Im Jahr 1957 entdeckt Gerhart Kraner, dass er Künstler werden will. Kein Problem? Eben doch. Kraner ist erst 15 Jahre alt und lebt in der DDR. Weil das Regime ihm seinen Wunsch verwehrt und seine Familie politisch verfolgt wird, flüchtet er 1958 zum älteren Bruder Johannes nach West-Berlin. Dort macht er Abitur. Er studiert in Marburg, Braunschweig und Stuttgart und wird 1972 Kunsterzieher am Rechberg-Gymnasium Donzdorf.

Hier, in Donzdorf, begann für ihn eine äußerst fruchtbare Zeit als Regisseur, Theaterpädagoge und Künstler. 1975 gründete er das Aktionstheater Donzdorf. Sein Markenzeichen war experimentierfreudiges, körperbetontes Theater, seine Regiearbeiten fanden bald auch landesweit Beachtung. 42 Jahre lang leitete Gerhart Kraner das Aktionstheater in 120 Inszenierungen und bewirkte darüber hinaus eine Menge für die Qualität des Bühnenspiels in Baden-Württemberg. Generationen von Spielern und Besuchern hat das Aktionstheater künstlerische Impulse gegeben, neue Sichtweisen ermöglicht. Unvergessen ist die Aufführung von Faust I im Schlosspark, zu der sogar der spätere Stuttgarter Schauspieldirektor Friedrich Schirmer anreiste. Und als Künstlerischer Leiter des Landesverbands Amateurtheater entwickelte er die Fortbildung der Laienspieler weiter.

Auch mit seinen Kontakten ins Ausland hat er viel bewegt, vor allem durch das alle drei Jahre stattfindende Theaterfestival Donzdorf, das die kleine Stadt für einige Tage zum Mekka des internationalen Theaters machte. „Brücken zu bauen und ein politisches Bewusstsein zu schaffen“ – das war ihm immer wichtig. Und so holte er mit seinem Team ein ums andere Mal die Welt in die Provinz. Ensembles von unterschiedlichen Kontinenten, Gruppen aus China, der Ukraine, Israel oder Ägypten zeigten, wie modernes, oft auch politisches Theater aussehen kann.

In Donzdorf hat man Kraners Arbeit gefördert und gewürdigt. Zum 60. Geburtstag ehrte die Stadt den gebürtigen Thüringer gleich mit einer ganzen Kulturwoche. 2006 erhielt Gerhart Kraner das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk. Im gleichen Jahr wurde er als Lehrer und Leiter der Theater-AG verabschiedet.

Zu dieser Zeit lagen die internationalen Höhepunkte noch vor ihm: Im Rahmen des Theaterfestivals 2015 gastierte die Zhejiang Modern Drama Troupe aus Hangzhou in Donzdorf. Im Anschluss sprach die Deutsch-Chinesische Gesellschaft eine Einladung an das Aktionstheater aus, 2016 das „Reich der Mitte“ zu besuchen. Dafür kreierte Kraners Mitstreiter, Dietrich Roth, aus Goethes Frühwerk „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ eine Collage mit Texten des Dichterfürsten, und Kraner stellte ein Ensemble aus aktuellen und ehemaligen Spielern des Aktionstheaters zusammen, darunter Bürgermeister Martin Stölzle und Pfarrerin Katinka Kaden. Welturaufführung war in Jiaxing bei Shanghai vor 1200 konzentrierten Zuschauern, die Geräusch- und Lichteffekte, Musik und Tanz erlebten.

Jetzt, nach seiner Pensionierung, hatte er auch mehr Zeit für die Malerei, seine zweite große Leidenschaft, die in viel beachteten Ausstellungen zum Ausdruck kam. Die letzte große Schau fand 2019 im Literaturmuseum in Odessa statt, der Stadt, die er so liebte.

Nach einer Krebserkrankung engagierte er sich auf der Palliativstation der Helfensteinklinik in Geislingen von 2007 bis 2013 als Maltherapeut. „Waren es bis 2016 eher ‚narrative’ Bilder, die er malte, so widmet er sich ab 2017 seinen ‚Studien’, mit denen er versucht, dem Betrachter die Welt verständlicher zu machen, mit denen er zur Auseinandersetzung zwingt und Denkanstöße gibt“, schreibt Dietrich Roth über Kraner.

Dann erkrankte er erneut an Krebs. In der Nacht zum Montag starb Gerhart Kraner im Alter von 77 Jahren. Aufgrund der aktuellen Lage haben seine Frau Thea, seine Kinder und Enkelkinder im kleinen Kreis von ihm Abschied genommen.

Zur Person Gerhart Kraner


Lebenslauf Gerhart Kraner wurde 1942 im thüringischen Gera geboren. 1972 begann er seinen Lehrdienst am Rechberg-Gymnasium in Donzdorf. Der Künstler und Regisseur hat 42 Jahre lang das Aktionstheater Donzdorf geleitet und war Initiator und künstlerischer Leiter des Theaterfestivals Donzdorf, das 1992 ins Leben gerufen wurde und alle drei Jahre stattfindet. Von 1989 an betätigte sich Kraner als Theaterlehrer. Außerdem war er bis 2014 Künstlerischer Leiter des Landesverbands Amateurtheater Baden-Württemberg.