Göppingen / Dirk Hülser  Uhr

Wird vom Kreistag und der Landkreisverwaltung mit zweierlei Maß gemessen? Diesen Verdacht hat eine NWZ-Leserin aus Eislingen. Grund ist eine Entscheidung des Kreistags, bei der Sanierung des Landratsamts eine Kühlung für die Mitarbeiter einzubauen. Im Neubau der Klinik wird auf eine Klimaanlage verzichtet. Am 24. Mai gaben die Kreisräte grünes Licht für Mehrkosten bei der Sanierung des bestehenden Altbaus des Landratsamts. Statt 12 sind nun 12,5 Millionen Euro eingeplant – wegen einer ursprünglich nicht vorgesehenen Klimatisierung der Büros.

Die Kühlung des Landratsamts sei zwar „nicht zwingend erforderlich“, hieß es in der Vorlage der Verwaltung, werde aber „dringend“ empfohlen. „Außerdem gingen in den vergangenen Jahren, insbesondere im Sommer 2018, zahlreiche Klagen von Mitarbeitern über hohe Zimmertemperaturen über 30 Grad ein. Angesichts des Klimawandels wird das Thema Kühlung zukünftig wohl noch erheblich an Bedeutung gewinnen.“ Als es um die Planung des Klinik-Neubaus ging, wurde anders argumentiert.

Klimatisierung nicht wirtschaftlich

Im Mai 2015 etwa erklärte der Kaufmännische Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken (AFK), Wolfgang Schmid, den Göppinger Stadträten, dass eine Klimatisierung nicht wirtschaftlich sei, kühle Frischluft in die Zimmer geleitet werde und – im Gegensatz zum klimatisierten Altbau – die Fenster zu öffnen seien. Die Meinungen im Gemeinderat gingen darüber auseinander. Während Eva Epple (Grüne) es seinerzeit „fantastisch“ fand, dass die Fenster geöffnet werden können, fragten sich Wolfgang Berge (FWG) und Armin Roos (SPD), ob ein Verzicht auf eine Vollklimatisierung für die Kranken bei 35 Grad Außentemperatur praktikabel sei.

Auch die Eislinger NWZ-Leserin hat Fragen: Wie werde es Patienten im 5. Stockwerk oder höher ergehen, wo keine Bäume die Fenster beschatten? Und welcher Patient im Zimmer entscheidet, ob das Fenster geöffnet oder geschlossen wird? Sie wundert sich: „Wenn das modernen Ansprüchen genügen soll – bei Tagessätzen von 500 Euro und mehr auf der Intensivstation.“

Fenster können geöffnet werden

In einer schriftlichen Stellungnahme äußerten sich am Freitag AFK und Landratsamt: „Im Neubau der Klinik an Eichert ist mit Ausnahme einiger spezieller Bereiche wie OP und Intensivstationen keine Vollklimatisierung vorgesehen.“ Die übrigen Patientenzimmer seien so dimensioniert, dass im Winter und im Sommer ein angenehmer Komfort gegeben sei.

So würden die Fassaden „hochwärmegedämmt“, was den Wäremeeintrag im Sommer verringere – dazu trage auch „außenanliegender Sonnenschutz“ bei. Massive, unverkleidete Betonwände und -decken würden zudem Wärme speichern. Über Leitungen in den Betondecken werde mittels einer „Betonkernaktivierung“ eine Grundkühlung erreicht. Zudem werde vorgekühlte und getrocknete Raumluft  zugeführt, wodurch Schwüle gemindert werde. Schließlich könnten auch die Fenster geöffnet werden.

Guter Komfort trotz Klimawandel

Die Pressesprecherin des Landratsamts, Julia Schmalenberger, resümiert: „Mit diesen Maßnahmen wird erreicht, dass auch im Sommer bei hohen Außentemperaturen ein guter Komfort gewährleistet wird. Dies ist auch bei steigenden Temperaturen in Folge des Klimawandels weiterhin möglich.“

Die sogenannte Betonkernaktivierung gebe es auch im Neubau des Landratsamts, schreibt Schmalenberger. Im Bestandsbau sei dies aber nicht möglich. Deshalb sollen dort „Heiz-Kühl-Decken“ eingebaut werden, durch die Wasser gepumpt wird. Im Sommer könne so „in begrenztem Maße etwas gekühlt werden“.