirsche, wie die heimische Traubenkirsche auch heißt, als Obst und Arzneimittel verwendet haben.  In Pfahlbauten habe man ihre Kerne gefunden.

Auch wenn es Wildobst ist und irgendwie auch verwandt mit den Pflaumen, ist die Traubenkirsche dem Gammelshäuser Bürgermeister hochsympathisch.  „Das passt zu uns“, sagt Daniel Kohl mit Bestimmtheit. Die Gemeinde führt die Kirsche sogar im Wappen. Und wenn sich der Schultes das so durch den Kopf gehen lässt, passe die Wild-Kirsche auch zum kleinen Baugebiet, dem sie ökologischen Ersatz bringen soll: Der Kirchstraße  fehle zur „Kirsch-Straße“ nur ein Buchstabe, merkt er verschmitzt an.