Interkulturelle Wochen Tupper-Party für das linke Establishment

Zuschauer, aber auch Akteure waren die Teilnehmer beim „Hausbesuch Europa“.
Zuschauer, aber auch Akteure waren die Teilnehmer beim „Hausbesuch Europa“. © Foto: Axel Raisch
Göppingen / Axel Raisch 09.10.2018

„Hausbesuch Europa“ verzahnt weltweit persönliche Geschichten mit den Mechanismen des politischen Europa. Im Rahmen der Interkulturellen Wochen bringt das Konzept von „Rimini Protokoll Berlin“ auch in Göppingen an mehreren Terminen jeweils 15 unterschiedliche Personen – die sowohl Zuschauer als auch Akteure sind – in Privatwohnungen an einen Tisch.

Es sieht ein bisschen aus, als hätten sich an diesem Samstagnachmittag zwölf Frauen und drei Männer zu einer Runde „Risiko“ oder „Diplomacy“, den beiden Strategiebrettspielen, unter Picassos „Guernica“ in der Göppinger Nordstadt versammelt. Auf dem Tisch liegt eine riesige Karte von Europa. Doch schnell wird klar, dass der Spieleabend mit kulturellem Anspruch auch „Therapy“ ähneln könnte.

Denn auf den Tisch kommen bei der raffinierten Inszenierung des Berliner Rimini-Trios viele Fragen nach persönlichen Einstellungen, Einschätzungen und Engagements. Bei den Erkundungstouren zu Demonstrations­erfahrungen, Aktivitäten in Nicht-Regierungsorganisationen, nationalem Identitätsempfinden und der Haltung gegenüber ­Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele, geht es an die weltanschaulichen Eingeweide. „Der Hausbesuch Europa“ scheint die kulturelle Tupper-Party des linken Establishments zu sein.

Auf dem Tisch steht derweil eine kleine Metallspitze. Sie wirkt anfangs wie ein für die sich kosmopolitisch präsentierende Runde um ein Symbol schnöden Patriotismuses beraubter Tischflaggenhalter. Auf ihr werden die erledigten Aufträge aufgespießt, nachdem sie von einem kleinen Zufallsgenerator ausgespuckt wurden, den Spielleiter Thomas Faupel als „Herzschrittmacher“ bezeichnet.

Am Ende der Spielinszenierung mit fünf Leveln stehen Punktevergaben und Verteilungskämpfe. „Wie bei der EU, ist das nicht herrlich“, lächelt eine Teilnehmerin sarkastisch als nicht ganz klar ist, wie ein am Tisch unter Zeitdruck geschlossenes Abkommen funktionieren soll. Es geht ganz wörtlich um das größte Stück vom Kuchen. Oder nicht. Denn die letzte Frage ist die nach der Enteignung der Führenden. So bekommen alle anderen gleich viel Schokogebäck.

Eingebettet ist jeder Termin in den standardisierten und genau durchgetakteten Ablaufplan der Riminis, zu denen auch der aus Göppingen stammende Daniel Wetzel gehört. Sein Bruder Valentin Wetzel hatte die Hausbesuche hierher geholt und organisiert: „Es ist so gut vorbereitet, dass es auch in Göppingen möglich ist.“ Dafür nötig waren Gastgeber mit großem Wohnzimmer, wie an diesem Nachmittag Altan Demircan und Annette Vetter, denen die Unterstützung der Kultur vor Ort ein Anliegen ist.

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