Kreis Göppingen / ULRIKE LUTHMER-LECHNER  Uhr

Wie viele stotternde Menschen vermeidet Andrea Götz Wörter oder Situationen, bei denen sie fürchtet, stottern zu müssen. Im Moment des Stotterns wissen Stotternde genau, was sie sagen möchten, sind aber nicht in der Lage, es störungsfrei herauszubringen. Sie verlieren die Kontrolle über den Sprechapparat. Wenn das Sprechen stolpert, äußert sich dies in einer Unterbrechung des Redeflusses in Form von hörbaren oder stummen Blockaden, Wiederholungen von Wortteilen („k-k-k-k-kalt“) oder Dehnungen („wwwwarm“).

Stottern ist häufig mit übermäßiger Anstrengung beim Sprechen verbunden. Dies wird in auffälligen Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur oder in zusätzlichen Bewegungen von Kopf, Arm oder Oberkörper sichtbar. „Umso heftiger ich stottere, umso schlimmer wird die Motorik“, erklärt Andrea Götz.

Warum stottern manche Menschen? Stottern entsteht aus dem Zusammenspiel dreier Einflussbereiche: Veranlagung, Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen, die dafür sorgen, dass das Stottern bestehen bleibt. „Bei mir löste das Ansehen eines schweren Autounfalles das Stottern aus, ich war damals drei Jahre alt“, berichtet Andrea Götz. In der Folgezeit konnte sie keine vollständigen Sätze mehr wiedergeben. „Meine Mutter fuhr mich ab meinem fünften Lebensjahr regelmäßig zur Logopädin“. Es wurde zwar besser, aber das Stottern verlor sich nicht.

Sprachschule machte Mut

Ein Besuch der Sprachschule in Göppingen schloss sich für die nächsten sechs Jahre an. „Das gab mir Selbstvertrauen und den Mut, überhaupt außerhalb des Hauses zu reden“. Denn die Hänseleien, die Andrea Götz als Kind und junge Frau ertragen musste, taten weh. „Beim Einkaufen einen Hänger zu haben, ist nicht so einfach.“

Heute kann die gelernte Hauswirtschafterin über ihr Handicap reden, sie hat Selbstbewusstsein gelernt. „Ich hocke wegen meinem Stottern nicht hinterm Ofen“, lacht die agile 47-Jährige und gibt gerne auch Stotterer-Witze zum Besten.

Die Schattenseiten: Sie konnte keinen Führerschein erwerben und beruflich standen auch längst nicht alle Türen offen. Über eine TV-Talkshow mit Alfred Biolek wurde Andrea Götz auf die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe in Köln aufmerksam. „In der Sendung war ein Stotterer, der unbedingt Arzt, und zwar Kinderarzt, werden wollte“, erinnert sich Andrea Götz. „Aber weil das wegen seiner Behinderung nicht möglich war, wurde er Pathologe“. 1995 gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Stotterer in Göppingen. „Aber ich habe mich zurückgezogen“.

Seit 1999 fährt sie jedes Jahr zum viertägigen Kongress der Bundesvereinigung. „Er findet immer in einem anderen Bundesland statt und ich schöpfe Kraft aus den Begegnungen“. Einige Jahre war sie in der Bundesvereinigung aktiv tätig als Beiratssprecherin. „Ich hadere zwar schon manchmal mit meinem Schicksal, aber einmal im Jahr bin ich glücklich, wenn ich zum Kongress kann“. Es sei ein Schutz- und Schonraum für die Stotterer.

In der Bad Boller Kirche hielt sie vier Jahre lang Kindergottesdienste ab. „Jeder Mensch ist anders, das wollte ich den Kindern beibringen“. Sie ist ganztägig berufstätig, aber in der Freizeit ständig auf Achse. Sie leitet eine Tanzgruppe mit Stotterern, setzt ihre Arbeitskraft beim örtlichen Straßenfest ein und reist als treuer Frisch-Auf-Fan zu allen Spielen mit. „Ich bin im Fanclub und dort voll akzeptiert“, freut sie sich.

Wie sollten Zuhörer auf Stotterer reagieren? „Verständnis zeigen und Blickkontakt halten“, erklärt Andrea Götz. Stotternde Personen immer ausreden lassen und keine Wörter ergänzen. Das wirkt demütigend. Verkneifen sollte man sich gutes Zureden wie „nur ruhig“ oder „sprich langsam“. Das hilft nicht. Geduld ist gefragt, denn gelassenes Zuhören entspannt die Situation.

Info Mehr über die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe in Köln steht im Internet unter www.bvss.de.