Ortsporträt Kitzen: Immer innovativ im Tal der Liebe

Treffpunkt Dorfbrunnen (v. l.): Max Weber, Bruno Weber, Josef Weber, Johannes Weber, Hermann Mühleis, Bernie Hocke, Michael Hocke. Hier feiern die Kitzener ihren Brunnenhock, das Bauwerk haben – wie kann es anders sein – drei Männer aus Kitzen errichtet.
Treffpunkt Dorfbrunnen (v. l.): Max Weber, Bruno Weber, Josef Weber, Johannes Weber, Hermann Mühleis, Bernie Hocke, Michael Hocke. Hier feiern die Kitzener ihren Brunnenhock, das Bauwerk haben – wie kann es anders sein – drei Männer aus Kitzen errichtet. © Foto: Giacinto Carlucci
Ottenbach / Dirk Hülser 09.01.2018
Im Ottenbacher Teilort Kitzen leben 66 Menschen, früher waren es fast doppelt so viele.

An Selbstbewusstsein mangelt es den Kitzenern nicht. „Wir sind ein kleiner Teil von Ottenbach, das wissen wir schon“, sagt Josef Weber. „Das heißt aber nicht, dass wir die Minderheit sind.“ Und außerdem: „Kitzen ist älter als Ottenbach.“ Worauf andere Dörfer stolz sind, nämlich ihre Vereine, darauf verzichten die 66 Einwohner des Weilers im Tal der Liebe gerne: „Brauchen wir nicht, kein Bedarf“, sagt Bruno Weber. In Kitzen ist das ganze Dorf der Verein.

Es ist wieder Josef Weber, der es auf den Punkt bringt: „Wichtige Dinge machen die Kitzener selbst. Vielleicht sind wir auch froh, wenn uns nicht so viele Ottenbacher dreinschwätzen.“ Josef, den hier alle nur Sepp nennen,  und Bruno Weber sitzen in der Wohnküche im großelterlichen Haus von Sepp Weber, der Holz­ofen hat die Stube auf gefühlte 32 Grad aufgeheizt.

Mit am Tisch sitzt Johannes Weber. Bevor die Verwirrung nun zu groß wird: Die drei Männer sind weder verwandt noch verschwägert. Aber in Kitzen heißen eben viele Familien Weber. Genauer gesagt: „Momentan gibt es sechs Webers in Kitzen.“ Sagt Michael Hocke. Ja, richtig. Hocke. Er ist ja auch der einzige Reingeschmeckte in der Runde, aus Süßen. Aber seine Frau Bernie stammt aus Kitzen.

Um die Konfusion komplett zu machen: „Früher hat es drei Alfons Weber gegeben“, berichtet Josef Weber. Um sie zu unterscheiden, wurden sie Alfons 02, Alfons 04 und Alfons 07 genannt. „Das ging nach dem Geburtsjahr, Alfons 02 war mein Großvater.“

Wenn jetzt fast alle Weber heißen und dann auch noch viele den gleichen Vornamen haben, wie findet man jemanden in dem Ort? Denn Straßennamen gibt es nicht, nur Hausnummern. Aber die sind, typisch Kitzen, natürlich nicht in einer logischen Ordnung vergeben worden. Sondern in einer chronologischen. „Die Nummern wurden in der Reihenfolge vergeben, wie gebaut wurde, so ist dann zum Beispiel Nummer 6 neben 34 oder 36“, erklärt Michael Hocke (68), der auch zweiter stellvertretender Bürgermeister von Ottenbach und Vorsitzender der dreiköpfigen CDU-Fraktion im  Gemeinderat ist.

Zur Unterscheidung haben die Häuser Namen, die an Berufe angelehnt sind und die die Älteren noch kennen. So heißt Bruno Webers Haus „Schulze“, sein Großvater Karl war von 1925 bis 1946 Bürgermeister – damals Schultheiß – von Ottenbach.

Im Haus Nummer 9 – dem „Bäck“ – haben sich in der guten Stube einige der 66 Einwohner des Weilers versammelt, um über ihr Dorf zu reden. Da ist der Hausherr Josef Weber, 57 Jahre alt, früher Bäckermeister in Ottenbach, mittlerweile „eingetragener Erfinder“, darauf besteht er. Außerdem Motorradsammler, sein Museum beherbergt mehr als 120 historische Maschinen. Johannes Weber ist 77, war Schlosser und spielt noch immer das Tenorhorn beim Blasorchester Ottenbach. Bernie Hocke (64) war Arzthelferin, sie ist nun in Rente und organisiert mit anderen den Kitzener Brunnenhock. Sie wohnte mit ihrem Mann Michael Hocke (68) in Süßen, doch die Fremde war nichts für die Kitzenerin: 15 Jahre hielt sie es aus, dann kam sie samt Ehemann zurück nach Kitzen: „Ich möchte hier nicht mehr weg.“ Bruno Weber ist 66 und der Nachbar von Josef Weber. Er arbeitete als Banker im fernen Stuttgart.

