Marquardt Tribunal unterm Adelberger Rathausdach

Die Beschaulichkeit täuscht: Im Rathaus in Adelberg gehts ordentlich zur Sache. Immer wieder muss sich Bürgermeisterin Carmen Marquardt gegen neue Vorwürfe aus der Mitte des Gemeinderats wehren - das kostet Zeit und Nerven. Am Donnerstag wurde außerdem über die schwierige finanzielle Situation der Gemeinde beraten.
Die Beschaulichkeit täuscht: Im Rathaus in Adelberg gehts ordentlich zur Sache. Immer wieder muss sich Bürgermeisterin Carmen Marquardt gegen neue Vorwürfe aus der Mitte des Gemeinderats wehren - das kostet Zeit und Nerven. Am Donnerstag wurde außerdem über die schwierige finanzielle Situation der Gemeinde beraten. © Foto: Giacinto Carlucci
HELGE THIELE 22.03.2014
Die Mehrheit des Adelberger Gemeinderats macht weiter Front gegen Bürgermeisterin Carmen Marquardt und die Verwaltung. Allerdings konnten auch am Donnerstag alle Vorwürfe entkräftet werden.

Die Stimmung unterm Dach des Adelberger Rathauses ist nicht gut an diesem Donnerstagabend. Kein Wunder: Der Gemeinderat tagt. Und das heißt seit Wochen, Monaten und Jahren: Feuer frei gegen Bürgermeisterin Carmen Marquardt - und neuerdings auch gegen die Verwaltung. "Das ist ja wie bei einer Gerichtsverhandlung", flüstert eine Zuhörerin erschrocken. Ein anderer Bürger meint: "Da wird offenbar vor jeder Sitzung ein Bluthund bestimmt, der für den Angriff auf Frau Marquardt zuständig ist."

Die Bürgermeisterin, die bei der Wahl vor vier Jahren Amtsinhaber Wolf-Dieter Hermann mit 60,7 Prozent der Stimmen triumphal besiegt hatte, hat seit ihrem Amtsantritt nicht alles richtig gemacht. Aber die 43-Jährige macht viel. Vor allem versucht sie, die finanziell schwer angeschlagene Schurwaldgemeinde wieder fit zu machen für die Zukunft.

Gleich mehrere Gemeinderäte versuchten aber auch diesen Donnerstag, Marquardt alt aussehen zu lassen. Gelungen ist ihnen das nicht. Wieder nicht. Gemeinsam mit der Kämmerin Beate Schleifer konnte die Bürgermeisterin alle Fragen beantworten, die Vorwürfe entkräften. Sie tat es ruhig und sachlich. Egal, ob es um die angeblich von ihr verweigerte Herausgabe eines "Gutachtens" ging, das sich als Protokollentwurf entpuppte, den der Fachautor selbst zurückgezogen hatte. Oder ob es darum ging, einen Gemeinderat zu korrigieren, der behauptet hatte, die Bürgermeisterin habe ohne Wissen des Gremiums mehrere Makler beauftragt. "Ich habe mit mehreren Maklern gesprochen, sie aber nicht beauftragt", sagte Marquardt. Das ist ein großer Unterschied. "Ich mache meine Arbeit", meinte sie.

Nur einmal drohte die 43-Jährige ein wenig die Fassung zu verlieren. Vorausgegangen war die skurrilste Szene des Abends. Die Vorgeschichte: Bei der Hauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr am 6. März soll der stellvertretende Kommandant Martin Hees den Vorwurf gegen Marquardt erhoben haben, die Bürgermeisterin versuche ihn aus dem Amt zu drängen. Außerdem soll er seine Ehrennadel zurückgegeben haben. Am Donnerstag wollte Marquardt den ihr unbekannten Hintergrund des Vorgangs aufklären - und aus der Welt schaffen. Ein schwieriges Unterfangen: Erst weigerte sich der stellvertretende Bürgermeister, Gemeinderat Robert Tischer, Marquardt über die Äußerungen von Hees zu informieren. Dann hatte der im Sitzungssaal anwesende Vize-Kommandant seinen eigenen Auftritt. Als Marquardt ihn freundlich bat, doch kurz am Ratstisch Platz zu nehmen, damit er alle ins Bild setzen könne, wollte Hees nicht. "Ich bin als Zuhörer hier, in Zivil", meinte er lapidar. Aussprache Fehlanzeige. Wenig später war Hees verschwunden.

Auch die Pfeile von Dietmar Stumpp verfehlten ihr Ziel. Der Nachrücker, der in kommunal- und planungsrechtlichen Fragen an diesem Abend nicht sehr sattelfest wirkte, wollte den "Auftrag" sehen, den die Verwaltungschefin dem Bad Boller Planungsbüro "Mquadrat" erteilt hatte, um eine Randbebauung des Campingplatzes zu prüfen. Allein: Der vom Gemeinderat erwünschte Prüfauftrag war mündlich erteilt worden. Die Räte hatten keinen formalen Beschluss gefasst.

So ging es am Donnerstagabend immer weiter im schönen Adelberg. Wie ein kleines Wunder wirkte da, dass es in dreieinhalb Stunden immerhin gelang, den Aufstellungsbeschluss für die Erweiterung des Baugebiets "Ziegelwasen" auf den Weg zu bringen und sich noch mit dem Haushaltsplanentwurf zu beschäftigen. Auch das war keine leichte Kost - schließlich fehlen in der Adelberger Kasse dieses Jahr 775.000 Euro. Die Verwaltung will trotz der Not keinen Immobilien-Ausverkauf im Ort. Mehrmals fragte Marquardt deshalb die Vertreter des "Adelberger Modells" am Ratstisch, wie weit denn das bürgerschaftliche Projekt zum geplanten Erwerb des Campingplatzes vorangeschritten sei. Wie sich herausstellte: nicht allzu weit. Marquardt will daher weiter versuchen, trotz der Rückschläge Investoren für das brachliegende Freizeitgelände (Campingplatz und Montemaris) zu begeistern. Oberstes Ziel: raus aus den roten Zahlen.

Am 25. Mai wird in Adelberg ein neuer Gemeinderat gewählt. Im Ort wehrt man sich gegen die Darstellung, das Dorf sei "zerstritten". Das Hauptproblem sei der aktuelle Gemeinderat - oder zumindest Teile davon, ist in Gesprächen zu hören. Geredet wird gern hinter vorgehaltener Hand. Man kennt sich im Ort. Die Situation wirkt unübersichtlich. So wird kolportiert, dass Marquardts Amtsvorgänger Hermann die Gegner der Bürgermeisterin immer noch - oder wieder - berät. Vielleicht ist es aber auch nur eines der vielen Gerüchte und Unterstellungen, die im Dorf die Runde machen. Eines steht dagegen fest: Zur Wahl stellt sich Ende Mai auch eine neue Liste, deren Kandidaten sich das Motto "Gemeinsam für Adelberg" auf die Fahnen geschrieben haben. Für den Neuanfang, nach dem sich inzwischen viele Bürger sehnen.