Der Abverkauf läuft schon. Mit kurzer Vorwarnzeit schließt Edeka den Treff 3000 in Bad Boll, der vor dreieinhalb Jahren eingezogen ist – damals nach einer Hängepartie. Es bedurfte eines „Pfingstwunders“, dass man einen neuen Betreiber für den Supermarkt in der Ortsmitte gefunden hat, nachdem der unmittelbare Nachfolger des legendären „Henninger“ auch schon aufgegeben hatte. Im Dezember 2015 ging’s weiter mit dem Treff 3000, und alle dachten, der bleibt für mindestens sechs Jahre. Noch Anfang diesen Jahres hatte Bürgermeister Hans-Rudi Bührle eine beruhigende Nachricht: Bei den Märkten von Treff 3000 werde sich zwar einiges ändern. Aber die Bad Boller Filiale sei nicht betroffen.

Letzter Verkaufstag in Bad Boll ist voraussichtlich der 6. Juli

Jetzt kommt es anders. Die Discounter-Marke beziehungsweise Vertriebsschiene Treff 3000 werde  nicht weitergeführt, teilt Edeka-Sprecher Florian Heitzmann auf Anfrage mit. Die Hälfte der Märkte sei schon im letzten Sommer an die Edeka-Tochter Netto abgegeben worden. Rund 40 Märkte würden umgebaut und mit einem neuen Konzept wiedereröffnet. Aber es gebe  auch Märkte, „die sich zum Beispiel in Bezug auf die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen für keine dieser Möglichkeiten eignen“, so der Sprecher des Edeka-Konzern in Offenburg. Dazu gehöre Bad Boll. Deren letzter Verkaufstag sei voraussichtlich der 6. Juli. „Bedauerlich“ nennt das Bürgermeister Bührle. „Eine sehr unerfreulich Nachricht für die Entwicklung der Ortsmitte.“

Munderkingen

Ob es ein schlechtes Omen war, dass die Öffnungszeiten des Bad Boller Supermarkts seit 11. Juni gekürzt wurden? Anfang  vergangener Woche kam der dramatische Paukenschlag, den wohl keiner erwartet hatte. „Das hätte ich nicht gedacht, dass die schließen“, sagt eine Bad Bollerin, die von der Badstraße immer zu Fuß oder mit dem Fahrrad in ihren Supermarkt gekommen ist, um dort die Lebensmittel für den laufenden Bedarf zu holen. Sie denkt auch nicht, dass der Laden so schlecht gelaufen ist. Da sei immer jemand drin gewesen. Aber die Großeinkäufe hätten die Leute hier weniger getätigt.  „Sehr schade“, sagt sie zu der Schließung, und weiß: „Das sagen alle.“  Sie selber habe ja ein Auto, aber was machten die, die zu Fuß einkaufen müssten? Die Leute von der Seniorenwohnanlage? Bis zum Supermarkt in Sehningen sei es zu weit. „Super“ sei es hier gewesen mit Obst und Gemüse, mit den Tiefkühlsachen, mit Joghurt, Butter, Käse. Gewundert hat sich diese Kundin aber, warum der Markt soviel Getränke hatte. Für den Getränkeeinkauf brauche man ein Auto, und die Parkplätze seien ein Manko. Es gebe nur wenige ums Haus herum, und die im Winkel, die zum Laden gehören, „nehmen die Leute nicht an“. Dazu muss man die Straße runter und ums Eck, gegebenenfalls mit Einkaufswagen.

Kundin: Service sei immer gut gewesen

Dass es mit Auto geht, sagt eine Kundin, die sogar aus Bezgenriet kommt und dem Markt all die Jahre die Treue gehalten hat. Weil sie hier „in Ruhe“ einkaufen konnte. Das war ihr wichtig. Mit den Parkplätzen ist sie klar gekommen. Zuletzt sei immer einer am Haus frei gewesen. Der Service sei hier prima gewesen, das war auch ein Pluspunkt für sie, da habe man Sachen bestellen können. Es sei genauso gewesen wie früher beim „Henninger“, als der Markt ein Familienbetrieb war und zum Dorf gehörte wie die Kirche. Schockierend findet die Frau aus Bezgenriet, wie es jetzt kommt. „Es tut mir leid für die Frauen, die so kurzfristig einfach keinen Arbeitsplatz mehr haben.“

„Die Betroffenheit ist groß“, sagt auch eine Bad Bollerin, die immer mit dem Fahrrad zum Einkaufen kam. Sie weiß einige Gründe, warum der Laden nicht so angekommen sei. Mehr frisches Obst und Gemüse, mehr Bio-Ware und  Fairtrade-Artikel hätte sie für richtig gehalten.  Schließlich sei Bad Boll eine Fairtrade-Gemeinde. Und warum führe der Supermarkt Getränke, wenn es doch Getränkemärkte am Ort gebe.

Eine andere Erklärung hat ein Kunde, der in der Nachbarschaft wohnt und vom Fach ist – er arbeitet selbst bei Edeka. Die Bevölkerung habe den Laden schlicht nicht angenommen. Die Kunden wollten mit dem Auto bis vor die Tür des Supermarkts fahren und dann einladen. Das Nachsehen hätten jetzt die Älteren, die auf einen Markt im Dorf angewiesen seien. Er wüsste etwas ­an­deres: Einen Hofladen könne man daraus machen, „der würde laufen“, ist er überzeugt. Wenn man Ware von Bauernhöfen ­hätte, da gebe es so viele Belieferer, das wäre gefragt. Der Laden halb so groß, den könnte man mit zwei Leuten führen. Da spielten auch die Parkplätze keine Rolle, meint der Kunde.

Bürgermeister Bührle ist mit einer Anregung auf den Eigentümer der Räume zugegangen: Ob man den Bäcker halten könne, den es auch gibt und der seinerzeit beim letzten Besitzerwechsel ausgeharrt hat, und dazu noch eine minimale Grundversorgung bieten könne? Das ist nun eine Überlegung, sagt der Bad Boller Schultes.