So weiß er denn auch um die Nachteile von Kitzen: „Es ist abgelegen, schlechtes Internet, schlechtes Handynetz.“ Man bräuchte Zusatzgeräte auf eigene Kosten, um überhaupt ins Netz zu kommen, sagt Josef Weber: „Ich gehe in Kitzen gar nicht mehr ins Internet, das ist mir zu blöd.“ Da muss der Gemeinderat Hocke intervenieren: 2019 werde schnelles Internet auch nach Kitzen kommen. „Gehen wir mal davon aus, dass es so kommt, wie zugesagt.“ Josef Weber hat da so seine Zweifel: „Du kannst dich nicht auf den Hauptort verlassen, man muss hier nach eigenen Lösungen gucken.“ Bruno Weber springt ihm bei: „Ich habe nicht den Eindruck, dass wir in Ottenbach einen hohen Stellenwert haben.“

Noch vor etlichen Jahren hatte Kitzen mehr als 100 Einwohner. Wie hat sich das Dorfleben seitdem verändert? Bruno Weber findet: „Der Wandel ist kolossal, es geht schon mehr in Richtung anonym.“ Früher, da sind sich alle einig, sei man viel gelaufen, habe sich ein bis zwei Mal am Tag an der Molke getroffen, wo die vollen Milchkannen abgegeben wurden, denn jedes Haus hatte mindestens eine Kuh. „Die Molke war das Tagblatt, da hat man keine NWZ gebraucht.“

Johannes Weber erinnert sich: „Wir haben früher manchmal 20 Kinder im Ort gehabt.“ Jetzt sind es nur noch wenige, so etwa Josef Webers Enkel Max. Der ist neun und fragt: „Opi, bin ich der Jüngste?“ „Nein“, sagt der Großvater lachend, „das sind die Zwillinge.“ Jeder weiß, wer gemeint ist. Nur die Kinder, die die elterlichen Anwesen übernehmen, bleiben im Ort, die anderen gehen fort, erzählt Bruno Weber. Was zur Folge hat: „Es gibt keine Fremdübernahmen!“ Das sagt Josef Weber nicht ohne Stolz. Ein Haus wurde einst von Auswärtigen gekauft, ein weiterer Zugezogener hat gebaut. Sonst ist alles in Kitzener Hand. Ein bisschen Multikulti gab’s auch schon in dem Weiler unterhalb von Hohenstaufen und Rechberg: Stolz berichten die Kitzener von einer türkischen Familie, die hier wohnte. Ein in Kitzen geborener Sohn ist nun Schauspieler – er hat unlängst im ARD-Film „Brüder“ mitgespielt.

Es gab auch einen Schuhmacher, sogar eine Wirtschaft, das Weilerstüble. Und 1985 hat die Dorfgemeinschaft einen Brunnen gebaut, das Wasser kommt aus zwölf Metern Tiefe. Drei Männer waren maßgeblich daran beteiligt. Seit 1995 feiern die Kitzener an diesem Platz ihren Brunnenhock, den Bernie Hocke mitorganisiert.

Und Kitzen ist führend bei Innovationen im Tal der Liebe, wie das Tal mit den vielen versprengten Höfen und sanften Hügeln genannt wird. „Der erste Bulldog, das erste Auto und das erste Motorrad im Tal sind in Kitzen gelaufen“, ist sich Josef Weber sicher. „Die erste weibliche Führerscheininhaberin war auch aus Kitzen“, ergänzt Bruno Weber. „Das war meine Tante Pauline.“

Die Dorfbewohner kennen sich, haben sich miteinander arrangiert. „Wir finden untereinander immer eine Lösung“, bekräftigt Josef Weber. „Hier baut ja keiner ein Flachdach oder sowas.“ Und das, obwohl es keinen Bebauungsplan gebe.

Gemeinderat Hocke muss ihn korrigieren: „Doch, eine Abrundungssatzung gibt’s.“ Sepp Weber schaut ihn zweifelnd an. Er setzt auf den Kitzener Weg: „Das ist mir eigentlich auch egal. Es geht darum, dass man nicht immer ein Fass aufmacht, sondern den kleinen Dienstweg geht.“

Maiandacht im Gedenken an die Auswanderer

Grotte In der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren wanderten viele Kitzener und Ottenbacher nach Amerika aus, berichtet Josef Weber. Einige Kitzener hatten eine Grotte, eine kleine Kapelle, gebaut. „Da haben die Leute jeden Abend gebetet, bis sie wussten, dass ihre Verwandten gut angekommen waren.“ Da die Schiffe im Frühjahr aufbrachen, war die Ankunft in New York im Mai. Deshalb gibt es bis heute bei gutem Wetter an jedem Sonntagabend im Mai die Maiandacht an der Kitzener Grotte.

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