Schlachtabfälle Wohin tote Tiere gebracht werden

Süßen / Kristina Betz 12.10.2018
Wer in der Sammelanlage in Süßen arbeitet, darf nicht zimperlich sein: Dort werden Schlachtabfälle und Tierkörper gesammelt.

Der Geruch sei beim ersten Mal ein Schock gewesen. Das sagt Axel Schrag über seine erste Ladestelle. Die Tür der Lammschlachterei ging auf und sechs riesige Wannen mit Schlachtabfällen standen da zur Abholung. Der Geruch, der ihm entgegenschlug, sei so schlimm gewesen, dass er am Abend zu seiner Frau sagte: „Ich weiß nicht, ob ich diesen Job machen kann.“

 Doch er konnte. Seit zwölf  Jahren ist Axel Schrag Fahrer in der Sammelstelle in Süßen. Seit dem ersten September leitet der 57-Jährige den Betrieb.

Die Sammelstelle sammelt Schlachtabfälle und Tierkadaver ein. Bei Landwirten, Großbetrieben, Schlachtereien, Metzgereien, Jägern oder auch von Privatleuten. Das betreute Gebiet erstreckt sich von Esslingen bis nach Ulm oder Heidenheim. Im Container der Halle liegen tote Pferde, Schafe, Rinder, Katzen.

„Kein schöner Anblick“

Ein Fahrer drückt Axel Schrag eine blaue Mülltüte in die Hand. Ein überfahrener Fuchs. Schrag wirft ihn zu den anderen Tierkörpern. Man werde pragmatischer im Umgang mit toten Tieren, sagt Schrag. „Natürlich sind das oft Bezugstiere, wir haben aber täglich damit zu tun.“ Dennoch gelte es oft Einfühlungsvermögen zu zeigen. Zum Beispiel wenn der Familienhund gestorben ist oder das 15 Jahre alte Pferd. „Das ist kein schöner Anblick für den Besitzer“, weiß Schrag, „da kommt die Zange und schmeißt das geliebte Pferd in den Container – ich kann verstehen, dass das nicht leicht ist.“ Für Schrag und sein Team gilt es, täglich einen Mittelweg zu finden. Zwischen Pragmatismus und Empathie und auch zwischen Verpflichtung und Wirtschaftlichkeit.

Denn bei der Sammelanlage handelt es sich um einen staatlichen Betrieb, der zwar nicht gewinnorientiert, aber dennoch wirtschaftlich agieren muss. 13 Fahrer gilt es zu koordinieren. An manchen Tagen sind es 150 Abholungen, an anderen 70. Im Sommer sind es mehr als im Winter. „Die extreme Hitze ist extrem belastbar für die Tiere. Da haben wir schon mal zehn Rinder oder vier Pferde am Tag“, erklärt Schrag. Innerhalb von 72 Stunden muss der Betrieb die verstorbenen Tiere abholen.

„Wir sind sehr verschwenderisch“

Man lerne einen anderen Umgang mit Lebensmitteln und mit Fleisch, wenn man in der Sammelstelle arbeitet. Viele im Betrieb hätten ihre Einstellung verändert. Der Betriebsleiter berichtet von Schweinen, die wegen eines kleinen Abszesses am Bein, geschlachtet und weggeworfen werden. „Wir sind schon sehr verschwenderisch“, sagt Schrag kritisch. Sein Stellvertreter bekräftigt: „Ich zahle mittlerweile auch gerne etwas mehr für Fleisch aus guter Haltung.“

Die Fahrer verdienen hier mehr als in einem normalen Speditionsbetrieb. Außerdem habe man geregeltere Arbeitszeiten, betont Harald Beller. Er ist seit acht Jahren Fahrer im Betrieb in Süßen. Als Landwirt und Jäger mache ihm der Umgang mit Schlachtabfällen und Tierkadavern nichts aus. Gemeinsam mit Axel Schrag bereitet er den großen Container, in dem sich die Tierkadaver türmen, für das Verladen vor. Er fährt heute noch zwei Mal nach Warthausen bei Biberach, wo die Abfälle weiterverarbeitet werden.

