Kreis Göppingen Tipps fürs richtige Verhalten auf den Straßen

Kreis Göppingen / Kathrin Bulling 05.04.2018
Wie war das nochmal mit Rettungsgasse und Reißverschlussverfahren? Der Geislinger Polizeichef Jens Rügner klärt auf.

Am Dienstag hat ein Lkw-Fahrer ­einen kilometerlangen Stau auf der B 10 ausgelöst, weil sein Tank leer war. Droht ihm jetzt eine Strafe?

Es erwartet ihn ein Bußgeld, ja. Nach Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung muss jedes Fahrzeug vorschriftsmäßig geführt werden, und darunter fällt eben auch die Pflicht, dafür zu sorgen, dass das Fahrzeug jederzeit fahrbereit ist und nicht zu einem Hindernis oder einer Gefahr auf der Straße wird.

Von welcher Größenordnung ­sprechen wir da?

Das Bußgeld liegt bei mindestens 25 Euro. Kommen noch andere Umstände hinzu, kann der Betrag auf bis zu 60 Euro und einen Punkt im Strafregister steigen – beispielsweise, wenn das Fahrzeug nicht richtig mit Warndreieck und Blinklicht abgesichert ist und dadurch andere Verkehrsteilnehmer behindert oder sogar gefährdet werden, etwa, weil das Pannenfahrzeug hinter einer ­Kurve steht. Wenn es zu einem Unfall kommt und jemand verletzt wird, kann der Verursacher sogar wegen fahrlässiger Körperverletzung belangt werden.

Kommt so etwas oft vor?

Aus meiner Erfahrung heraus passiert das heutzutage nur noch ­selten – Autos und auch Lkw warnen ja inzwischen vor einem leeren Tank, viele Modelle zeigen auch an, wie viele Kilometer man noch fahren kann. Technische ­Defekte kommen öfter vor.

Was mache ich, wenn ich während der Fahrt Ladung verliere?

Eine solche Gefahrenstelle ist wie eine Unfallstelle zu behandeln. Das heißt, wer Ladung verloren hat, ist dazu verpflichtet, andere Verkehrsteilnehmer zu warnen und den Bereich mit einem Warndreieck und der Warnblinkanlage abzusichern; Lkw haben in der Regel außerdem ein Blinklicht dabei. Danach muss man unverzüglich die Polizei über die Notrufnummer 110 alarmieren.

Ist es ratsam, die Ladung selbst einzusammeln?

Das hängt sehr von den Umständen ab. Auf einer Schnellstraße sollte man das tunlichst unterlassen, denn die Geschwindigkeit heranfahrender Autos wird von den meisten Menschen enorm unterschätzt. Gefährlich ist es auch im Kurvenbereich – da sollte man professionelle Hilfe bei der Polizei anfordern. Das gilt auch für schwere oder unhandliche Ladung, die man alleine nicht bewegen kann. Wenn ich die Ladung aber gefahrlos beseitigen kann, sollte ich es tun, aber erst dann, wenn die Gefahrenstelle abgesichert ist. Das oberste Ziel ist immer, niemanden zu gefährden – weder andere noch mich selbst.

Was ist das Skurrilste, was Sie in diesem Zusammenhang erlebt ­haben?

Als ich im Lagezentrum des Innenministeriums gearbeitet habe, haben wir einmal im Jahr die außergewöhnlichsten Fälle veröffentlicht – da war jedes Mal zuverlässig das Dixi-Klo auf der Fahrbahn dabei. Man muss sich halt bewusst machen, wie stark die Fliehkräfte sind, die während der Fahrt wirken; wenn da etwas nicht gut gesichert ist, fliegt das schnell von der Ladefläche ­runter.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich auf verlorene Ladung zufahre?

Wenn ich gefahrlos rechtzeitig bremsen oder ausweichen kann, sollte ich anhalten, unverzüglich die Polizei alarmieren und – wenn es ungefährlich ist – die Gefahrenstelle absichern und damit ­andere Verkehrsteilnehmer warnen.

Wenn es mir nicht mehr möglich ist, auszuweichen und die auf der Straße liegenden Teile nicht zu groß sind, sollte ich es in Kauf nehmen, dass mein Auto beschädigt wird und drüberfahren. Das ist in der Regel ungefährlicher, als beispielsweise auf der Schnellstraße mit Tempo 130 ruckartig das Lenkrad einzuschlagen – da besteht die Gefahr sich zu überschlagen oder andere Fahrzeuge zu touchieren. Etwaige Schäden sollte man auf jeden Fall der Versicherung und der Polizei melden, die versuchen wird, den Verursacher zu ermitteln.

Ein großes Thema ist immer wieder das Problem für Rettungskräfte, durch den Stau zu Unfällen zu gelangen, weil die Rettungsgasse nicht funktioniert.

Dabei ist die ganz einfach. Die Rettungsgasse funktioniert ­immer gleich, egal, wie viele Fahrspuren es sind: Die ­Fahrer auf der ganz linken Spur fahren nach links, die Fahrer auf allen anderen Spuren fahren nach rechts. Dass es oft keine Rettungsgasse gibt, liegt, so glaube ich, an einer Mischung aus Unkenntnis, ­Unaufmerksamkeit und – leider – zunehmend Ignoranz und Egoismus. Wenn jemand die Rettungsgasse missbraucht, weil er keine Lust hat, im Stau zu stehen, dann ist das eine Verhaltensweise, die überhaupt nicht akzeptabel ist.

Dass dieses Problem zunimmt, ist einem gesamtgesellschaftlichen Prozess geschuldet: Wir stellen bei der Polizei fest, dass zunehmend Menschen mit Ignoranz und Egoismus unterwegs sind – und dieses Verhalten legen sie dann natürlich auch im Straßenverkehr an den Tag. Mit der ­Kampagne „Rettungsgasse rettet Leben“ versucht das baden-württembergische Innenministerium seit Februar, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Die Polizei führt flankierend Überwachungsmaßnahmen durch: Beispielsweise werden bei der Fahrt von Rettungskräften durch die Rettungsgasse Verkehrsteilnehmer, die diese behindern, mit sogenannten Videofahrzeugen gefilmt und angezeigt.

In diesem Zusammenhang sei gesagt: Auf dem Standstreifen darf man grundsätzlich nicht fahren. Es gibt allerdings Ausnahmen, beispielsweise, wenn die Polizei vor Ort den Verkehr darüber ausleitet oder Wechselverkehrszeichen auf Autobahnen dies ausdrücklich erlauben. Man darf auf den Standstreifen ausweichen, um die Rettungsgasse zu bilden, aber grundsätzlich ist er nicht für den fließenden Verkehr, sondern für Pannenfahrzeuge gedacht.

Was oft auch nicht funktioniert, ist das Reißverschlussverfahren etwa im Baustellenbereich.

Auch das ist eigentlich eine ganz simple Vorgehensweise, die unter Paragraf 7 der Straßenverkehrsordnung geregelt ist: Man fährt vor bis zum Hindernis und ordnet sich dann auf der Spur nebendran ein. Wenn das System von allen Verkehrsteilnehmern richtig angewendet wird, ist das die beste Methode, um Staus zu verhindern. Das heißt aber, dass die Fahrer auf der anderen Spur die Fahrzeuge auch reinlassen müssen. Da geht es um gegenseitige Rücksichtnahme.