"Ni hao. Das ist chinesisch und heißt guten Tag", erklärt Barbara Reik und zeigt der Gruppe im Garten gleich die passende Geste dazu. Sieht lustig aus, findet Moritz Schiebel und muss wie einige seiner Mitstreiter kichern.

Nicht zum letzten Mal wie sich später herausstellt, denn alle Mitwirkenden haben ganz offensichtlich Spaß an den Übungen. Im Haus der Mitte in Bad Boll findet die erste Schnupperstunde in Tai Chi statt, was für alle Beteiligten eine ganz neue Erfahrung ist. Ganz besonders für die jungen Heranwachsenden mit unterschiedlichen Behinderungen, deshalb sind auch manche Mütter zur Unterstützung mitgekommen. Wenngleich, richtig aufgeregt ist niemand, eher neugierig.

Gespannt, wie die Menschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung auf die Übungen reagieren, ist auch Barbara Reik. Haben sie Spaß dabei oder verlieren doch schnell die Lust? Was ist mit der Koordination, dem Gleichgewicht?

Den Stein ins Rollen brachten Regine Spaich sowie Familie Blodau, letztere hatte bereits mit Tai Chi positive Erfahrungen gemacht. Zudem ist Günter Blodau Vorsitzender der gemeinnützigen Stiftung Miteinander-Füreinander, die 2011 von Eltern aus dem Kreis der Arbeits- und Lebensgemeinschaft Bad Boll gegründet wurde und inklusive Projekte unterstützt.

Mit Barbara Reik konnten die Verantwortlichen eine ausgebildete und erfahrene Tai Chi- und Qi-Gong-Lehrerin gewinnen, die seit Jahren regelmäßig auch Kinder sowie ältere Menschen in der "Kampfkunst" des chinesischen Schattenboxens unterrichtet.

"Ich bin übrigens die Barbara, im Tai Chi sagen alle du zueinander, seid ihr damit einverstanden?" Alle nicken. Überhaupt ist die Stimmung entspannt, was der lockeren und dennoch einfühlsamen Art der Trainerin geschuldet ist. "Du musst mehr in die Knie gehen. Keine Sorge, das lernen wir, dafür sind wir da", erklärt die Göppingerin mit ruhiger Stimme Standposition, Bewegungsabläufe und die richtige Atmung: "Legt eine Hand auf den Bauch und die andere auf die Brust."

Anschließend heißt es, Augen zumachen und dabei die Fußsohlen spüren. Ist nicht das Ding von Thomas Koch. Kurzerhand legt er sich ins Gras, macht aus der Waagrechten seine Übungen weiter. Kein Problem für die Trainerin, sie signalisiert dem jungen Mann, dass auch diese Position okay ist. Niemand wird zu irgendwas gezwungen, es soll ja schließlich Spaß machen.

Desirée Jouglet hält ganz entspannt die Hände ihrer Betreuerin. Gemeinsam machen sie die Übungen nach. "Desirée wollte unbedingt mitmachen, ich habe kaum erlebt, dass sie sich einmal so intensiv bewegt hätte", sagt die Betreuerin. Auch Dominik Kraus ist ganz bei sich, lässt sich von nichts und niemanden stören.

Für Barbara Reik gibt es keinen großen Unterschied zwischen Behinderten und sogenannten Normalen: "Alle erhoffen sich einen Aufbau ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Denn Tai Chi Chuan ist nicht nur Bewegungsübung, sondern auch Achtsamkeitsschulung. Das heißt zunächst einmal zur Ruhe und zu einer ruhigen Wahrnehmung zu kommen", erklärt sie.

Das Resümee: Selbst nach über einer Stunde wollten die Bewohner am Schluss gar nicht mehr aufhören. Die jungen Männer haben noch Fächer geübt. Auf einem Bein. Nachdem die Schnupperstunde in Tai Chi so gut angenommen wurde, steht einem Start des Kurses im Herbst wohl nichts mehr im Wege.