Jeden Tag werden vier Container mit je 40 bis 50 Tonnen nach Warthausen gebracht. „Dort ist eine riesige Mulde in der alles gesammelt wird. Ein großer Brecher, eine Zerkleinerungsmaschine, schlägt das Material dann zusammen“, beschreibt Schrag die Verarbeitung. „Es entstehen kleine Stücke, die gekocht werden. So tritt Fett aus, dass verkauft wird und zum Beispiel in Kraftstoff, wie E10, verarbeitet wird.“

Täglich frische Arbeitskleidung

Außerdem wird aus den Abfällen Tiermehl, das zum Beispiel zum Düngen auf Äckern verwendet wird. K1-Tiermehl hingegen darf weder als Dünger noch für Kraftstoff verwendet werden. „K1 wird aus Rindern und Schafen gewonnen, die besonders BSE anfällig sind“, erklärt Schrag. „K1-Tiermehl wird zum Beispiel im Zementwerk in das bestehende Feuer geworfen, im Grunde wird das dort nur entsorgt.“ Für die Entsorgung muss der Betrieb zahlen. In die Sammelstelle bringen immer wieder auch Privatpersonen ihre verstorbenen Haustiere. Wenn Schrag ihnen dann erklärt, was mit ihren Hunden oder Katzen geschieht, entscheidet sich so mancher Besitzer doch dafür, das Tier wieder mitzunehmen. Die Gebührensätze für die Entsorgung oder Abholung muss der Betrieb dabei jedes Jahr neu ausrechnen. „Wir müssen immer einen Weg zwischen dem wirtschaftlichen Rechnen und unserer gesellschaftlichen Verpflichtung finden“, bringt es der Betriebsleiter auf den Punkt. 

Der Geruch macht Axel Schrag nichts mehr aus. Auch die anderen Mitarbeiter bestätigen: Man gewöhnt sich an den Geruch nach Blut und Verwesung. Die Arbeitskleidung wird täglich gewechselt. Nicht nur wegen der strengen Hygienebestimmungen im Betrieb, sondern auch, weil sich der beißende Geruch in der Kleidung festsetzt. „Wenn man sich abends auszieht, riecht alles danach“, sagt Axel Schrag und zupft an seinem blauen Polo-Shirt, als wolle er es loswerden. Am Abend wird die Kleidung in eine Tonne gepackt und von einer Reinigungsfirma abgeholt. Am nächsten Arbeitstag schlüpfen die Angestellten in die frisch gewaschene, angelieferte Kleidung. Ungeduscht oder in Arbeitsklamotten verlässt keiner das Betriebsgelände.

Luft wird mit Kokosfasern gefiltert

Damit der Geruch die Sammelhalle nicht verlässt, gibt es ein riesiges Gebläse, das die Luft durch ein Beet aus Kokosfasern pustet. Durch den biologischen Prozess, der in den Fasern stattfindet, wird die Luft gefiltert. „Hier sind Spielplätze und ein Tennisplatz in der Nähe – das will man den Leuten nicht antun“, sagt Schrag, während er über die braunen Kokosfasern streicht.

Er erzählt von früher, als im Süßener Betrieb nicht nur gesammelt, sondern auch verarbeitet wurde: „Vor 30 Jahren wurden hier noch Rinder abgezogen“, erinnert sich Schrag. Dass der Betrieb heute verstaatlicht ist, sei gut so, findet der Betriebsleiter. In Bayern beispielsweise ist das anders: Die Sammel- und Verarbeitungsbetriebe sind privatisiert. „Abfall ist Geld“, macht Rolf Schmid klar. Ein verstaatlichter Betrieb sei sich der Verantwortung bewusster.

Das könnte dich auch interessieren:

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel